99
mir Las Leben zn nehmen, aber immer hielt mich etwas zurück. Vielleicht war es so, weil ich diese Stunde erleben sollte. Mildred, haben Sie Mitleid!
Arnold, erwiderte sie sanft, ich glaube, Sie haben recht, Gott hat mich gesandt, und ich werde Sie nicht verlassen. Aber ich muß eine Bedingung stellen, — von der Vergangenheit darf keine Rede sein! Sie ist für immer entschwunden!
Vergeben Sie mir, Mildred! bat er.
Ich habe Ihnen längst vergeben! Können Sie sich nicht erholen und weiter leben? fragte sie weinend.
Nein, erwiderte er mit einem tiefen Seufzer, ich habe auch gar nicht den Wunsch, weiter zu leben. Weiß jemand, wer Sie sind?
Nein; ich fürchte, Ihrer Mutter wird es mißfallen.
Ich habe seit jenem schrecklichen Abend nie wieder mit ihr gesprochen, aber ich werde es meiner Schwester sagen; sie ist nicht wie meine Mutter und hat ein gutes Herz.
Als Frau Sheppard in der Dämmerungsstunde wieder eintrat, fand sie ihren Bruder schlafend, während Mildred seine Hand hielt. Ihren etwas erstaunten Blicken begegnete Mildred unbefangen.
Wenn Ihr Bruder erwacht, sagte sie ruhig, so hat er Ihnen etwas mitzuteilen. Ich bin Mildred Howell. ---
Die Dame sank in einen Stuhl und blickte sie ernsthaft an.
Lange habe ich gewünscht, Sie zu sehen, begann sie. Arnold hat mir alles gesagt. In meiner Uebermüdung habe ich gestern ganz vergessen, Ihnen seinen Namen zu sagen und nach dem Ihrigen zu fragen. Wußten Sie, wohin Sie gingen?
Ich hatte keine Ahnung davon, bis er erwachte und mich dann erkannte.
War er sehr erregt?
Ja, anfangs.
Ich glaube, Gott hat Sie gesandt, Miß Howell!
Das sagte er aüch.
Sie werden ihn nicht verlassen, bis — bis — es kann nicht mehr lange dauern.
Das hängt von Ihnen ab, Frau Sheppard! Ich be- daure ihn sehr! Thränen füllten ihre Augen.
Fortsetzung folgt.
Brunos erster Ball.
Humoreske von Richard Pappritz.
Nachdruck verboten.
„Hurra, ich darf doch hinfahren". Mit diesen Worten betritt Bruno Berger die Unterprima des Gymnasiums. Seit Wochen, ja seit Monaten war in der Familie der verwitweten Amtsrätin Berger und in Brunos Freundeskreise von nichts anderem die Rede, als davon, ob Bruno „hin" fahren dürfe. Dieses „hin" war ein landwirtschast- licher Ball in der Nähe von X. Bruno brannte daraus, sich dort im Kreise seiner Gespielen und Gespielinnen, der Freunde und Bekannten seiner Eltern, die ihn alle nur in Pumphöschen kannten, als erwachsenen jungen Mann in Frack, Lackstiefeln und weißen Glacees zu zeigen. Die Erlaubnis, den Ball zu besuchen, wurde von der Weihnachts- Zensur abhängig gemacht. Diese war nicht glänzend, int Lateinischen, Deutschen und Mathematik: Noch mcht genügend. Die Aussichten sanken unter Null. Aber als Bruno unter dem brensienden Weihnachtsbaum wirklich sehr hübsch ein Geigensolo ausführte, als er feierlich gelobte, von nun an ernstlich zu arbeiten, seine Horazoden aufs genaueste zu lernen, nur noch Samstags Skat zu spielen, sein Stammlokal nur ganz selten, beinahe me zu besuchen, da wurde das Herz der gütigen Frau Amalre Berger gerührt, und die Lösung der wichtigen Frage „Ball wurde verschoben. Jetzt hatte Bruno mit glanzender Majorität auf der gesamten Linie gesiegt, er durfte fahren.
„Nun leb wohl, mein guter Junge. Nimm Dich recht in acht, daß Du Dich nicht erkältest, und fahre zweiter Klasse, hörst Du. Geld hast Du genug". — —
Lautes Trampeln auf der Treppe des eleganten Hauses. Heftiges Reißen an der Klingel. „Morgen, morgen, Bruno; famos, daß Du noch da bist. Wir bringen Dich an die Bahn".
„Ein Billet zweiter nach Gandersberg" will Bruno eben sagen, da fällt ihm Max Ring ins Wort: „Was, Mensch, Du wirst doch nicht zweiter Klasse fahren, na so ein Stumpfsinn. Ich bin noch nie in meinem Leben zweiter gefahren. Das Geld würde ich sparen, oder noch lieber verkneipen". „Ja, Bruno, das ist wahr", fährt Heinz SBerg» mann fort, „Du könntest uns eine Lage schmeißen, wir sind Deinetwegen nach den Bahnhof gekommen".
„Gut, also ein Retourbillet dritter „Gandersberg".
„Kellner, vier Töpfe Bier!"
„Na, Prost Bruno, daß Du Dich gut amüsierst. Sage mal, sind denn in dem Nest eigentlich schneidige Mädels", fragte der Urberliner Max.
„Na, und ob. Ich sage Dir, reizende Käfer".
„Du, Bruno, Du erlaubst wohl, daß ich mir eine „Jauersche" bestelle", fragte Heinz, der stets einen beneidenswerten Appetit hatte. „Na, ich bin blos froh, daß ich da nicht hin muß", fährt er dann fort. „So ein Stumpfsinn. Sich die halbe Nacht um die Ohren schlagen".
„Das glaub ist schon",/versetzte Bruno, „die Geschmäcker sind eben verschieden. Für mich giebt es kein schöneres Vergnügen als tanzen. Ohne mich rühmen zu wollen, Walzer tanze ich fein, und auch am liebsten".
„Na, na, wenn's nur wirklich so weit her ist".
„Na mehr wie Du, Heinz, von Geschichte, verstehe ich sicher vom Walzer".
„Der Witz ist aber faul. Für den wirst Du Dich stärken".
Eben hatte Bruno ein Glas Bier erhalten, da ertönt der durchdringende Ruf des Portiers „Einsteigen in der Richtung nach . . . Gandersberg . . ." Verständigerweise will Bruno sein Bier im Stich lassen, aber da hat er nicht mit seinen Kommilitonen gerechnet.
Ein allgemeiner Entrüstungssturm erhebt sich: „Was Bier stehen lassen, na so 'ne Schlappheit, Du, das nächste Mal bestell' Dir doch Limonade, oder Zuckerwasser ist noch besser". Für einen deutschen jungen Mann im Alter von 17 bis 21 Jahren gilt nichts für eine so große Schande, als zuzugestehen: ich kann nicht mehr trinken, das Bier schmeckt mir nicht mehr, ich habe keinen Durst mehr. Daran dachte Bruno. Mit Todesverachtung, mit geschlossenen Augen und gezücktem Speer drängt er daher auf seinen Feind ein, und vernichtet, wenn auch „stark blutend", zwei Drittel desselben. In nervöser Hast eilt er aus den Bahnsteig, gefolgt von dem treuen Max, der den Handkoffer trägt. Heinz verzehrt unterdessen in Seelenruhe den Rest seiner Jauerschen. Glücklich findet Bruno noch einen Platz in einem überfüllten Rauchkoupee dritter Klasse. Als er aus einem unruhigen Halbschlummer erwacht, fährt der Zug in die Bahnhofshalle von X. Unser Held fühlt sich elend, zum Sterben elend. Wenn ich etwas genieße, wird mir besser, denkt er und steigt aus. Wohl erquickt ihn ein köstliches Butterbrot und einige rotwangige Aepfel, aber in seiner Zerstreutheit hat er sich sein Koupee nicht gemerkt. Wie soll er dasselbe finden? In zwei, drei hat er vergeblich nachgesehen, verzweiflungsvoll steigt er in einen Wagen vierter Klasse ein, um eventuell ohne Handkoffer und Ballanzug zum Ball zu fahren, da ertönt in nächster Nähe eine tiefe Baßstimme: „Sie, junger Mann, Sie haben ja Ihren Koffer hier noch stehen". Wie den Seeleuten des Kolumbus die Worte „Land, Land", wie den Soldaten Xenophons der Ruf Thalatta, Thalatta, so köstlich dünkten unserm Bruno die Worte des biederen Spießbürgers. Ohne Unfall erreicht er Gandersberg. Schleunigst wird nun Toilette gemacht. Der Frack, ein Weihnachtsgeschenk der guten Mutter, sitzt tadellos, der Scheitel bildet eine schnurgerade Linie. Voll frohen Selbstbewußtseins betritt Bruno den Saal.
„Ach, das ist ja sehr nett von Ihnen, Herr Berger, daß Sie gekommen sind. Ich bitte Sie, sich für den heutigen Abend als meinen Gast zu betrachten".
Mit diesen Worten empfing ihn der Landrat Bunhardt.
Bruno strahlt. Die Musik spielt den prickelnden Walzer von Strauß: So voll Freudigkeit, Giebt es weit und breit, Keine Stadt, wie die Kaiserstadt, wie das lustige Wien. Bruno tanzt unaufhörlich. Er walzt wirklich nicht schlecht, der junge Mann, noch ein wenig schülermäßig, aber sicher und nach dem Takt. Dabei trinkt er tüchtig. Die köstlich süße Ananasbowle, der schäumende Sekt, das ist doch etwas


