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MM m Kinder- und Greiscnlocken leis' Flimmert's wie Himmelsscheinen. So nahe dem Himmel schon wieder der Greis, So nah' noch dem Himmel die Kleinen.
L o h m c y e r.
(Nachdruck verboten.)
Geächtet.
Roman von Lothar Br en kendors.
(Fortsetzung.)
Elisabeth von Marschall aber hatte noch am nämlichen Abend eine sehr ernste Unterredung mit ihrem Vetter. Sie erzählte ihm von ihrem Gespräch mit dem Alten und fügte der Mitteilung, daß sie dessen Gesuch abschlägig beschieden, in sehr nachdrücklichem Tone hinzu: „Ich mußte Deine Autorität ausrecht erhalten; aber der unglückliche Mensch that mir dabei von Herzen lech, und ich weiß nicht, ob ich mich auch in künftigen Fällen ebenso entscheiden würde. Denn ich will nicht, daß diese armen Leute, die unser wärmstes Mitgefühl verdienen, hart oder ungerecht behandelt werden. Es soll nicht dahrn kommen, daß mein Name hier zu Lande mit Abscheu genannt wird".
Franz hatte sie bis dahin schweigend angehört; nun aber sagte er mit einem merklichen Anflug von Sarkasmus- ,Wenn Du glaubst, daß dies Gesindel mit eurem milden Regiment zu lenken ist, wohl, so kann ich es ja versuchen Aber ich übernehme keine Verantwortung für das, was daraus entsteht. Und ich will ausrichtig wünschen, daß Du nicht bereust, diesem gefährlichen Burschen, dem Iakubeit, noch für eine Nacht Unterkunft auf Las- dehnen gewährt zu haben. Man hätte ihn meiner Ueber- zeugung nach besser mit der Hetzpeitsche und mit den » Hunden davongejagt".
Und in der Frühe des kommenden Tages empfrng Elisabeth den Beweis, daß er diesmal mit seiner Ansicht im Recht gewesen war. Sie hatte sich nach ihrer Gewohnheit schon beim Morgengrauen aus den Kissen erhoben und ging im Reitanzuge zu den Ställen hmuber, um sich ihr Leibpferd satteln zu lassen. Die Knechte und Mägde waren entweder bei dem Vieh beschäftigt oder sie befanden sich schon draußen auf dem Felde, so daß tn diesem Augenblick kein menschliches Wesen auf dem Hofe zu erblicken war. Da plötzliche sprang eine Gestalt hart vor dem jungen Mädchen hinter einem Leiterwagen hervor, eine wilde Verwünschung ausstoßend und einen keulen- ähnlichen Gegenstand in den erhobenen Fäusten schwingend.
Glücklicherweise hatte Elisabeth bei aller Ueber- raschung Geistesgegenwart genug, sich schnell zur Seite zu Liegen und so wenigstens dem ersten, mit furchtbarer Wucht Herniederschmetternden Schlage auszuweichen. Sie stieß einen lauten Hilferuf aus und wendete sich zur Flucht. Aber der Angreiser war offenbar entschlossen, sich; sein Opfer unter keinen Umständen entrinnen zu lassen. Er hob seine Wafse von neuem und rannte mit heiserem Wutgeschrei hinter ihr her. Wohl tauchten jetzt hier und da in den Thüren der Ställe menschliche Gestalien auf, die durch den Lärm aufmerksam gemacht worden waren, aber bis einer von ihnen die Bedrohte hätte erreichen könnn, wäre es sicher zu spät gewesen, sie vor dem Rasenden zu retten. Denn schon war er ihr so nahe gekommen, daß er aufs neue zum Schlage ausholen konnte, und an dem Verlauf der nächsten Sekrmden hing ohne Zweifel ihr Leben.
Ein nahezu wunderbarer Zufall war es, der sie vor dem schrecklichsten bewahrte. Sie strauchelte über einen im Wege liegenden Gegenstand und stürzte zu Boden. So kam es, daß auch der zweite Schlag des Meuchelmörders sie nicht erreichtes Noch bevor er aber zum drittenmale den Arm erheben konnte, krachte fast unmittelbar neben ihm ein Schuß; mit schrillem Aufschrei ließ er seine Waffe fallen, und der anscheinend getroffene rechte Arm sank ihm schlaff am Körper nieder. Sein von Wut und Schmerz verzerrtes Gesicht wendete sich in ohnmächtigem Grimm dem mit rauchender Pistole heranstürzenden Verwalter entgegen; aber als er dann gewahrte, wie von allen Seiten die Gutsleute auf ihn zueilten, um ihn zu packen, ergriff er, des blutenden, zerschossenen Armes ungeachtet, in langen Sätzen die Flucht, und sein hagerer Körper entwickelte dabei eine so erstaunliche Krast und Gewandtheit, daß der Abstand zwischen ihm und den Verfolgern mit jeder Sekunde ein größerer wurde.
„Fangt ihn!" schrie Franz von der Röcknitz den Leuten zu. „Fangt ihn — oder schlagt ihn tot! Schande über Euch, wenn Ihr den Mörder entwischen laßt!"
Er selbst aber beteiligte sich nicht an der tollen Menschenjagd. Elisabeth, die von dem schweren Fall nur für einen Augenblick betäubt worden war, richtete sich lansgsam auf, und er war ritterlich bemüht, ihr beizustehen. Sie mußte mit dem Kopf gegen einen Stein oder einen anderen scharfkantigen Gegenstand geschlagen sein; denn aus einer Stirnwunde floß das Blut, und ihre Blässe verriet, wie schwach sie sich fühlte. Sie that zwei oder drei Schritte, dann aber blieb sie wieder stehen; denn es flimmerte ihr vor den Augen, und ihre Knie bebten.
„Nimm meinen Arm, Elisabeth, und stütze Dich auf mich!" drängte Franz bittend. „Du bist nach diesem Schrecken nicht stark genug, allein in das Haus zu gehen".


