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mehr Lust und Kraft besaß, zu einer anregenden Unterhaltung, geschweige denn zu geselligen Vergnügungen. Der Mte ward darob mit der Zeit verstimmt, das häusliche Gluck, welches zu behüten und zu bewahren die vornehmste Aufgabe jeder Frau ist, litt darunter. Aber sie war eine kluge Frau und fand zur rechten Zeit den rechten Weg. Wer will sie deswegen verurteilen und schmälen?
Ich meine, hier ein Auge zudrücken, wäre Gebot der Nächstenliebe, also Tugend. Wir kommen doch nicht zusammen, um Entdeckungsreisen auf die Mängel und Schwächen anderer anzustellen, sondern um uns seiner Person, seiner Gegenwart zu erfreuen. Denkst Du nicht auch so, geschätzter Lesev'?
Und gehen die Kinder wirklich in einfachen Kleidern einher, kann nicht auch hinter einem solchen das Herz froh und glücklich schlagen? Was haben Spitzen und Eleganz mit echt kindlichem Frohsinn zu thun?
S^er soll sich vielleicht die Mutter in ihren wenigen Mußestunden hinsetzen ynb mit zierlichen Stickereien für Kinderkleider ihre Augen und ihre Gesundheit ruinieren*? Wem wäre damit gedient? Wer würde dadurch glücklicher?
Iernen wir ein Auge zudrücken, wo immer die Nächstenliebe es gebietet!
^Wir alle haben unsere Fehler und Schwächen, für welche wir die Nachsicht unserer Nebenmenschen in Anspruch nehmen müssen.
Und hast Du, werter Leser, an diesem Artikel etwas uuszusetzen, dann bitte, drücke auch hier ein Auge zu.
____________ E. Friedel.
Die Uhr.
Von Curt Müller.
Nachdruck verboten.
Eine sonderbare Marotte dieses alten Justizrates! Die Zimmer, die der alte Herr mit seiner Haushälterin allein bewohnt, sind aufs prächtigste ausgestattet. Vor allem ist in dem großen, eleganten Salon manches Prunkstück zu sehen, das würdig wäre, in einem fürstlichen Saale zu stehen. Porzellanfiguren, Marmorbüsten, Vasen, keramische Erzeugnisse, Kupferstiche und Gemälde — man glaubt, sich bei einem Antiquitätenhändler zu befinden. Ich habe manchen Vormittag in dem Salon des alten Justizrates verbracht und mich an diesen Dingen ergötzt. Das kleinste Figürchen ist für den Sammler von großem Wert, und ich fand es wohl begreiflich, daß der Herr Justizrat mit peinlicher Sorgfalt die Schätze seines Salons hütete. Aber eines fiel mir jedesmal, wenn ich diese Wertgegenstände bewunderte, auf. Was mag nur jene alte Schwarzwälder Uhr, die mitten unter den schönsten Gemälden hängt, Wertvolles an sich haben? Ich fand nichts Kostbares, nichts Eigenartiges und seltsames an ihr. In den Stuben der ärmsten Familien hört man ein derartiges Ding schlagen Die meisten dieser Uhren pflegen sogar besser zu sein als dieses alte häßliche Ding, das so unschön unter prächtigen Gemälden an reichtapezierter Wand hängt. Eine sonderbare Marotte dieses alten Justizrates! —
Es war an einem herrlichen Sommerabend. Ich saß mit dem alten Herrn in dem Salon. Die großen, hohen Fenster waren geöffnet, und herein strömte würzige, kühle Abendluft. Der alte Herr saß im Lehnstuhl, und schaute linnend hinaus durch das weit geöffnete Fenster. Die Aussicht war eine gar herrliche! Grüne Berge zogen sich längs des breiten Stromes. Auf den Bergen standen Hütten und Burgen. Auf dem Flusse schwammen Kähne und Schiffe dahin. Der Justizrat saß oft Stunden lang so wie heute da und sann und träumte. Was träumte er wohl? Ich wollte ihn nicht stören und ging betrachtend und studierend auf dem weichen persischen Teppiche einher und sah mir die herrliche Marmorbüste des Apollo, die porzellanenen Pagoden und die schönen Gemälde an. Und wieder ärgerte sch mich über diese alte häßliche Uhr, die jedem Betrachtende,l den Kunstgenuß verdarb. Ich ging an den Tisch. Auf chm stand eine Spieldose. Ich zog sie auf, und eine hübsche ^»^rmelodie erklang. Es war, als ertönten helle Silber- plötzlich schlug die alle, häßliche Uhr heiser acht Mal Wieder störte dieses Ding mir den Kunstgenuß. Aergerlich rief ich: „Sagen Sie einmal, Herr Justizrat,
warum dulden Sie denn diese alte Uhr hier in Ihrem Salon? Ich glaube, gerade hier ist sie am allerwenigsten am Platze, hier unter teueren Prachtstücken!"
„Sie ist das Teuerste von allen diesen nichtigen Gegenständen", antwortete der alte Herr.
Ich lachte unwillkürlich bei dieser Antwort auf. Der ^ustizrat aber fuhr gleichmütig fort: „Sie lachen mit Recht und mit Unrecht. Recht haben Sie, da nach meinem Tode diese Uhr als völlig wertlos weggeworfen wird Doch ich gebe Ihnen nicht Recht; denn für mich hat sie einen Wert, der nicht zu bezahlen ist. Sie ist mein bester Freund auf der Welt!" Er sah mit trübem Blick nach der Uhr und seufzte; dann fuhr er fort: „Als ich ein kleiner Knabe war, horte ich sie gern schlagen, und in kindlicher Weise äffte ich den schnarrenden Ton nach. Abends nahm mich meine Mutter oft auf ihren Schoß. Und wenn die Uhr schlug, so zahlte die Mutter taut, und ich zählte mit, und so lernte ich bis zwölf zählen. Als ich nun in die Schule kam, galt ich unter meinen Kameraden als ein gescheidter Junge denn ich konnte bis zwölf zählen und sie nicht. Sie sollten es ja erst lernen. Und das hatte ich der alten Uhr zu verdanken. Und wenn sie früh sechs Mal schlug, so war ich gar böse auf sie, denn dann mußte ich aufstehen und in die Schule gehen. Wenn sie aber abends neun Mal schlug, so nickte ich ihr dankbar zu, denn dann konnte ich zu Bette gehen. Und oft sagte ich in kindlicher Einfalt zu ihr: „Ach, liebe Uhr, schlage morgen nicht so früh, ich will einmal tüchtig ausschlafen!" Und als ich ein Jüngling war und m die Musenstadt zog, um das Jus zu studieren, da gab mw die Mutter die Uhr mit. Die Mutter legte mir ans Herz, diese Uhr ja hoch und heilig zu halten, da sie ein altes Erbstück wäre. Sie habe bereits geschlagen, als meine Mutter das Licht der Welt erblickte. Und ich hütete auch die Uhr. Ich hängte sie in meinem kleinen Studierzimmer sorgsam auf. Und wenn sie früh sechs Uhr schlug, so klang ihre schnarrende Stimme so mahnend, daß ich zu hören glaubte: sie rufe: „Auf! auf! auf! auf! auf! auf!" Und so versäumte ich nie das Kolleg. Wenn es aber Winter war und ich mit lieben Freunden beim dampfenden Grog auf meiner Bude saß, da klang uns ihr Tick-tack so traulich und uns ward so behaglich zu Mute, daß wir ost länger bei- sarnrnen blieben, als wir anfangs im Sinne hatten. Meiner Wirtin Töchterlein war ein reizendes, liebes Ding. Und ich hatte Frieda, so hieß das Mädchen, gar bald lieb, und mich auch. Und als ich ihr mein Herz ausschüttete, als ich sie an meine Brust zog, und ihr den ersten Kuß auf die purpurroten Lippen drückte, da schlug die alte, liebe Uhr so freudig, daß es mir klang, als sagte sie: „Gott segne Euch!" Und zu mancher glücklichen und zu mancher trüben Stunde schlug sie uns beiden Liebenden. Eines Tages aber packte ich meine Sachen, um in die Welt zu ziehen Weinend hals mir Frieda. Als ich nun das Mädchen in meiste Arme schloß, um ihr den Abschiedskuß auf die Lippen zu drücken, da schlug mahnend drei Mal mit kläglichem Ton die Uhr. Jetzt erst besann ich mich, daß ich im Trennungsschmerze vergessen hatte, die alte Uhr von der Wand zu nehmen. „Nun mag sie auch hängen bleiben, Frieda", sagte ich, „bis ich komme, und Dich als meine liebe grau hole. Ich lasse Dir sie als Pfand meiner Siebe und Treue hier. Sie hat geschlagen, wie ich geboren wurde; sie hat geschlagen, als ich Dich fand; sie hat geschlagen, da ich Dich lassen muß, und sie wird schlagen, wenn ich Dich wiedersehe!" Ich ließ sie hängen, und als ich nach Jahren in die Musenstadt zurückkehrte, und in meine alte Stube eintrat, da klang das Schlagen der Uhr wie ein freudiger Willkommengruß und mein Liebchen fiel mir jauchzend um den Hals. Und beide folgten mir in mein neues Heim. 3U mancher glücklichen Stunde schlug die Uhr, unsere treue Gefährtin. Und gar manches wertvolle Zimmerstück und Hausgerät schafften wir jungen Eheleute uns an, das wertvollste aber blieb uns die alte, liebe Schwarzwälderin. Doch Mötzlich wandte mir das Glück den Rücken. Meine heißgeliebte Frau wurde krank, schwer krank. Ich bflegte sie Tag und Nacht. Aber bald wußte ich, daß sie reicht mehr zu retten war. Und in einer Nacht, es war eine stürmische Novembernacht, da klammerte sich mein armes Weib fest an mich an. ^Sie rang und rang und schluchzte: „Komm' mit! O laß. mich nicht allein!" Ich aber drückte sie


