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f s steht in keines Menschen Macht, Daß sein Rat werd' in's Werk gebracht Und seines Gangs sich freue;
Des Höchsten Rat, der macht's allein, Daß Menschenrat gedeihe. Paul Gerhard.
(Nachdruck verboten.)
Unter dem Schwerte der Themis.
Roman von Reinhold Ort mann.
(Fortsetzung.)
Zweites Kapitel.
Die Letzten, welche das Kostümfest verlassen hatten, waren draußen von einem häßlichen, kalten Regen empfangen worden, und während des ganzen nächsten Tages dauerte dieser abscheuliche Regen fort. Mit brennenden Schläfen, aber innerlich fröstelnd hatte Sigismund am Morgen den gewohnten Weg in das Kontor zurückgelegt, und das unbehagliche Frösteln lief ihm auch in dem überheizten Raume noch immer den Rücken hinab, sobald er durch das Fenster zu seiner Linken auf den engen, düsteren Hof und auf den sch-malen, bleigrauen Himmelsstreifen blickte, der wie ein schmutziger Fetzen darüber hing.
Er fühlte sich! körperliche krank, und beim Erwachen war es ihm sogar gewesen, als ob er seinem trostlosen Tagewerk heute unmöglich nachgehen könne. Wenn er sich schließlich doch dazu aufgerafft hatte, so war es nicht so sehr das Pflichtgefühl, als die Furcht gewesen, die ihm geholfen hatte, seine Schwäche zu überwinden — jene bohrende, gedankenlähmende Furcht des bösen Gewissens, die er erst seit sechsunddreißig Stunden kannte.
Als er unter dem frischen Eindruck seines Gespräches mit Elli ihrer verzweifelnden Mutter das Geld gegeben hatte, das ihm nicht gehörte, mußte er sich in einem Zustande befunden haben, den er heute überhaupt nicht mehr begriff. Frau Pollnitz hatte mit feierlichen, Eiden gelobt, daß sie die ganze Summe noch! vor Ablauf einer Woche zurückerstatten würde, und für die Einzahlung bei der Versicherungsgesellschaft war es, wie er wußte, auch nach Ablauf von zehn Tagen noch früh genug. Diese einfache Erwägung hatte genügt, alte seine Bedenken §um Schweigen zu bringen, und erst in der Einsamkeit seines Zimmers war ihm dann das zermalmende Bewußtsein gekommen, daß er Line «Unredlichkeit begangen hatte. Wenn die Sache an den Tag kam, war er ein Ehrloser, der seines Vaters rechtschaffenen Namen befleckt hatte!
" Brennende Scham und ein Gefühl marternder Angst peinigten ihn unaufhörlich und er hätte es vielleicht vorgezogen, seinem Chef schon in der ersten Stunde aus freien Stücken ein offenes Bekenntnis abzulegeu, wenn er damit nicht auch zugleich den guten Namen der beiden schutzlosen Frauen hätte preisgeben müssen. Um so grausamer folterte ihn nun die Furcht, daß irgend ein verhängnisvoller Zufall vorzeitig eine Entdeckung herbeiführen könne. Denn wenn er auch für ganz unzweifelhaft hielt, daß ihm Frau Pollnitz das veruntreute Geld innerhalb der bezeichneten Frist auf Heller und Pfennig zurückgeben würde, so gab es doch tausend Möglichkeiten, die seine That schon vorher ans Licht bringen konnten. Und es stand in ihm als unumstößliche Gewißheit fest, daß solche Entdeckung für ihn gleichbedeutend sein,würde mit einem Todesurteil. —
Franz Norrenberg kam an diesem Vormittag gegen seine Gewohnheit erst zu ziemlich später Stunde in das Kontor, das er sonst als einer der ersten zu betreten pflegte. Sein Aussehen war geradezu mitleidswürdig, sein Gang schleppend und müde, wie der eines Kranken. Er schritt langsam zwischen den Pulten der Buchhalter hin nach der Thür seines Privatkabinetts; neben dem Arbeitsplatz Sigismunds aber blieb er stehen.
Der junge Mann wagte nicht zu atmen, während er den Blick des Bankiers auf sich! ruhen fühlte. Er hatte eben mit der Abfassung eines trockenen Geschäftsbriefes begonnen, und nun schrieb er tief gesenkten Hauptes in fliegender Hast, nur um über die unerträgliche Qual dieser endlosen Sekunden hinweg zu kommen. In seinem schmerzenden Kopfe brauste und wirbelte es, bafer (meinte, die Schläfen müßten ihm zerspringen. Er hatte in diesem Augenblick nicht mehr den geringsten Zweifel, daß, Norrenberg alles wissen müsse, und es überkam ihn mitten in seiner entsetzlichen Angst eine fast unwiderstehliche Versuchung, laut hinauszuschreien: „Ja — ja, ich habe es gethan! Werft mich ins Gefängnis, ich habe das Geld nicht abgeliesert, ich bin ein Dieb!"
„Was für sinnloses Zeug schreiben Sie da, Ruthardt!" klang ihm wie aus weiter Ferne eine leise, schwache Stimme an das Ohr. „Und Ihre Hand zittert — sind Sie krank?"
Sigismund hob verwirrt den Kopf. Er wollte den Bankier ansehen, aber eine Scheu, die stärker war als fein Wille, zog seine Augen auf das mit fast unleserlichen Schriftzügen "bedeckte Briefblatt zurück.
„Ich — nein, durchaus nicht, Herr Norrenberg!" stotterte er, „eine Gedankenlosigkeit — ich! bitte um Entschuldigung — ich werde den Brief noch einmal schreiben."
„Das/dürfte allerdings notwendig sein. Und wenn Sie sich etwa doch unwohl fühlen sollten, so gehen Sie ruhig nach Haus. In einem Bankgeschäft hat man keinen


