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So wurde Wien die Geburtsstadt unseres Karl Re- “V " s- Sein Vater heiratete dort in zweiter Ehe Sophie Elisabeth Frenn von Palm, die ihm am 23. Mai 1751 ihren ersten Sohn gebar. Das Kind erhielt in der Taufe die Namen Renatus Leopold Christian Karl, bereit erster der Rufname wurde; den letzten pflegte später der Schriftsteller seinen Schriften vorzusetzen, weil er ihn für den schönsten deutschen Mannesnamen hielt. Ihm gesellte sich noch ein jüngerer Bruder, der in sardinische Kriegsdienste trat, als Hauptmann den Abschied nahm und 1842 kinderlos starb _ Renatus Karl hat uus sein Leben selber erzählt. Seine Darstellung, die übrigens durch vor ihr erschienene Nekro-> löge anderer Schriftsteller bestätigt wird, zeigt uns ein begabtes Kind,das indessen seine Frühreife mit jahrelang anhaltendem Siechtum büßen mußte. Vom uenuten bis ms dreizehnte Jahr litt er an heftigem mit Schwindel verbundenem Kopfweh, Schlaflosigkeit und Trägheit bei Tage Infolge dieser Zustände blieb er im Wachstum Äurucf und erlitt eine Schwächung seiner Kopsnerven. Spater erholte er sich jedoch so vollkommen wieder, daß er, obgleich von zarter Beschaffenheit, doch bis zu seinem Tode nicht ernstlich krank war. i
Seinen ersten Unterricht erhielt er durch einen Kandidaten der Theologie, der ihn bis zu seinem neunten ^ahre so weit brachte, daß er Cornelius Nepos, Justinus und einiges von Sueton übersetzen, sowie griechisch lesen konnte. Französisch! sprechen lernte er von einem Bedienten Neben diesen sprachlichen Fertigkeiten hatte er gute Kenntnisse in der Geschichte, Geographie und Rechenkunst erworben. In den Jahren seiner Krankheit wurden die I ötuinen nur mäßig fortgesetzt, daun aber, als er langsam I genesen war, übernahm sein Vater selbst die Leitung seines I Unterrichts. Glücklich, wer einen Vater besitzt, der selber I hochgebildet, die Fähigkeiten des Sohnes erkennt und I )te in die rechten Bahnen zu lenken versteht! Was andere I ost tnt Finstern tappend sich mühsam erringen müssen, I fallt solchen Kindern fast spielend zu. So war es bei Karl I Renatus. Der Vater war ein bedeutender Kopf, von um- I fassender Bildung, vorzüglicher Jurist und ein unbestech- I Ucher Beamter. Wegen seiner hervorragenden Verdienste I hatte ihn der Kaiser 1751 in den Reichsfreiherrnstand I erhoben, und als er 1768 starb, hatte seine rastlose Thätig- I feit seine Gesundheit untergraben und ihn einem frühen I Tode.entgegengeführt. Dieser Mann beschränkte den Unter- I richt seines Sohnes nicht auf die üblichen Lehrgegenstände, I er führte ihn auch frühzeitig, schon mit dreizehn Jahren, I tn die Diplomatik und die Rechtswissenschaft ein. Beide I blieben die Lieblingsfächer des eifrigen Schülers. Das 1 einzige von ihm bekannte Bild stellt ihn dar als Kind, I eine Urkunde in der Hand und umgeben von juristischen I Büchern. Nach dem Tode des Vaters bezog Karl Renatus I siebzehnjährig die Universität Göttingen und ging von I da 1771 nach! Straßburg. Wie er hier ankam, als Goethe, I der große Landsmann seines Vaters, gerade die Stadt I Erwins verlassen hatte, so sehen wir ihn auch in Wetzlar I am Reichskammergericht erscheinen, als eben der Dichter I des „Werther" der alten Reichsstadt den Rücken gekehrt I hatte. Kaum war er hier in Thätigkeit getreten, so I
I nbtigte ihn der jähe Tod seines Oheims Johann Christian I zu emem längeren Aufenthalt in Frankfurt und später I Emer wiederholten Reisen nach dieser Stadt, um seine I ^flrchlen als Aufseher der berühmten Senkenbergischen I Stiftung, deren Urheber eben jener Oheim war, zu er« I füllen. Aus Gesundheitsrücksichten unternahm er dann I 1 Reife durch Tirol nach Italien, von der er I mit Entzücken in seiner Lebensbeschreibung spricht. In I Rom wurde er von der Dichtergesellschaft, „die Arkädier" I genannt, als Mitglied aufgenommen, eine Ehre, die er I Ä ?enlg schätzte, obgleich die Dichtkunst vielleicht seine I schwächste Seite war. Als Mitglied dieser Gesellschaft er« I hwlt er den Namen Polydorus Nemeaeus und „nach I der sonderbaren Weise dieser Gesellschaft noch einen großen I Lehnbrief über die Nemäischen Felder, wo Herkules den I Löwen erlegt hat". Als Polydorus Nemeaeus hat Senken- I berg ein. Bändchen lateinischer und griechischer Gedichte I herausgegeben, außerdem anonym eine Sammlung in I deutscher Sprache unter dem Titel „Gedichte eines Christen" I Auch dramatisch versuchte er sich, an dem Stoff, den ihm I das Schicksal der Charlotte Corday bot.
I ®on seiner Reise heimgekehrt wurde er im Januar I 11 von Landgraf Ludwig IX. zum Regierungs-Assessor I in Gießen ernannt. Nun hatte er den Hafen gefunden, I sw! dem sem Lebensschifflein dauernd vor Anker gehen follte. Er heiratete hier im April 1776 eine Anverwandte, I Anna Margarethe von Rauen und erhielt von ihr im I Mgenden Jahre sein einziges Kind, die oben erwähnte I Tochter.
I Eießen sand Senkenberg nach seinen eigenen Worten „bey Akten und Büchern und freundschaftlichem Umgang eine seinem Wunsch gemäße Lebensart" und „genoß einer ungestörten Gesundheit". Einmal jedoch wurde fein ^dhll durch einen unangenehmen Zwischen- falt unterbrochen, den wir hier nicht übergehen dürfen. Unter den Papieren seines Vaters hatte er die Abschrift einer Urfunbe gefunden, bie für die am bairischen Erb- folgestreit beteiligten Häuser die Streitfrage zu gunsten d^sft^sWhsviAischen. Ansprüche und zum Nachteil des öfter« reichifchen Hofes löste. Er brachte diese Abschrift zur Kennt- nis von Kurpfalz, wie er nachher aussagte, nur, um dem Recht zum Sieg zu verhelfen und unnützem Blut- v ergieß en vorzubeugen. Man hat auch nie gehört, daß er Geld oder andere Vorteile für diesen angeblichen „Verrat" erhalten habe. Auf einer Reise nach! Wien wurde er indessen dort verhaftet, vernommen, wieder frei ae- lassen, und konnte endlich nach sieben Monaten nach Hause reisen, verbannt aus den österreichischen Staaten. Erst Kaiser Franz II. hob 1792 die Verbannung auf.
Bald nach seiner Rückkehr (1780) wurde Senkendem zum Regierungsrat ernannt, legte aber schon nach vier Zähren sem Amt freiwillig nieder, um ganz den Wisfen- schasten und Jemen schriftstellerischen Arbeiten leben zu tonnen. Nur wenige Reisen unterbrachen das beschauliche Dasein, von dem er selbst eine so getreue Beschreibung 1 It- ivLL-
Gießen war dem Vielgewanderten zur zweiten Heimat geworden In seinem Hause am Brandplatz (an der Stelle wo fetzt das Kreisamts-Gebüiide steht) sammelte er seine reicheBibliothek, seine Handschriften imd Urkunden Hwr ^^vfaßie er den größten Teil seiner Schriften, meist staats- rechtlichen und historischen Inhalts, deren er selber 31 ?wMhlt. In Spaziergängen und kleinen Gesellschaften fand er Erholung von seinem Tagewerk, das jede Stunde des.Tages weise ausnützte. Seine Lust am Lehren be- thatigte er durch das Erteilen von Unterricht in der geliebten Diplomatik und in der Reichsgeschichte an junge Leute nachdem seine Tochter seinem Unterricht entwachsen war'
.So sympathisch uns dies stille Gelehrtenleben er« ftchint, so giebt es doch noch einen Punkt, der uns diesen Mann näher bringt: seine Vorliebe für unsere Stadt Zu enter Zeit, da alle, die unsere Stadt kennen lernten nur Schlimmes von ihr, ihren Festungswerken, ihren Gassen, ihren Burgern, ihren Professoren und Studenten zu berichten wissen, nimmt Karl Renatus von Senfenbera' per dw schönsten Städte Deutschlands und Italiens ae- sehen hat, in Gießen seinen Wohnsitz. Er behält ihn bei als nichts mehr ihn an die Stabt bindet, als er sogar
wurde verleihen wollte. Er aber lehnte bescheiden unter Hinweis auf seine große Jugend ab. Erst viel später (1736) wurde er von der Ludoviciana zum Doctor jurisutrinsaue promoviert. In den nächsten Jahren nach seinem Weggang von Gießen finden wir Heinrich Christian Senkendem mit seiner weiteren Ausbildung beschäftigt. Endlich (1735) wird er Univerfitäts-Syndikus und außerordentlicher Pro-
Rechte in Göttingen. Von dort wird er 1738 als Regierungsrat und Ordinarius der Rechtswissenschaft an die Universität Gießen berufen. Freudig folgte er dem Rufe nach der Stadt, tu der er seine glückliche Jugend verlebt hatte, und hier gründete er sich seinen Hausstand der leider nur von kurzer Dauer sein sollte. Denn schon nach dreiviertel Jahren starb ihm seine Gattin im Wochen- ÄUlt= ^?bmgen Tagen folgte ihr das eben geborene ^wse Schicksalsschläge machten ihm das Leben tn Gießen unerträglich Er legte seine Aemter nieder und zog sich, nach Frankfurt zurück. Am 7. Oktober wurde b'vunz I. zum Reichshofrat ernannt und peoelte bald darauf mit feinem Collegium nach der Kaiserstadt an der Donau über. 1


