Ausgabe 
18.3.1900
 
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Ausdauer fehlten: kurz, bei diesen Unterrichtsstunden kam nichts gutes heraus, die erschrockenen Tiere bissen und hackten ihre schwerfällige Lehrerin, und die Aufregung, das Geschnatter und Geschrei, verbunden mit den Zeichen der Angst, die sich! am, Platze des Unterrichtes häuften-, verleideten der phlegmatischen und sauberen Frau bald diese neue Berufswahl.--

Zum Frühjahr kopnte Nettchen mit ihren Tieren znm ersten Jahrmärkte ziehen.

Sie hatte sich einer Spezialitätentruppe angeschlossen, einer Gesellschaft Artisten, die im Winter auf ganz an­ständigen Provinzbrettern ihre Leistungen darboten, inN Sommer jedoch, wie so der fachmännische Ausdruck lautet, aus der krummen Kante lagen." Diese Leutchen nahmen insgesamt jeden Unterschlupf, der sich ihnen für diefaule" Jahreszeit bot, ohne weitere Bedenken an; und so kam es, daß Nettchen unter der Reisegesellschaft, die sich durch die Vermittelung eines Agenten zusammengefunden hatte, ein paar Herrschaften vortraf, die schon die halbe Welt durchflogen hatten.

Der Wagen, in dem die Gesellschaft reiste, war ein großer, schöner, mächtiger Kasten, nagelneu aus der Werk­statt eines der ersten Wagenbauer in den Besitz des Truppendirektors Stanioli übergegangen.

Ohne einen solchen klingenden Namen geht es nun einmal bei diesen Leutchen nicht ab. Der Direktor, ein früherer Zuschneider, hieß in Wirklichkeit W. Bleikapsel, aber mit der ihm zu Gebote stehenden Ueberfetzungs- kenntnis hätte er Stanioli aus seinem Vatersnamen gemacht.

In dem großen, grünen, nagelneuen Wagen, der eines Tages den Berliner Vorort Rixdorf verließ, um über Halle und Naumburg ins Thüringische hinaus zu kut- schierett, war nach dem Vorbild der Arche Noah Vorkehrung für eine Ansammlung Menschen getroffen, die auch des lieben Viehes nicht vergessen durften; und so teilte sich das Apartement in die Kabinen der Aufrechtgehenden und in die Käfige und Kammern der Kriechenden, Hüpfenden, Glucksenden, Bellenden und Beißenden.

Nettchen hatte mit der Tochter des Direktors ein Kam- merchen inne, so eng, daß sie sich gerade darin umdrehen konnte. Aber dicht über ihrem Bett war ein Schiebefenster angebracht, das sie tagsüber und oft auch des Nachts ge­öffnet hielt, und da sie gerade vom Kopfpolster aus durch dieses Fenster hinausschauen konnte in die Landschaft, merkte sie die Enge ihres Käfigs nicht, sondern es gehörte ihr die ganze große vorbeifliegende Welt.

Der Frühling war da, als sie ins Thüringische ein­zogen.

Es war so grün und warm unter Gottes blauem Him­mel, daß den Menschen das Herz in der Brust M«» mußte.

wohl das Glück die schönste Palme beut?

Wer freudig thut, sich des Gethairen freut.

Goethe, Sprichwörtlich.

Nachdruck verboten.

Das Pflegekind.

Roman von Elsbeth Meyer-Förster.

(Fortsetzung.)

Nach acht Tagen hatte Nettchen die Tiere so weit,, daß sie in guter Haltung, gehorsam hintereinandergereiht wie zwei Soldaten, durch die Stube schritten, vor der Schwelle Halt machten, auf den RufLinks um!" eine Wendung vollbrachten und bei:Rrrührt Euch!" sich hoch in die Höhe hoben, mit den Flügeln schlugen und ein Helles, tätterndes Geschrei ausstießen.

Für den Anfang bedeutete das schon einen Erfolg. Und Nettchen, von' glühendem Enthusiasmus gepackt, träumte nun von der Zukunft und ihrem klingenden Lohn. Wie ein Philosoph grübelte sie stundenlang, um immer neue Zeichen der Intelligenz an ihren Zöglingen heraus­zufinden; ihr scharfer und klarer Kops begann zu arbeiten, sich einen ganzen Plan, eine ganze Methode zu schaffen, und sie, die früher keine ruhige Stunde des Stillsitzens gekannt hatte, konnte nun stundenlang verweilen, ihre beiden Enten im Schpß, deren Köpfe sie kraulte, während sie bereits neue Instruktionen entwarf, um sie den un­glücklichen Tieren anzuhängen.

Sie begnügte sich nicht mit diesen beiden machtlosen Geschöpfen ihres Willens. Nach und nach nahm sie ein paar Tauben, einen jungen Truthahn und die bevorzug­teste Gattin des Hahnes dazu, und während sie tagsüber der Federviehhändlerin durch Hilfeleistungen in den fchsversten und gröbsten Arbeiten Yen ihr gewährten Unter­halt vergütete, war sie vom ersten Morgengrauen an bei ihren Geschöpfen, von denen sie eine Anzahl durch kontrakt- liche Verpflichtungen für die spätere Erlegung der Kauf­kumme von der Händlerin als Eigentum erwarb.

Die Händlerin, welche den Erfolg des Experimentes wohl zu erfassen vermochte, hatte gegen diese Art der Abmachung nichts einzuwenden. Aber heimlich bedauerte sie, nicht aus eigener Initiative auf den lukrativen Einfall gekommen zu sein, und sie versuchte in einsamen Stunden en ihrem beschnäbelten Personal die versäumten Bildungs- Versuche nachzuholen.

Aber sei es, daß ihr die Elastizität des belehrenden Geistes, die Geduld und auch wiederum das Feuer der