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Nutzen vojn Seuten, die nicht im stunde sind, ihre Gedanken zusammen zu halten."
Damit ging er weiter, und die Thür seines Arbeitszimmers fiel hinter ihm ins Schloß. Sigismund atmete tief auf, aber er fühlte erst jetzt die bleierne Schwere, die ihm in Kopf und Gliedern lag. So mußte einem Menschen zu Mut sein, der, zwischen den Schienen liegend, einen langen Eisenbahnzug hat über sich! Hinwegbrausen hören, jede Sekunde des fürchterlichsten Todes gewärtig, und der nun plötzlich inne wird, daß ihm nichts geschehen sei, daß er die nervenzerreißende Angst ohne alle Not erduldet. •
Er begann den neuen Brief und war erstaunt, daß er ihn ganz fehlerlos zu Ende gebracht hatte. Mechanisch verrichtete er ebenso auch die anderen Arbeiten, die ihm von einem der Prokuristen, seinem nächsten Vorgesetzten, aufgetragen wurden, und in tätlicher Langsamkeit schlich Stunde um Stunde des düsteren Regentages dahin.
Wie es geschehen war, daß er abends nach dem Schluß des Kontors seine Schritte statt nach dem elterlichen Hause nach der Wohnung der Schauspielerinnen gerichtet hatte, darüber vermochte Sigismund sich selber kaum Rechenschaft abzulegen. Er hatte aus dem Theaterzettel an einer Straßenecke ersehen, daß weder Mutter noch Tochter an diesem Abend beschäftigt waren, und dann war er, ohne nachzudenken, weiter und weiter gegangen, bis er vor dem alten, unansehnlichen Gebäude stand, in dem all' .sein Glück und all' sein Unglück den Anfang genommen. Unschlüssig zauderte er vor dem offenen Thorweg; denn er hatte eigentlich keinen Vorwand, den Damen seinen Besuch zu machen. Elli hatte das gestrige Fest so frühzeitig verlassen, daß es fast wie Ironie aussehen würde, wenn er sich! etwa erkundigte, wie ihr die Strapaze bekommen sei, und es mußte ihm außerdem als ein Gebot des Zartgefühls erscheinen, Frau Pollnitz nach Möglichkeit a-us dem Wege zu gehen, so lange die Geldangelegenheit sich noch in der Schwebe befand.
Doch was vermochten zuletzt alle derartigen Erwägungen gegen das schmerzlich-süße Sehnen seines jungen Herzens, gegen die Allmacht einer überschwenglichen ersten Liebe? Ganz - langsam, Stufe um Stufe, stieg er die knarrende, ausgetretene Treppe empor. Auf jedem Absatz nahm er sich vor, wieder umzukehren, und dann 'hatte er mit einem Male den Griff des Glockenzuges in der Hand, von einem wonnigen Erbeben durchzuckt bei dem wohlbekannten blechernen Anschlag der Klingel.
Verhaltenen Atems lauschte er auf das Näherkommen des leichten Schrittes, der sein Herz so ost hatte in rascheren Schlägen klopfen lassen, wenn er harrend hier draußen stand. Aber er lauschte umsonst; denn drinnen blieb es totenstill. Er wußte, daß die Damen keinen jVerkehr in der Stadt unterhielten und an freien Abenden beinahe niemals ausgingen. Darum wagte er es, nach Verlauf einiger Minuten abermals und etwas stärker als zuvor zu klingeln. Da öffnete fidj; in dem darunter befindlichen Stockwerk eine Thür.
„Wünschen Sie etwa zu Frau Pollnitz?" tönte eine scharfe Weiberstimme zu ihm herauf. „Da können Sie freilich lange klingeln, ohne daß Ihnen jemand aufmacht."
„So sind die Damen ausgegangen?" fragte Sigismund, der sich! wie auf einem Unrecht ertappt fühlte, verlegen ; aber die Frau, die jetzt einige Stufen hinanf- geftiegen war und Neugierig über das Geländer spähte, lachte laut auf.
„Ausgegangen, jawohl, aber auf Nimmerwiederkehr! Ausgerückt find sie mit Sack und Pack schon in aller! Herrgottsfrühe. Meine Miete habe ich ja noch mit genauer Not gekriegt, aber ich denke, mancher andere, bei dem sie das Bezahlen bergeffen haben, wird mit Schpierzeu an sie denken."
Sigismund starrte die Frau an, als rede sie in einer ihm unbekannten Sprache. Dann schüttelte er den Kopf und brachte mit Anstrengung heraus: „Abgereist, sagen Sie? Das ist Wohl nur ein Scherz?"
„Wenn es Ihnen so spaßig vorkommt — meinetwegen! Der Direktor, der auch mit einem Vorschuß hängen geblieben ist, schien die Sache weniger lustig $u finden. Er war heute nachmittag hier, weil er meinte, sie könnten irgend etwas Wertvolles Aurückgelassen haben. Na, da
hat er sich geschnitten. Er wollte ihnen die Polizei und den Staatsanwalt ans den Hals bringen, wie er sagte; aber er wird wohl nicht viel Glück damit haben; denn das Schauspielervolk ist ja ohnedies mit allen Hunden gehetzt."
Sigismund hörte nichts von all' den Beschimpfungen, mit denen das Weib die Abwesenden überschüttete.
„Es ist also fwahr?" stammelte er. „Sie sind fort — wirklich fort?"
Und dann, als die Frau in ihrer drastischen Weise die Wahrheit des Gesagten noch einmal bekräftigt hatte, lüftete er mechanisch feinen Hut und stieg die Treppe hinab, ohne etwas weiteres zu fragen, ja, ohne überhaupt etwas zu denken. Es kam ihm nicht in den Sinn, seinen Schirm aufzuspannen, als er auf die Straße hinaustrat; denn er fühlte nichts von den Regentropfen, die ihm eiskalt ins Gesicht schlugen. Er achtete aud); nicht darauf, »wohin er feine Schritte lenkte, und mit lautloser Lippenbewegung wiederholte' er sich; nur immer aufs neue das einzige Wort: „Fort!"
Nun stand er auf dem Markte, ohne daß er sich eigentlich der Absicht -bewußt geworden wäre, dahin zu gehen. Aber er mußte doch wohl irgend einem dunklen, instinktiven Antrieb gefolgt fein, als er diese Richtung eingeschlagen hatte; denn in dem Augenblick, wo er den „König von Spanien" vor sich; liegen sah, schoß ihm Rudolf Sandorys Name durch den Kopf.
Das Weib hatte gelogen — es mußte gelogen haben, aber in Waldenberg gab es nur einen einzigen Menschen, bei dem er sich! Gewißheit darüber holen konnte, und dieser war der uneigennützige Freund der Schauspielerinnen, Rudolf Sandory.
Sigismund beschleunigte seine Schritte, und als ihm der Pförtner sagte, 'daß Herr Sandory oben auf feinem Zimmer fei, fühlte er schon eine Erleichterung, wie wenn all' dies Unbegreifliche sich nun innerhalb der nächsten Minuten aufklären und in etwas ganz harmlos Selbstverständliches verwandeln müsse.
(Fortsetzung folgt.)
Schreiender Undank.
Novellette von A. Dourliac.
Autorisierte Uebersetzung von A. Heim.
(Nachdruck verboten.)
„Großmutter, ich bin es!" Mit diesem Ausruf stürzte ein kleines Mädchen ganz außer Atem auf eine alte Frau zu, die in der Thür ihres kleinen Ladens stehend, ein Staubtuch! ausschüttelte.
Starr vor Staunen, mit gefalteten Händen und zitternden Lippen, die keine Worte zur Begrüßung finden, steht die alternde Frau da.
Was? Ist das wirklich ihre Annie? Annie, dkks lustige kleine Strandkind, dem die Seeluft die Wangen einst so dunkel gebrannt hatte, das immer mit zerzausten Haaren in den großen Holzschuhen hungrig und müde zur-Großmutter heimgetrippelt kam?
Doch! als das Kind dem ersten Ausruf ein schmeichelndes „Kennst Du mich denn nicht mehr" hinzufügte, da riß die alte Frau mit leidenschaftlicher Gebärde das Kind in den Laden, schloß heftig die Thür und preßte den Blondkopf an das grobwollene Tuch;, unter dem das alte Herz so stürmisch klopfte.
Oh! Ja! Sie erkennt ihre Annie, für die sie fo viel gelitten, fo viel gearbeitet hatte! Bei deren Lachen ihre Thränen trockneten! Deren Gegenwart sie all die Gräber, in denen Vater, Mutter, Brüder, Gatte und Kinder schliefen, vergessen ließ; die alle Zärtlichkeit nur auf das zarte kleine Kind übertragen hatte.
In stummem Entzücken blickt Großmutter Janv in das süße Kindergesicht, das sie Jahre hindurch nicht gesehen hatte.
Ja, fünf Jahre war es her; Annie war damals kaum sechs Fahre alt gewesen; die Großmutter hatte einen kleinen Laden, ganz nahe am Ende der langen Strandstraße; selten nur hatten sich die Sommergäste dorthin verirrt, und wenn sie wirklich bis dahin, gekommen, bann hatten die armseligen Muscheln und Seltenheiten die


