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in den Künstlerateliers von Wien und Budapest Besuche ab. Nach dem Mittagessen, das gewöhnlich, um halb vier Uhr stattfindet, wird die Arbeit am Schreibtisch fortgesetzt bts zur Zeit, wo der Monarch sich zur Ruhe begiebt; denn selten nur pflegt er Theater und Konzerte zu besuchen, und auch Privatvisiten werden nur ungern abgestattet. Statt dessen verwendet der Kaiser gern die Abendstunden zu Lektüre von Zeitungen, vonLeuen ihm eine Anzahl inländrscher vollständig vorliegen, während von anderen eine Auswahl in Form von zettelweise auf grbßen Bogen ausgeklebten Ausschnitten zurechtgemacht wird, wobei einem on btt zufolge allerdings mancherlei unterdrückt wird, wovon dre Kanzlei annimmt, daß es an allerhöchster Stelle Mtß- stimtnung erregen könnte.
Der Kaiser geht meistens schon um 9 Uhr zu Bett, da er trotz seiner 70 Jahre das Nachmittagsschläfchen gänzltch verschmäht und nach 17 stündiger fast ununterbrochener Thütigkeit so ermüdet ist, daß er fast augenblicklich entschlaft. Nichtsdestoweniger ereignet es sich, oft, daß der Kaiser, der beim Einlaufen wichtiger Nachrichten unverzüglich geweckt werden muß, sich auch' mitten in der Nacht an den Schreibtisch begiebt und sofort seine Weisungen niederschreibt, die schon wenige Minuten daraus von dem in der Hofburg befindlicher« Telegraphenamte in die Provinzen hinaus weiter gegeben werden.
Der Wiener Hof ist zwar durch Prachtentsaltung und eine ganz vorzügliche Küche bei festlichen Gelegenheiten in ganz Europa berühmt; für seine Person aber sind die materiellen Ansprüche des Kaisers auffallend gering, und seine Lebensweise ist die denkbar einfachste. Nach, dem Morgenkaffee vergehen viele Stunden bis er etwas genießt, und es wird meist Mittag, ehe der Kaiser wieder etwas zu sich nimmt, wobei Goulasch, nach ungarischer Art zubereitet, bevorzugt wird, zu dem er ein Krügel schäumenden Ptlsener Bieres trinkt, welches aus einem nahen, durch seinen ausgezeichneten Stoff berühmten Restaurant geholt wirb. Im Wrigen ist der Kaiser kein Freund alkoholisch^^ Getränke, was ihn jedoch nicht hindert, seinen Gästen das beste vorsetzen zu lassen, was an feinen Weinen im Keller liegt, der neben den in der ganzen Welt berühmten Rheinwein- und Bordeauxmarken kostbare Schätze von Vöslauer Weinen und den feurigen Tropfen der Hegyallya enthält. Das gewöhnliche Mittagsmahl besteht nur aus Suppe, Rmd- fleisch Braten nnd Mehlspeise und wird in weniger als einer halben Stunde abgewickelt, ganz einfach ist auch der Imbiß, den der Kaiser abends etwa noch genießt.
Das liebste Vergnügen des Monarchen ist es, wenn es ihm seine Zeit gestattet, aus dem Zwange der Residenz zu entfliehen und in den Alpenbergen dem edlen Watdwerk zu huldigen. In dem einfachen Jagdschlößchen bei Mürzsteg in Steiermark oder am Kaiserschild bei Eisenerz vereint er dann ‘eine puserlesene Gesellschaft, in der sein intimer Freund, König Albert von Sachsen und sein Schwiegersohn, Prinz Leopold von Bayern, selten fehlen. Roch ehe im Osten das Frührot schimmert, geht es dann in den Hochi- gebirgswald auf die Hahnenbalz und die Gemsjagd oder zur Pirsche auf Hirschwild, und das steirische Bäuerlein, welches da auf schmalen Gebirgspfad einer Anzahl Stadtherren im Lodenrock begegnet, grüßt ehrfurchtsvoll den Monarchen, dessen Bild in jeder Alpenhütte hängt und der im schlichten Jägerkleide seinem Herzen unendlich viel näher tritt als im weißen Generalsrock und grünen Federbusch.
Die Last der Jahre ist an Franz Josef nicht spurlos vorüber gegangen, und der Schnee des Alters bedeckt sein Haupt. Dank seiner guten Gesundheit und regelmäßigen Lebensweise ist ihm aber eine Elastizität des Geistes und Körpers geblieben, um die ihn mancher Vierzigjähriger beneiden kann.
Das Geschick hat dem Monarchen reine der schweren Prüfungen erspart, die einen Menschen treffen können. Der Verlust der Vormachtstellung in Italien und Deutschland, die blutige Revolution in Ungarn, welche in ihren Folgen fast 20 Jahre später zur Zweiherrschaft führte, die nationalen Kämpfe, die seit langen Jahren das Lebensmark der Monarchie angreifen und den Hemmschuh volks
wirtschaftlicher Entwickelung bilden, werden keineswegs ausgeglichen durch die Erwerbung Bosniens und der Herzegowina, wenngleich man diesen Besitz, welcher wohl nicht der einzige auf der Balkanhalbinsel bleiben wird, nicht in seinem Werte unterschätzen darf. Aber schwerer noch als das mannigfaltige politische Ungemachs mußten den Kaiser die zahlreichen Katastrophen in der eigenen Familie treffen. Die Schicksalstragädie im fernen Mexiko, wo fern Bruder Maximilian den kurzen Kaisertraum mit dem Leben bezahlen mußte, der gewaltsame, für die Welt noch immer unaufgeklärte Tod seines einzigen Sohnes, des Kronprinzen Rubolf zu Mayerling, und endlich die Ermochung ferner Gemahlin, der Kaiserin Elisabeth zu Genf, wie noch manches andere Unglück in der Familie mußten das Gemüt des Kaisers schwer erschüttern, und nur tiefe, echte Relt- giosität und ein eisernes Pflichtgefühl konnten ihm über diese furchtbaren Ereignisse hinweghelfen.
Ob die Weltanschauung, die ihm sein Religionslehrer, der spätere Kardinal-Erzbischof Rauscher, einprägte, rhm immer von Nutzen gewesen sein mag, und ob es ihm immer gelungen ist, die besten Ratgeber zu finden, als er Leute tote Bach, Schmerling, Beust, Taaffe und Badem an bte Spitze bet Staatsgeschäfte berief, dies zu beurtetlen ist Sache des Politikers und einer späteren Geschichtsschretb- ung Ihm selber aber gebührt der Ruhm, mit allen fernen Kräften redlich das Beste gewollt zu haben und
„in magnis voluisae sat est.“ (Großes gewollt zu haben genügt.)
Wenn aber Bismarcks Wort wahr ich daß Oesterreich- Ungarn für Europa eine Notwendigkeit ist, und daß mau es schaffen müßte, wenn es nicht schon da wäre, so ist es ebenso wahr, daß dieses schwer zu regierende Reich fernen pflichtgetreueren und gütigeren Monarchen haben kann als Franz Josef es ist.
Ob nach dem Ausspruchs des biblischen Psalmisten sein arbeitsvolles Leben „köstlich" oder vielmehr nicht ent bitterer Leidenskelch gewesen, kann nur er selbst beurtetlen. Mer ehrfurchtsvoll beugen sich! an dem Tage, wo er dte Schwelle des 71. Jahres überschreitet, allenthalben auf dem zivilisierten Erdenrund und namentlich int Deutschen Reiche die Herzen vor der Majestät des Kaisers aus habsburgisch-lothringischem Stamme, und der enthusiastische Empfang, den er erst vor wenigen Monaten in des Deutschen Reiches Hauptstadt gefunden, beweist, daß aus dem ehrlichsten Herzensgründe der Segenswunsch kommt, den wir ihm heute zurufen: „H eil Fr anz I o se f!"
Magisches Dreieck.
Nachdruck verboten.
In die Felder nebenstehender Figur sollen die Buchstaben a a, b b, e e, h, l l, n n, o o, r r derart eingetragen werden, daß die einander entsprechenden wagcrcchten und senkrechten Reihen gleichlautend folgendes ergeben:
1. Einen Titel.
2. Biblischen Namen.
3. Tier des Waldes.
4. Teil von Polen.
5. Einen Buchstaben.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: Leiter — Liter.
Auflösung des Preisrätsels in Nr. 109:
Es schreit nur, wer nicht reden kann, Es schimpft, wer nichts zu sagen weiß, Es flucht nur ein geschlag'ner Mann; Des Starken Rede klinget leis.
Es gingen insgesamt 5 richtige Losungen ein, das Los fiel auf Nr. 2. Einsender: Klara Simon, Gießen, Frankfurterstr. 10.
Der Preis — H. Seidel, Erzählende Schriften, Bd. 4, geb. — ist von dem Gewinner gegen Vorzeigung der Abonnementsquittung in der Geschäftsstelle der „Familienblätter" in Empfang zu nehmen.
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Uutvcrstt«i<-V«ch- und Gtrtudruckcrei (Pietsch ®r6fn) in Sienra.


