Ausgabe 
18.2.1900
 
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zweiten Jahres kam Mildred von der Pflege emes Kranken zurück und fand die Vorsteherin in Ratlosigkeit.

Frau Sheppard, sagte sie, eine der reichsten Damen aus der fünften Avenue, ist hier gewesen, und bietet leben Preis für eine Pflegerin. Ihr Bruder stirbt an der Aus­zehrung, sagte sie. Sie hat einen Diener, aber der Arzt aqt, er müsse eine gelernte Krankenpflegerin haben, da er beständiger Pflege bedarf, und jeden Augenblick sterben kann. Augenblicklich ist aber keine einzige Pflegerin frei. Sind Sie zu ermüdet, um hinzugehen?

O nein, sagte Mildred.

Dann werde ich Frau Sheppard sagen lassen, sie möge in einigen Stunden nach Ihnen senden, sodaß Sie noch etwas Zeit haben, sich bereit zu machen. ,

Zwei Stunden später fuhr Mildred in einer eleganten Kutsche rasch nach einem1 vornehmen Hause in der fünften Avenue und wurde sogleich in das Krankenzimmer gesuhrt. Der Kranke schlief, und die Vorhänge waren herabgezogen. Eine Dame von mittlerem Alter, Frau Sheppard, empfing sie. , ....

Ich freue mich,daß Sie gekommen sind, denn ich bui schon ganz ermüdet. In der letzten Nacht war er ruhelos und wollte niemand bei sich dulden, außer mir. Sern Diener ist in dem Zimmer dort jenseits des Flurs und kommt, sobald er gerufen wird. Jetzt, wo mem Bruder schläft, werde ich mich sogleich zur Ruhe legen. Mem Zimmer ist hier neben diesem, rufen Sie mich, wenn es nötig ist, und ängstigen Sie sich nicht, wenn er irre redet. Dieses Zimmer ist das Ihrige. Darauf ging sie mit dem Ausdruck großer Müdigkeit im Gesicht und war bald em- qeschlafen. _

Mildred blieb allein in dem halbdunklen Zimmer zurück und traf ihre Vorbereitungen. Ihre Gedanken waren anfangs traurig, denn sie kehrten immer wieder zu Arnold zurück. Seit dem Abschied vor Jahren hatte fte nichts mehr von ihm gehört, er war tot für fte, doch nie­mals hatte sie seiner mit Groll gedacht, und auch letzt hatte sie nur Thränen des Mitleids für ihn.

Ohne es zu wissen, wurde sie von dem Kranken beob­achtet, der kaum zu atmen wagte, aus Furcht, die Erschei­nung zu verjagen. Der Kranke war Arnold, ^n ihrer Uebermüdung hatte seine verheiratete Schwester, Frau Sheppard, vergessen, seinen Namen zu nennen, und Mildred war daher der Meinung, der Name ihres Patienten sei Sheppard. Sie war niemals in dem Vm- ton'schen Hause gewesen, und kannte auch fern Aeußeres nicht. Als sie es an dem stürmischen Abend eilig betrat, hatte sie nicht die geringste Ahnung, daß es das Haus sei, in welchem sie und ihre Mutter einst freudig ausgenommen zu werden hofften.

Als Arnold erwachte, erblickte er vor sich eine fremde Gestalt, welche er bald als diejenige erkannte, welche nie­mals aus seiner Erinnerung verschwand.

Sie ist tot, dachte er, und dies ist ihr Geist! Oder ist das ein Traumbild? Ist meine Vernunft schon so sehr erschüttert? O, sieh' da, es sind Thränen in ihren Augen, und ihre Lippen bewegen sich, sie spricht mit sich selbst. Großer Goll! Sollte es Wirklichkeit sein? Milli! Mildred Howell! rief er endlich. c ,

Ach, rief Mildred erschreckend, und blickte ängstlich nach der halbgeschlossenen Thüre zu Frau Sheppards Zim­mer. Es war Arnolds Stimme! murmelte sie.

Mildred, sind Sie es wirklich, oder ist es em Traum?

Sie machte einige Schritte nach dem Bett und bedeckte dann ihr Gesicht mit den Händen.

O, sprechen Sie! rief er angstvoll.

Mildreds erste Regung war, sogleich zu gehen, dann aber gewannen Mitleid und Pflichtgefühl die Oberhand. Arnold war ein Sterbender, und sie war eine Kranken­pflegerin, vielleicht war das eine Fügung Gottes!

Mister Vinton, sagte sie mit erregter Stimme, das ist ein seltsames Zusammentreffen, aber es erklärt sich sehr einfach. Ich bin jetzt Krankenpflegerin am Bellevue- Hospital, und auf die Aufforderung Ihrer Frau Schwester erschienen. Es wird indes besser sein, wenn eine andere jetzt meinen Platz einnimmt.

O, rief Arnold in heftiger Erregung, wenn es erneu Gott giebt, so hat er Sie jetzt zu mir gesandt; denn ich sterbe an Gewissensbissen. Oft war ich auf dem Punkte,

Verlassen Sie mich! sagte sie mit matter Stimme. Niemals! rief er.

Endlich gelang es ihr, die Herrschaft über sich selbst wieder zu erlangen.

Mister Vinton, sagte sie fest, ich bemitleide Sie! Selbst in diesem Augenblick will ich mich bemühen, gerecht gegen Sie zu sein. Mein Herz ist gebrochen, und doch fürchte ich, Sie werden noch mehr leiden, als ich. Ich würde Sie geheiratet und mit Ihnen in einem Miethanse gewohnt haben, ich hätte Sie mit meinen Händen unterstützt. Die Schwachheit, an der Sie selbst nicht schuld sind, hat mein Herz zu Ihnen gezogen. Aber Sie haben heute einen Mangel in ihrem Charakter gezeigt, welcher uns für immer scheidet. Ein Abgrund liegt zwischen uns! In der Rück­sicht auf das Unrecht, das Ihnen andere zugefügt haben, vergebe ich Ihnen! Aber ich sehe, wir haben uns ganz und gar mißverstanden. Verlassen Sie mich für immer!

Sprachlos und verzweifelt verließ er das Zimmer.

XXXVIII, Licht und Dämmerung.

Als Arnold an diesem schrecklichen Abend müde die Treppe hinaufstieg, rief ihn sein Vater in fein Zimmer, wo er mit seiner Frau sich beraten hatte, da es notwendig schien, der Sache ein Ende zu machen. Frau Vinton ver­langte strenge Maßregeln. Beim Anblick seines Sohnes rief der alte Herr:

Gerechter Gott! Was ist geschehen?

Er wird einen von seinen Anfällen haben, sagte die Mutter und klingelte hastig.

Mit einem haßerfüllten Blick sagte Arnold zu ferner Mutter: Dein Wunsch ist erfüllt, ich werde Mildred nie­mals heiraten!

Wieso? r ,

Es ist Min letzten Mal, Mutter, daß ich! nut Du spreche! Ich bin hoffnungslos verloren, und Du bist die Ursache, Dein Werk ist vollbracht! Du hast meine Hoffnungen ge­mordet! _ , .

Die Mutter brach in hysterisches Weinen aus, und der Vater verschloß sich in sein Arbeitszimmer, in welchem er noch stundenlang ruhelos aus- und abging. Am andern Morgen suchte er sich durch ruhiges Zureden mit seinem Sohne zu verständigen, aber der junge Mann war taub und steinern in seiner Verzweiflung.

Es ist zu spät! wiederholte er mehrmals.

Ach, laß ihn machen, sagte seine Frau ärgerlich, als ihr Mann ihr angstvoll darüber Mitteilung machte, einige Monate lang wird Arnold Tragödie spielen, bis' er all­mählich zu Verstände kommt.

An diesem Tage verließ Arnold das Elternhaus, in das er erst nach Jahren zurückkehrte.

*

Zwei Jahre vergingen. Ermüdet durch die Einförmig­keit ihres Lebens sagte Mildred eines Tages zu ihrem Geistlichen: Ich sehne mich nach einem neuen Lebenszweck. Giebt es keinen Beruf für ein Mädchen, das nicht mehr Verstand und Kenntnisse hat, als ich? Ich bin es müde, eine Nähterin zu sein.

O ja, erwiderte der Geistliche, machen Sie Robert glücklich!

Sie schüttelte den Kopf.

Das ist das einzige, was ich nicht thun kann, erwiderte sie traurig. Er verdient die erste starke Liebe eines guten Weibes, und diese wird ihm auch eines Tages beschieden werden. Aber glauben Sie, ich könnte vor Gottes Altar stehen und versprechen, was unmöglich ist?

Sie sind ein seltsames Mädchen, Mildred, aber viel­leicht haben Sie recht. Nun, ich weiß einen Beruf, welcher vielleicht für Sie paßt.

Er erzählte ihr von der Schule für Krankenpfegeriunen. Diesen Vorschlag nahm Mildred mit Freuden an. Sie machte im folgenden Sommer ihrer Freundin Klara Wil­son und ihren Geschwistern einen langen Besuch auf dem Lande, und widmete sich dann ihren neuen Pflichten. Ihr Eifer wurde noch durch die Aussicht gesteigert, eine Ein­nahme zu haben, welche es ihr möglich machen werde, Fred und Minnie eine gute Erziehung zu geben. Das erste Jahr ging still vorüber. Eines Abends während des