Ausgabe 
18.3.1900
 
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Um den grünen Wagen herum und hoch über ihn. hinweg schwirrten die Schwalben. Die blühenden Aepfel- zweige, die zarten Trauben des Goldregens und die lila Farbenbüschel des Flieders streiften die winzigen Schiebe­fenster, wenn das ungeheure Gefährt durch enge Wiesen­wege mußte.

Auch das Häuflein Männer und Weiber, das der Wagen mit sich führte, spürte den Frühling. Aus den fahlen, von der Ähminke zerbissenen und vom Schicksal wie mit eisernem Griffel gezeichneten Gesichtern glänzte etwas wie Lebenslust.

Welche Last rauher und oft verzweifelter Geschicke diese für den Augenblick aneinandergereihten Zigeuner­leben, die der Herbst wieder auseinanderschütteln wird, wie welke Blätter von einem Baume.

Wo kamen sie hin, wo blieben sie dereinst, wo ließen sie eine Spur zurück?!?

Nettchen saß auf der kleinen Treppe, die von der Wagenthür zum Erdboden hinuntergelassen wurde, sobald das Gefährt an seinem Ziele hielt.

In der Nähe eines Kurortes vor einem Gasthause hatte man Halt gemacht.

Das Haus lag eine Strecke vor dem Ort, und kein neugieriges Volk bildete wie an belebten Punkten eine Ansammlung rund um den Wagen.

Die Männer und Frauen waren ausgestiegen, um sich im Wirtszimmer zu erquicken.

Auch Nettchen erhob sich und gesellte sich ihnen zu. Um den großen Tisch in der Gaststube hatten sie sich im Kreise niedergelassen.

Der Wirt hatte Brot, Schinken, Eier aufgetragen, und da die Einnahme der letzten Tage eine gute gewesen, kargten die Männer nicht und bestellten Bier, Branntwein uni> Grog.

Grog fand bei allen die beifälligste Aufnahme. Trotz der lauen Frühlingsnächte froren sie durchgängig in den dünnen und dürftigen Betten, über die durch die unsicht­baren Fugen der Bretterwände des Wagens die kühle Nacht­luft dahinstrich

Eine der Frauen, deren Ernährer ein kleines, zartes Männchen, der artistische Leiter des Unternehmens war, säugte ihr Kind an der Brust. Eine zweite, ein schönes aber verblühtes Weib, die Trapezkünstlerin, scharmuzierte mit dem Gastwirt, was dessen ab- und zugehende Gattin mit Achselzucken übersah.

Ein junges Mädchen in einem verwachsenen Matrosen­anzug stand am Fenster und blickte gelangweilt hinaus, Rosi, dre Antipodenkünstlerin, deren Schwester, ein zartes Kind von acht Jahren, sich >neben sie drängte, um auch etwas zu sehen. Unmutig schob Rosi das Kind beiseite, das sich aber nicht abweisen ließ, sondern, geschickt wie ein Kätzchen, der Schwester am Rücken hinaufkletterte. Diese beiden waren die Kinder des Direktors. Draußen auf dem Hofe wurden Kühe aus dem Stall geführt, und der Knecht, welcher die Tiere trieb, blickte mit weit aufgerissenen Augen auf die beiden nie gesehenen Gestalten hin, die sich mit kindlicher Grazie weit aus dem Fenster lehnten.

Drücke mich nicht", rief Rosi plötzlich aus.Du stößt mir noch den Kopf ein, Tier. Mach, daß Du weiter kommst."

Sie schüttelte sich so heftig, daß die Schwester von ihrem Rücken herunterfiel wie eine Raupe von einem glatten Stamme.

Am Tische lachten alle, während Minja, die kleine Abgewvrfene, mit empörtem Schluchzen durch die offen- stehende Thür hinauslief.

Nettchen war ihr nachgefolgt.Komm", sagte sie freundlich zu dem Kinde, das im Hausflur heftig weinend an die Kalkwand gedrückt stand.Wir wollen ein wenig spazieren gehen."

Sofort war Minja getröstet.Bei die Kühe?" fragte sie in ihrem Straßenkindsjargon.

Auch dahin", sagte Nettchen,wenn Du willst."

Sie schritten über den sonnigen Hof in den Stall.

Der Knecht, welcher Heu in die Raufen thät, starrte die beiden fast blödsinnig an.

Wir wollen uns ein wenig die Kühe ansehen", sagte Nettchen, indem sie ihm zunickte.

Leicht, mit ihrem freien, lebhaften Wesen schritt sie an dem wie verdummt dastehenden vorbei.

Js der dämlich!" erklärte die kleine Minja.Du, Nettka", setzte sie dann enthusiastisch hinzu,darf ich auf so eine Dicke reiten?"

Nettchen setzte das Kind auf den breiten Rücken einer platt am Boden liegenden Kuh, die nicht einmal die Augen nach ihnen hinbewegte.

Der Knecht war hinzugekommen.

Gutes Vieh", stieß er einleitend hervor, indem er zinnoberrot erglühte.

Ja", sagte Nettchen,und thut uns auch nichts nicht wahr? Wie hübsch sauber Sie sie gehalten haben. Und der ganze Stall. Das glänzt ja alles nur so.

Das war so ihr Kunstgriff. Aller Welt, auch den ihr gleichgültigsten Menschen, etwas angenehmes zu sagen. Sie kannte genau die Schlüssel zu den Herzen der verschiedenen Menschen. Auf diese Weise zog sie siegend durch die Welt, überall dankbare, glühende und ihr ergebene Herzen zurücklassend.

Auch der blöde Knecht richtete einen Blick auf sie, in dem alle Empfindungen lagen, die er wörtlich nicht auszudrücken verstand.

Jetzt möcht ich auch auf das Pferd!" rief Minja, indem sie vergnügt mit ihren schlanken Beinen wippte.

Noch tiefer als zuerst erglühend, ergriff der Knecht das schöne Kind und setzte es auf das Pferd.

Aber Nettchen drängte nun.weiter. ,,Wir wollen uns auch den Garten ansehen", sagte sie.

Es zog sie eigentümlich hinaus in dieses Stück Früh­lingswelt. Alle Bäume standen in duftigem Blütenzauber, und zarte, grüne Keime lugten aus den Gemüsebeete«. Zwischen den Sträuchern flatterte auf dichten Leinen blendend klare Wäsche, und es sah aus, als winkten die im Winde flatternden Hemdsärmel den lustig hin und her schaukelnden Schürzen zu.

Nettchen und das Kind gingen langsam zwischen den schinalen Wegen auf und ab. Oft bückte sich Minja, um einen Käfer, eine Blume oder einen Stein emporzuheben. Ihr bronzefarbenes Gesicht hatte sich leicht gerötet. Jede ihrer.Bewegungen war voll Anmut, und in froher Be­wegung durften sich die schlanken Glieder ausdehnen, die von klein auf geknechtet, gerenkt und gedehnt und zu einer unnatürlichen Elastizität künstlich ausgezerrt worden waren.

(Fortsetzung folgt.)

Drücke ein Auge zu!

Nachdruck verboten.

Willst Du mir, geschätzter Leser, glauben, daß es unter Umständen eine Tugend sein kann, zu rechter Zeit ein Auge zuzudrücken?

Führen wir uns ein Beispiel vor Augen!

Da ist eine Frau von schwächlicher Gesundheit, aber mit einer Schar unruhiger kleiner Gäste gesegnet. Ihre Verhältnisse erlauben es ihr nicht, mehr als ein Dienst­mädchen zu halten. Dürfen wir da wohl dieselbe pein­liche Ordnung verlangen, wie im Hause einer reichen Frau, deren zwei bis drei Dienstboten wohl geschult sind, und eben für nichts anderes zu sorgen haben, als überall Ordnung zu halten? Würden wir es nicht lieblos nennen, wenn nach einem Besuch in ersterem Hause Bemerkungen fielen, wie:Aber die Fußböden bei Frau M. waren doch nicht annähernd so blank wie die meinen, und es ist doch mit so leichter Mühe zu erreichen, aber wenn man keinen Sinn hat dafür. . .", oder:Bemerkten Sie wohl die Fliegenflecke auf dem Spiegel? Ich begreife nicht, wie man so etwas ruhig mit ansehen kann. Frau M. hält wirklich zu wenig auf Ordnung!"Und die Kinder kleidet sie doch auch gar zu einfach, keine Spitze, keine Stickerei!"

Wer weiß, welche Ueberwindung es die Frau gekostet hat, bis sie einsehen lernte, daß es besser sei, die notwen­digen Ansprüche auf Gesundheit und Leben gründlich zu erfüllen, als alles halb zu thun. Vielleicht hat sie es anfangs versucht, sich selbst und die Magd den ganzen Tag abzuhetzen, um jene Ordnung herzustellen, wie sie sie so sehr wünscht und liebt. Den Gatten empfing dann am Abend eine abgemattete, erschöpfte Frau, welche nicht