— 659
Mutter Jano in ihrem Laden feilhielt, die Kauflust auch nicht angeregt.
Aber während eines Sommers kam eine elegante Dame, nachdem sie einmgl im Vorübergehen die Alte mit der Enkelm vor der Thür gesehen hatte, fast täglich, kaufte allerler Seesterne und Muscheln und machte sich mit der klernen Annie zn thun, sodaß es der Großmutter ganz schmerchelhaft war, ihr hübsches Enkeltöchterchen so bewundert zu sehen.
Frau Durendal, so hieß die Dame, war eine"wohl- habende Bürgersfrau, Witwe und ohne Kinder. Sie langweilte sich, hatte sich vorgenommen, ihrem Leben einen Zweck zu geben und ein kleines Mädchen anzunehmen, das sie als Tochter halten und betrachten wollte.
Ter Zufall hatte sie aus Paris an die bretonische Küste geführt, und als der Zufall wiederum sie nun Annie sehen ließ, da war ihre Wahl getroffen.
Mutter Jano war ja arm, und würde ein glänzendes Anerbieten nicht ablehnen.
Aber Frau Durendal irrte sich; ihr erster diesbezüglicher Vorschlag wurde entrüstet abgewiesen.
Ihre Enkeltochter verkaufen! Sie, die Großmutter, sollte das thun! War es denn nur möglich!, daß man so etwas ausdenken konnte!
Frau Durendal, die infolge der Weigerung nur noch mehr an dem einmal gefaßten Entschluß festhielt, versuchte vergebens das Doppelte, ja das Dreifache zu bieten...
Die Alte sagte nein.
Da zog die Städterin andere Seiten auf: sie sprach von der Zukunft des Kindes, der sorglosen, gesicherten Zukunft, der Annie als ihre Tochter entgegen gehen würde.
Da wurde die Großmutter unsicher.
Sie wußte, was es bedeutete, in Sorge und Angst arbeiten, und nicht wissen, ob auch wohl für den morgigen Tag genug Brot im Haus sein würde; hatte sie das Recht, aus egoistischer Liebe zu dem Kind, demselben das Leben auch so mühevoll und hart zu gestalten, wenn ihm Besseres geboten würde?
Aber war es nicht gar zu grausam, Annie nicht mehr zu sehen, für sie tot sein; denn Frau Durendal verlangte einen förmlichen Verzicht, großer Gott, war das nichk zu grausam und schwer!
Das Interesse des Kindes!
Die Worte waren wie ein „Sesam öffne dich" und lösten die altersschwachen Arme, mit denen Mutter Jano ihren Liebling an sich preßte. Und mit qualvollem Herzen gab die Großmutter nach, aber von der Lebensrente, die Frau Durendal ihr bot, wollte sie nichts wissen.
„Ich' gebe Ihnen das Kind, ich verkaufe es nicht", sagte sie schlicht; es soll nur glücklich sein, weiter will ich' nichts."
Und von da an hatte Mutter Jano allein gelebt, und in all ihr Bangen und Sehnen war immer der eine tröstende Gedanke gekommen: Annie ist glückliche und wird wie ein feines Kind gehalten. Groß und fein stellte Mutter Jano fick) ihre Annie vor. . . ach, wenn sie sie nur ein einziges Mal von weitem hätte sehen können . . . nur einen Augenblick!
Und sie hoffte auch immer noch; es war doch unmöglich, daß man ihr Herzblatt nicht einmal wieder in Me, Heimat führte. So grausam konnte doch die feine Städterin nicht sein, und wenn neue Eindrücke die Gedanken an die Heimat erst verwischt, dann mußte sie doch sicherlich mit Annie kommen. . . auf der Durch!- reise. . . wär's auch nur für eine Stunde. • .
Und Mutter Jano wartete geduldig. Wie oft stand sie auf der Ladenschwelle und hielt die zitternde Hand fchützend über die spähenden schwachen Augen, weil es ihr gewesen, als höre sie Wagenrollen.
Und die Zeit ging hin, Jahr reihte sich an Jahr; die Großmutter wurde immer gebückter, und die Enkeltochter kam nicht wieder.
Und nun mit einmal war sie da!
„Laß Dich doch nur ansehen, Annie, wie groß und fein Du bist!" . . . „Du hast also Deine alte Großmutter nicht vergessen? . . . Wie lieb von Deiner Mama, daß
sie Dir erlaubt hat, zu mir zu kommen . . . ich wußte wohl, daß sie mich nicht mit der Sehnsucht sterben lassen würde. Wo ist sie denn, damit ich ihr danken kann. .
„Ich bin allein gekommen, Großmütterchen. . . ich bin fortgelaufen. . . ich will bei Dir bleiben. .
„Aber warum? Bist Du denn nicht glücklich?"
„O ja, Mama ist gut zu mir, nur zu gut; denn ich mag mich nicht so verwöhnen lassen, wenn Dir so viel fehlt."
„Aber dafür kann Deine Mama nicht, mein Liebling, ich habe es nicht anders gewollt."
„Ja? Aber warum hat sie mich ganz von Dir getrennt? Warum soll ich Dich' vergessen? Warum darf ich! nicht einmal Deinen Namen aussprechen? Sie wollte mir vorreden. Du seiest meine Amme gewesen, aber ich weiß es besser. Du bist mein einziges, liebes Großmütterchen . . ."
Und schmeichelnd lehnte Annie den blonden Kopf an die Schulter der alten Frau und plauderte von dem Aufenthalt in der Stadt. . . Die war so groß, so groß, und Annie hatte ein hübsches Zimmer und schöne Kleider und viele Spielsachen. . . Aber die Großmutter und den Strand konnte sie darum doch nicht vergessen . . ? Aber das hatte Annie nicht Frau Durendal gesagt, und als nun die Reise an die See geplant wurde, da hatte sie sich im geheimen so ganz besonders gefreut. . . und nun seien sie im Hotel, uno sie sei der Gouvernante entschlüpft . . . und nun wolle sie immer, immer bei der Großmutter bleiben. . . und leidenschaftlich umfchlangen die keinen Kinderarme die alte Frau."
Mutter Jano liefen die Thränen über die runzligen Wangen, sie herzte und küßte Annie, und dann sagte sie mit aller Willenskraft:
„Annie, Liebling, das geht ja nicht. Das wäre doch sehr undankbar gegen Deine neue Mutter, die so gut zu Dir ist. Sieh' mal, Herzchen, idy habe Dich ihr doch! gegeben — schwer genug ist mir's geworden, das weiß Gott — ich habe auch versprochen, Dich nicht wieder zu sehen, Du willst doch nicht, daß ich wortbrüchig werde . .
„Hast Du mich, denn gar nicht mehr lieb?"
„Im Gegenteil, weil ich Dich so lieb habe, spreche ich so, wenn Du älter bist, wirst Du das verstehen . . ."
„Aber wenn man mich' nun fortschickt?"
„Dann ist es etwas anderes. Aber die Mama schickt Dich nicht fort: Sie muß doch zufrieden sein, ein so niedliches, gutes Töchterchen zu haben. . ."
Das Kind schüttelte nachdenklich das Köpfchen.
Einen Augenblick war alles still, dann kam es im Flüsterton, zitternd, fast unverständlich dicht an das Ohr des Kindes: „Geh' zu Deiner Mutter zurück, mein Liebling . . . vergiß mich."
Mechanisch ließ das arme Kind sich bis an die Thür führen und dann ging sie langsam davon, die lange Straße hinauf, wo am >Ende die eleganten Hotels auftauchten. Mutter Jano stand noch in der Thür des' kleinen Ladens, als der Kinderschatten längst verschwunden war.
Auf der Terrasse des Hotels kam Annie der Gouvernante entgegen, und da letztere nicht auf den Schützling aufgepaßt, gab sie sich mit der Erklärung Annies, im Garten gewesen zu sein, gern zufrieden.
Aber von dem Tage an ging eine merkwürdige Veränderung mit dem Kinde vor sich, und als Frau Durendal mit ihrer Pflegetochter wieder in Paris anlangte, da war sie wie umgewandelt.
All die guten Eigenschaften, die die Adoptivmutter den neidischen Verwandten an dem Kinde gerühmt, hatten sich in ebensoviel Fehler verwandelt: Sie war naschhaft, faul, eigensinnig, log, und Frau Durendal hatte nur noch ein resigniertes Kopfschütteln, wenn sie ironisch nach dem „Wunderkind", wie sie Annie einst genannt hatte, gefragt wurde.
Das Zusammenleben wurde bald unerträglich', und da die Tugend der Geduld bei Frau Durendal nur sehr schwach ausgebildet war, so entschloß sie sich, das angenommene Kind der Großmutter, mit der Bitte, ihr die Last abzunehmen, wieder zurückzuschicken.
Mutter Jano wußte nicht recht, ob sie sich freuen, oder- traurig darüber sein sollte, aber als Annie ihr jauchzend


