Ausgabe 
18.10.1900
 
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wieder nach seiner geliebten Vaterstadt hätte awswawdern dürfen. Auch das stolze Frankfurt, daH ihn durch feine Beziehungen zur Stiftung des Oheims Wohl hätte locken können, vermag ihn nicht abwendig zu machen. An Gießen fesselt ihn der Zauber, der über dem akademischen Leben liegt, der Verkehr mit gleichgesinnten Männern der Wissen­schaft, der stille Frieden der Kleinstadt und nicht zum wenigsten der Reiz der Umgebung. Gr pflegte zu sagen, daß er nur die Gegend von Biebrich am Rhein und von Neapel derjenigen von Gießen vorziehe. Ist das selbst für ein lokalpatriotisches Herz ein verwunderlicher Ver­gleich, so war die Vorliebe doch echt. In vielen seiner Gedichte behandelt er Gießener Verhältnisse, und ost kehrt in ihnen der Name der Stadt wieder. In einem latein­ischen Gedicht, das er einem seiner Briefe an seinen Bruder entnahm, um es denCarmina varia selecta" einzureihen, singt er ihr zudem ein begeistertes Loblied. Mögen andere so etwa ist der Sinn des Gedichtes Gefallen finden an den Ufern des Rheins, an der Donau oder der Elbe, ihm ist äm liebsten die Gegend der Lahn und der kleinen Wieseck. Dann werden alle uns so vertrauten Höhen auf­gezählt, zwischen denen die Sladt eingebettet daliegt. Zum Schluß bittet er die Gottheit, sie möge ihm seinen Wunsch erfüllen und ihn hier seine Tage vollenden lassen. Ich fetze einige Verse des Gedichts zugleich als Probe seiner Dichtkunst hierher:

Sunt, quibus aurigeri placeant, scio, litora Rheni, Prae cunctis, rapidusve Ister, vel navifer Albis. At mihi prae multis regio gratissima, Lanus Parvaque quam Viseca rigant, habitata colono Hassiaco, culmen Taunus*) qua quereifer altuni Elevat, et densis assuevit condere nimbis.

Qua tollit veteres Cleiberga ad sidera muros, Qua Fezbergiacae cernuntur reliquiae arcis, Et Koenigsbergae candentia moenia late, Conditaque in summa Solmana**) palatia rupe, Et navis eui forma dedit sua nomina monsque,***) Teutonieorum equitum sacra domus alta cohortis. Hos inter montes media in convalle patenti Gissa jacet, dives pratis atque ubere terrae, Circuitu non ampla quidem, sed amoena virenti Planitie, atque auras Borea purgante salubris, Lata per irrignos campos, silvasque sonoras, Aut in ventosos patet hinc spatiatio montes.

Atque utinam Nurnen non spernat Vota precantis, Et mihi quod superest det ibi eonsumere vitae.

Der Himmel hat seine Bitte erfüllt und ihn sein Leven in unseren Mauern beschließen lassen. Alle Un­annehmlichkeiten, die er in seinen letzten Jahren noch hier erfahren hat und zu denen besonders auch die durch die französische Besetzung verursachten Lasten gehören, haben ihm den Aufenthalt in unserer Stadt mcht ver­leiden können. Seiner Liebe giebt noch das kurz vor seinem Tode errichtete Testament Ausdruck. Was er der Universität vermacht und wie er so den Grund zum Auf­blühen der Bibliothek gelegt hat, haben wir oben gesehen. Aber auch der Stadt selbst und ihrer Armen gedachte er. Dem Stadt- und dem Burg-Kirchen-Kasten hinterließ er je 100 Gulden, deren Zinsen jedesmal an seinem Todes­tage den beiden Predigern, welche nicht Superintendenten! find, zugestellt werden sollten. Der Armenkasten erhielt 1000 Gulden, mit deren Zinsen noch heute alljährlich eine arme Familie unterstützt wird.

Wie sein Testament ihn uns zeigt, so hat er sich auch im Leben bewährt. Ein aufopfernder und liebevoller Gatte und Mater, hatte er für jedermann ein warmes Herz Wir können zu seiner Charakteristik keine besseren Worte finden, als sie ihm Nebel in den hessischen Denk­würdigkeiten nachgerufen hat:

Notleidenden war er der terlnehmendste Freund, und er teilte mit freigebiger Hand reiche Spenden unter sie aus Vielleicht hrnterging ihn mancher derselben unter der Larve der Religiosität. Aber wer vermag hier zu richten, wenn man das edle Herz des Gebers erblickt!

*) Dünsberg.

**) Hohensolms. . . .

***) Der Name Schiffenberg wird hier irrig von der «estalt »es Nerzes hergeleitet.

Mtzäkt'-ei! G. »«*4 rm» Beetaf »er Brüh!'schrei

Er war ein in unserem Zeitalter seltenes Mustsr echter Religiosität. Ohne daß er Kopfhänger war, bekannt« er ich frei und offen zu dem Glauben seiner Väter, er be­uchte den öffentlichen Gottesdienst fleißig . . . Ungeachtet er lebhaft und von sanguinischem Temperament war, und eine Affekten nicht selten aufbrausten, so hatte er doch )urch anhaltende Hebung und durch Grundsätze eine eltene Stärke über sich selbst erlangt. Glaubte er Un­recht gethan zu haben, so machte er mit einem offenen Geständnis und mit reichen Händen es wieder gut. Er ertrug die Fehler anderer mit Sanftheit und deckte sie mit dem Mantel der Liebe zu, er redete von niemanden übel und er hatte das seltene Glück, keinen Feind zu haben und von allen bedauert aus der Welt zu scheiden".

Hundert Jahre sind seit dem Tode Karl Renatus vou Senkenbergs dahingegangen. Aus dem Gießencir­cuitu non ampla", das er so sehr liebte, ist eine ausgedehnte Stadt geworden, und modernes Hasten und Treiben geht durch die einst so stillen Straßen. Aber wie er der Stadt, so hat sie ihm die Treue gehalten über das Grab hinaus. Zwar kennen wir nicht die Stätte, da seine Gebeine ruhen, aber eine Straße hat die dankbare Nachwelt nach ihm benannt und in goldenen Lettern leuchtet sein Name über der Pforte der Universitäts-Bibliothek. So bleibt fsin Ge­dächtnis lebendig in den Herzen seiner Gießener. K. v

Ltttevavisches.

In München herrschte Anfang Oktober ein äußerst bewegtes, festliches Leben. Die frohe Daseinslust der Münchener Bevölkerung konnte sich auf dem Oktoberfeste wieder einmal gründlich austobeu, und zu all' dem bunten Jahrmarktstreiben kommen noch die glänzenden Feierlichkeiten, welche zu Ehren der Vermählung des Prinzen Albert von Belgien und der Prinzessin Elisabeth in Bayern veranstaltet wurden. Eine hübsche Aufnahme des jungen Paares, sowie interesiante Bilder von den Volksbelustigungen bringt die neueste (siebente) Nummer der Weiler» Welt". Wie bisher, bietet diese Zeitschrift auch diesesmal wieder eine Fülle intereffanter Aufnahmen, die dem Leser die jüngst stattgehabten Ereigniffe bildlich veranschaulichen sollen. Gediegene Auf­sätze, künstlerisch wertvolle Illustrationen, Fortsetzungen eines Romanes und einer Novelle, Behandlungen intereffanter Zeitfragen werden auch die höchsten Ansprüche befriedigen. Bemerkt sei noch, daß die einzelne Nummer (Union, Deutsche Berlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin) nur 26 Pfg. kostet.

Skatairfgahe.

Nachdruck verboten.

(a b c d die vier Farben; A; K König; D Same, Ober;

B Bube, Wenzel, Unter; V M H btc drei Spieler.)

V, der Spieler in Vorhand, ist wütend darüber, daß er lange kein Spiel bekommen, und beschließt, auf folgende Karte in jedem Fall zu spielen, um den Göttern was zu opfern.

aK, 9, 8, 7; cA; dA, v, 9, 8, 7.

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M hatte gepaßt, aber H reizte bis b-Handspiel. V erklärt nun­mehr a-Handspiel und gewinnt zu seiner eigenen Ueberraschnng das Spiel mit Schneider, obwohl im Skat nur 3 Augen lagen. Die Gegner kommen bis 29. Wie saßen die Karten? Wie ging das Spiel?

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Inhalt, Anhalt, Vorhalt, Hinterhalt.

Auflösung des Preisrätsels in Nr. 148:

Treulich bringt ein jedes Jahr Welkes Laub und welkes Hoffen. Lenau.

Es gingen insgesamt 17 richtige Lösungen ein, das Los fiel auf Nr. 6. Einfender: Hermann Möller, Gießen, Löberstraße 6III.

Der Preis Heinrich Seidels Erzählende Schriften, Band V ist von dem Gewinner gegen Vorzeigung der Abonnementsquittung in der Geschäftsstelle derFamilienblätter" in Empfang zu nehmen.

Uw»erstt4t«-Bnch- und Stetndrnckerei (Pietsch Setzen) in Siesten.