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un den Hals flog, da siegte die Freude, und statt Schelte rind Vorwürfe gab es Küsse und Liebkosungen.
Annie war aber auch in nichts dem wenig schmeichel- haften Porträt ähnlich, das ihre Beschützerin brieflich von ihr gegeben; fügsam, fleißig der Großmutter zur Hand gehend, war sie dem .«alten Rektor, der sie auf Bitten Mutter Janos zur Einsegnung vorbereitete, bald die liebste Schn- Icrin
Man befand sich wirklich einem Rätsel gegenüber.
Am Tage der Einsegnung sollte Mutter Jano dasselbe gelöst werden.
Als Annie mit ihrem Gebetbüchelchen vor der Alten stand, da rief Mutter Jano mit Thränen in den Augen: „Wenn ich Dich so ansehe, kann ich mir gar nicht denken, daß Du ein so nichtsnutziges Kind gewesen bist."
Und Annie schmiegte sich schmeichelnd an die alte Frau und flüsterte: „Verzeih' mir, Großmutter, nur so konnte ich zu Dir wieder zurückkommen ..."
Am selben Tag erhielt Frau Durendal einen reuigen Brief von ihrer einstigen Pflegetochter, in dem dieselbe ihren frommen Betrug bekannte und um Verzeihung bat.
Mer die reiche Frau hatte für solche Gefühle kein Verständnis; sie verzieh nicht, und wenn die Verwandten, um sie zu ärgern, ab und zu nach dem Kinde, dem sie einst so viel gutes gethan, fragten, dann antwortete sie ablehnend: , ,, . B
„Fragt mich nicht danach, schreiender Undank ist mein Lohn gechesen."
„Es war ein Traum!"
Nachdruck verboten.
In der Nacht auf meinen vierzigsten Geburtstag ist's gewesen. Anders gesagt: wo den Schwaben die Erleuchtung kommt. Da habe ich einen Traum gehabt, der hat mich über eine wichtige Frage aufgeklärt, über deren Antwort ich verzweifelt lange gegrübelt habe. Und daß der Verstand auch wirklich und wahrhaftig gekommen ist über Nacht, das hab ich daran gemerkt, daß ich den Traum hab deuten gekonnt.
Also ich war wieder in meinem Geburtshaus am „Ka- planeiberg" zu Kirchlich, wo ich am 10. November das Licht der Welt erblickte, hoch meine sonstigen Umstände und meine Lebenslage waren dieselbigen, wie heutigen Tages. Da fährt ein leichter, mit zwei weißen Rossen bespannter Wagen vom „Kaplaneiberg" herab, wankt und bebt nm die Ecke, als wollt' er umfallen. Ich seh's vom Kammerfenster aus und seh' mit einem Male noch mehr. Unter einem buntdnrchwirkten Baldachin arbeitet sich hinter seidenen Vorhängen und von schwellenden Polstern ein junges Weib und klimmt behutsam vom Wagen, steht unten an der Ecke und «winkt und gestikuliert lebhaft zum Kammerfenster herauf. Ich nicke ihr Antwort, daß ich komme, sie scheint unbekannt und der Hilfe zu bedürfen. Die kleine Trude, die ich auf dem Arm schaukele, setze ich an den Boden, nehme rasch meinen Hut auf, rufe Herbert, dem Nettesten, der „mit" will, zu, daß er dazubleiben habe, und eile die kleine Treppe vom Hof zur Straße hinab. Dort stand sie noch und winkte, sie rief sogar in einer mir noch unverständlichen Sprache. Und nun konnte ich auch ihr Kostüm erkennen. Blaue Seide mit viekfarbigem phantastischem Aufputz, Sammetmantel und Federbarett; ein etwas exotisches Aussehen das Ganze.
„Vous etes Frangaise, Mademoiselle?“ redete ick) sie au. „Ach- bewahre!" „Dann bitte ich um Entschuldigung; ich glaubte Ihren Ursprung nicht in meinem Vaterlande suchen zu dürfen." Darauf sie: „Ist er auch nicht, aber mit euch Deutschen rede ich deutsch." — „Aha, denke ich mir, also so ein Mädchen aus der Fremde." Und laut: „Womit kann ich Ihnen dienen?" „Ja, sagt sie, ich bin das Glück, aber hier ist schlecht vorbeikommen (der Kaplaner- berg vertrug nur Oekonomiewagen), helfen Sie nur einen Augenblick mir die Pferde führen." Es geschah und ich wurde wach. —- t ,
Was doch das Nebeneinander von damals und heute bedeuten mag? Ich habe mich besonnen, und halt! ich hab's! Grillparzer: „Der Traum ein Leben". Der Traum Dein Leben! Dein vierzigster Geburtstag will Dir die
Deutung bringen! Das Glück ist vor mir gestanden, es hat an der Ecke gehalten, es hat auch aus die Straße gerufen, herein getraut hat es sich nichjt. Es sprach zu mir aus deutsch. Es wollte weiter. Aber es war schwer vorbeizukommen. Und es kam doch vorüber. Nur einen Augenblick, dann war's vorbei. Und ich habe ihm dabei die Pferde geführt! Dann bin ich wach geworden. So und nicht anders ist's gewesen. — „Es war ein Traum."
Aber wie ist er gekommen, der Traum? Am Abend vorher habe ich im Buch; von Johanna Ambrosius geblättert. Siehe da stand es:
„Mir fuhr das Glück vorüber
Mit seiner vollen Fracht;
Ich sah sie weithin leuchten
In märchenhafter Pracht.
Der Fuhrmann wollte halten,
Mir ward's um's Herz) so schwer, Schon streckt' ich aus die Hände, Da war die Stelle leer.
Ich sah ihn in der Ferne
Hinjagen wie der Wind;
Nun sitze ich am Wege
Und weine mich saft blind."
So war's gekommen. Aber sie hat recht, die Dichterin aus dem Volke, die des Lebens Herbheit in verständnisloser Umgebung gekostet hat. „Wenn's köstlich gewesen ist, ist's Mühe und Arbeit gewesen"; denn „alles ist eitel"?
„Nur wo Du nicht bist, da ist das Glück!" —
Aber man darf es nicht sagen, höchstens dichten oder — träumen. — th.
Gemeinnütziges
Taschentuchsachet. Ein höchst originelles Sachet (Riechkissen) besteht aus gelbweißem Ripsband von zirka 6 Zentimeter Breite und 160 Zentimeter Länge, dessen Mitte mit gleichem Bande in 33 Zentimeter Länge über parfümierter Watte gefüttert ist. Ein gemaltes oder gesticktes Bduquett ziert die Mitte. Das Band wird einfach um die Tücher geschlungen und zu einer Schleife geordnet.
Citkrarifc^ci.
Kinder-Leitung. Heransgegeben von Felix von Stenglin, Groß-Lichterfelde. Inhalt von Nr. 7: Was in der Welt vorgeht: Deutsche Ansiedlungen; Der „schwarze Christian"; Einzug der Deutschen in Shangai; Zwischen Himmel und Erde; Eine Eisenbahn, die durch ein Haus fährt; Kleine Notizen. Allerlei: Ca'smeatman. Aus dem Reiche der Natur: Eine elektrische Visitenkarte. „Was John Dollond der Taucher erzählte" von Bruno H. Bürgel. „Jndianerleb en im Thüringer Wald" von Felix von Stenglin. (Forts.) Erlebnisse. Briefwechsel. Tauschccke. Anzeigen. Zn beziehen durch alle Postanstalten, Buchhandlungen u. d ie Expedition in Groß-Lichterfelde.
Magisches Quadrat.
Nachdruck verboten.
Ein vielbesprochener Name.
Ein Mädchenname.
Ein Fluß in Deutschland.
Ein Handwerker.
Ein Raubtier.
Ein Fahrzeug.
In die vorstehenden Quadrate sollen die folgenden Buchstaben so eingesetzt werden, daß die wagerechten Reihen die Worte nebenstehender Bedeutung ergeben, während" die Anfangsbuchstaben der Wörter von oben nach unten gelesen den Namen,eines oberhessischen Städtchens ergeben: A A Ä, B B, C, E E E E E E E E, G, H H, I I I, L, N N N N, R R R R, 8 8 8 S, U U, Z.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung der Schachaufgabe in vor. Nr.: (Zweizüger von L. Fothergill.)
W. Ka3, De2, Sd6, g3, Lf4, hl.
Schw. Kc3, Sa4, c6, Lb5, el, Baß.
1. Lhl— e4. 2. Neunfach matt.
«ebaltwn: E. Burkhardt. - Druck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch.Erben) in Gießen.


