Ausgabe 
18.8.1900
 
Einzelbild herunterladen

462

Sie zauderte, ihn'zu berühren; aber es war sonst keiner in der Nähe, der ihr hätte helfen können, und so mußte sie sich wohl entschließen, sein Erbieten anzunehmen. Er geleitete sie in ein Zimmer des Erdgeschosses und schaffte dann eilig Wasser und ein Tuch herbei, um ihre Wunde zu kühlen. Die Verletzung erwies sich als ganz unbedeutend, und auch die lähmende Nachwirkung des ausgestandenen Entsetzens begann rasch zu schwinden. Als Franz sich zum zweitenmale über sie beugte, um die feuchte Kompresse aus ihre Stirn zu legen, nahm sie ihm das Tuch aus der Hand.

Ich danke Dir", sagte sie.Du warst es, der auf den Mann geschossen hat, nicht wahr?"

Ja. Und ich danke dem Himmel, der mich gerade rm rechten Augenblick aus dem Hause treten ließ. Nur noch eine halbe Minute und ich wäre vielleicht schon SU spät gekommen. Die geladene Pistole trage ich zum Gluck immer bei mir, seitdem ich weiß, wessen man sich von diesem Gesindel zu versehen hat. Und wenn auch meine Kugel dem Schurken eigentlich durch den Hirnkasten gehen sollte, so ist sie doch, Gott sei Dank, nicht gänzlich ins Blaue geflogen. Selbst wenn die Kerle ihn jetzt absichtlich ent­wischen lassen, mit seinem zerschwetterten Arm wird der wahnwitzige Alte nicht allzuviel Unheil mehr anrichten können".

Du hast mir das Leben gerettet, Franz! Soweit j es, sich um die Rechnung zwischen uns beiden handelt, waren wir also quitt".

Die eigentümliche Situation, der weiche Klang ihrer Stimme, den er für eine süße Verheißung nahm, ließen chn mit einem Male die gewohnte Vorsicht vergessen. Er sank neben ihrem Stuhl auf ein Knie nieder und I ergriff ihre Hand.

Nein, Elisabeth, ich bleibe nach dieser Stunde Dein Schuldner tote bisher; denn mein ganzes Dasein gehört I allein, und mit Freuden wollt ' ich es hinwerfen, I wenn rch Dir damit auch nur den kleinsten Dienst erwiese. Da mir das köstlichste Glück doch grausam versagt bleiben I soll, was könnte ich mir besseres wünschen, als für Dich zu sterben?" 1 I

Seine Worte atmeten eine so heiße Leidenschaft, daß Elisabeth rn unwillkürlichem Entsetzen ihre Hand ab- I wehrend gegen ihn ausstreckte. I

Nichts mehr von dieser Art, Franz! Ich, will es I vergessen um des Beistandes willen, den Du mir eben I geleistet, will ich nichts davon gehört haben. Doch käme jemals wieder Aehnliches über Deine Lippen, ich! dürfte I Drch nicht eine Stunde länger hier in meiner Nähe I dulden". i |

Sie war aufgestanden und wendete sich zur Thür Mit fest zusammengebissenen Zähnen erhob sich auch Franz aus seiner knieenden Stellung. I

Vergieb ch murmelte er.Ich, weiß ja, daß es Wahn­sinn ;st. Und ich werde mich zusammennehmen. Du sollst mrr nicht noch einmal mit dem Wegjagen drohen müssen".

Elisabeth ging hinauf, um ihren Reitanzug mit einem Hauskleide zu vertauschen. Als Frau von Menzelius und Charlotte später ahnungslos aus ihren Schlafzimmern zum Vorschein kamen, bemerkten sie an der jungen Gutsherrin I sslchts Ungewöhnliches außer der kleinen Stirnwunde die I fte der Wahrheit gemäß mit einem Fall erklärte. Von dem Attentat des entlassenen Tagelöhners erfuhren sie erst I viel später durch die Leute, und als Frau von Menzelius ihre Nichte dann mit /aufgeregten Fragen überschütten wollte, gab Elisabeth ihr auf freundliche, doch unzwei­deutige Weise zu verstehen, daß es ihr peinlich sei, davon zu reden, und daß sie den unerfreulichen Vorfall so schnell I als möglich vergessen zu sehen wünsche.

Den verwundeten Jakubeit aber hatten seine Verfolger in der That nicht einzuholen vermocht, und auch die Be- I lohnung, die Franz aus eigener Machtvollkommenheit spater für seine Einbringung aussetzte, hatte keinen Erfolg Der Alte blieb spurlos verschwunden, und da seine Ver­letzung allem Anschein nach eine recht schwere gewesen war galt es auf Lasdehnen bald für ausgemacht, daß er sich in irgend einen versteckten Winkel verkrochen habe, um dort elend zu sterben. |

Neuntes Kapitel.

«Ich begreife nicht, woher Du den Mut nimmst mutterseelenallein in dieser Wildnis umherzustreifen I Wenigstens von dem Verwalter könntest Du Dich doch be- Esten lassen, wenn Du es schon einmal für ganz uner- I läßlich hältst, die Feldarbeiten selbst zu besichtigen"

Elisabeth, die im Reitanzuge am Fenster stand und I «4. das Vorführen ihres Pferdes wartete, schüttelte zu EE besorgten Mahnung der Frau von Menzelius I lächelnd den Kopf. 0

Was sollte mir denn widerfahren, liebste Tantes Außer Lasdehnen giebt es in meilenweitem Umkreise keine bewohnte menschliche Niederlassung, also auch niemand vor dem ich mich fürchten könnte. Von wilden Tieren ist im Frühling gleichfalls wenig zu besorgen, und wenn- doch etwa em verirrter Wolf Gelüste nach meinem Pferde tier- spuren sollte, so werden meine beiden guten Pistolen ihm I solchen Appetit schon vertreiben". v

I ^au von Menzelius verzichtete seufzend auf weitere Einwendungen aber als sie dann Elisabeth unten in den Sattel ihres feurigen Pferdes steigen und in flotter Gangart davonsprengen sah, konnte sie sich doch nicht ent- halten, bedruckten Herzens zu murmeln:Sie hat den Mut eines Mannes; aber ihre Tollkühnheit bringt uns auf diesem entsetzlichen Stück Erde sicherlich noch alle mitein-

| ander ms Verderben".

®ie schöne, junge Reiterin war von solchen düsteren Ahnungen unverkennbar vollkommen frei. Das bange Gefühl der Verlassenheit und Ohnmacht, darunter sie wahrend der ersten Tage nach ihrer Ankunft so schwer g^Aten hatte, war längst' überwunden. Wie hart auch die Arbeit sein mochte, die in den nächsten Jahren und Jahrzehnten hier noch zu verrichten war, Elisabeth hatte ^zwischen doch die Gewißheit erlangt, daß sie ihre Kräfte urcht überstieg. Sie fühlte sich, stark und schaffensfreudig. Die Vorstellung, all den verwüsteten und verwahrlosten Boden rings umher wieder in lachende Gefilde zu ver­wandeln, spornte ihren Ehrgeiz und half ihr leicht hinweg über die zahlreichen, großen und kleinen Verdrießlich­keiten, an denen es nicht mangelte, seitdem sie zum grimmi- I S/n Verdrusse ihres Verwalters die Zügel der Regierung auf Lavdehnen selbst tn die Hand genommen hatte.

,, Das stolze Bewußtsein vollkommener Freiheit und Unabhängigkeit beglückte sie nie höher, als in diesen von angestrengter, ermüdender Arbeit ausgefüllten Tagen und Wochen. Die schreckliche Langeweile, die den beiden Damen von Menzelius das litauische Exil zu einem wahren Martyrium machte war ihr ein völlig unbekannter Be- grisf, und allabendlich, wenn sie ihr Tagewerk überdachte, regte sich § tn ihr wie Bedauern über den allzu flüchtigen Lauf der Stunden, der das Vollbringen trotz aller An­strengungen noch immer hinter dem Wollen zurückbleiben

Der scharfe Morgenritt durch die weithin sich dehnen- B ba im Vollgefühl ihrer jugendlichen Kraft und Gesundheit machte, war ein so köstliches Ver- ssvvöen, daß sie auch nach Beendigung ihrer Besichtigung noch fein Verlangen spurte, auf dem kürzesten Wege nach ^rren^u'e Surückzukehren. Wie sie es in der letzten Zeit schon öfter gethan, unternahm sie aufs Geratewohl eme jener Rekognoszierungen, die sie mit der weiteren Umgebung von Lasdehnen bekannt machen sollten, indem sie sich dabei für die Orientierung chisschließlch auf ihren vorzüglich ausgebildeten Ortssinn verließ.

. Namentlich der herrliche litauische Wald in seiner dusteren Majestät übte stets einen besonders mächtigen Rmz auf ihr Gemüt, und sie lenkte darum auch heute "ihr Pferd gegen den dunklen Streifen hin, der wie eine un- Mauer das Gesichtsfeld abschloß.

Als ste ihn erreicht hatte, ritt sie eine gute Weile ohne Sbeg und Steg rm Schritt zwischen den gewaltigen, rnoos- uberzogenen Stammen dahin. Plötzlich aber gewahrte sie deutliche Spuren eines Pfades, der ehedem wohl eine richtige Straße gewesen sein mochte.

Sie verfolgte ihn in schnellerer Gangart weiter, bis ste an eme gewaltige Lichtung gelangte, auf der einst die Hansel eines? vielleicht blühenden und wohlhabenden