(Nachdruck verboten.)
Unter dem Schwerte der Themis.
Roman von Rsinhokö Ortmann.
(Fortsetzung.)
Die Bewegung überwältigte ihn; . seine Schultern bsbten wie in einem mühsam niedergehaltenen Schluchzen. Auf Sandory aber hatte die erschütternde Klage offenbar nur sehr geringen Eindruck hervorgebracht.
„Das alles würde doch nur einen Sinn haben, wenn ich als Ihr Feind gekommen wäre. Aber meine Absichten sind von der friedlichsten Art. Auch für mich ist die Vergangenheit tot — ganz tot, und ich bin vollkommen damit einverstanden, daß wir sie künftig so selten als möglich erwähnen. Sie werden mich Ihren hiesigen Bekannten als einen alten Freund vorstellen, für dessen persönliche Ehrenhaftigkeit Sie durch Ihre gewichtige Empfehlung gleichsam volle Bürgschaft übernehmen; — Sie werden mich in die gute. Gesellschaft von Waldenberg einführen, und ich verspreche Ihnen, daß mein Verhalten Ihnen nur Ehre machen soll. Es müßte Ihnen doch eigentlich ein Vergnügen sein, mir diesen geringfügigen Dienst zu »rweisen".
Norrenberg nahm die Visitenkarte vom Tische und hielt sie dem anderen entgegen. „Und dieser erborgte Name? Halten.Sie es für so leicht, deutsche Behörden zu täuschen? Man würde alles entdecken, und für mich bliebe dann nichts anderes übrig, als eine Kugel oder ein Sprung ins Wasser".
„Seien Sie unbesorgt! Meine Legitimationspapiere sind in bester Ordnung. Auch wenn die Waldenberger Polizei mißtrauisch genug wäre, in jedem harmlosen Fremdling einen Verbrecher zu wittern, würde sie mich doch unbehelligt lassen .müssen".
Der Bankier seufzte tief auf; dann aber, als sei ihm plötzlich ein rettender Gedanke gekommen, sagte er mit nachdrücklicher Betonung: „Und doch ist es unmöglich Ei» selber werden nicht länger darauf bestehen, wenn
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f aran erkenn' ich den gelehrten Herrn:
Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern;
Was ihr nicht faßt, das fehlt euch ganz und gar;
WaS ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr;
Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht;
Was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht.
Goethe, Faust II, 1.
Sie erfahren, daß der zweite Staatsanwalt am Waldenberger Landgericht der Verlobte meiner Tochter ist".
„Eine interessante Neuigkeit — in der That! Ich gratuliere Ihnen aufrichtig. Vernrutlich ist dieser Staatsanwalt ein sehr netter und umgänglicher Mensch; denn Fräulein Dora ist doch wohl berechtigt, einige Ansprüche zu stellen. Ich werde mich freuen, seine Bekanntschaft zu machen".
„Wie? Sie denken also noch immer daran, Ihre tolle Idee wirklich zur Ausführung zu bringen?"
„Lieber Freund, es ist völlig verlorene Mühe, mich anderen Sinnes machen zu wollen. Ich bin keine Wetterfahne, und ich habe außerdem in diesem Fall ganz besonders triftige Gründe. Kommen wir also zum Schluß Welchen Weg halten Sie für den einfachsten, mich mit den angesehenen Familien der Stadt bekannt zu machen?"
Noch einmal hatte Norrenberg wie abwehrend die Hand erheben wollen, aber er lieh sie sogleich wieder sinken und gab in einem Tone müder Hoffnungslosigkeit zurück- „Darüber werde ich Ihnen morgen Auskunft geben, wenn ufj! Zeit gehabt habe, mit mir selber zu Rate zu gehen. In diesem Augenblick bin ich kaum noch eines klaren Gedankens fähig, und ich bitte Sie deshalb in Ihrem eigenen Interesse, mich zu schonen. Eine Gnadenfrist von vrerundzwanzig Stunden werden Sie mir doch wenigstens gewähren können".
„Mit dem größten Vergnügen. Gestatten Sie mir also, Ihnen den nächsten Besuch nicht hier, sondern in Ihrer Privatwohnung zu machen. Wir wollen annehmen, daß Sie mich soeben für morgen zum Mittagessen eingeladen hätten, und daß diese Einladung von mir mit verbindlichstem Danke angenommen worden wäre. Ich werde mich so zeitig einfindcn, daß uns vor dem Essen noch ein Stündchen zu gemütlichem Geplauder unter vier Augen verbleibt".
Der Bankier machte keinen Versuch mehr, sich gegen den überlegenen Willen seines Besuchers aufzulehnen. Er nickte nur bejahend, und seine Stimme war ganz klanglos geworden, als er sagte: „Also um vier Uhr, wenn es Ihnen beliebt. Ich werde meine Tochter vorbereiten. Meine Frau ist schon seit vier Jahren tot".
„Das betrübt mich aufrichtig — eine so treffliche Dame! — Natürlich wird auch der Herr Staatsanwalt zugegen sein — ich bitte ausdrücklich darum. Sie dürfen mir diesen Wunsch durchaus nicht abschlagen, lieber Freund!"
„Ich! werde ihn zu Tische bitten, wenn Sie darauf bestehen. Auf Ihr Haupt aber falle die Verantwortung für alles, was sich daraus ergiebt".
„Natürlich! — Und nun, damit Ihre Angestellten nichts Verwunderliches in meinem Besuche finden, wollen


