Ausgabe 
18.1.1900
 
Einzelbild herunterladen

30

daß sie alle die Nase so hoch tragen werden, fügte sie hin­zu, in Erinnerung an einige Freundinnen, deren Gelübde ewiger Freundschaft noch zu neu war, um bedeutungslos zu erscheinen.

Das arme Kind sollte bald lernen, daß wenn auch .Schulmädchen selten falsch sind, doch ihre Gelübde ver­gänglich sind. Sie war jetzt in eine andere Welt geraten, und die frühere verschwand wie ein erbleichender Stern. Sie sollte bald finden, daß ihr nichts übrig blieb, als neue Bekanntschaften und Freundschaften zu schließen und ihre guecksilberartige, furchtlose Natur war sehr geneigt, dies rasch zu thun.

Mit Mildred war es anders. Das alte Leben war ihr teuer, ihr Mut war anderer Art, als Bellas natürliche Unerschrockenheit.

Doch war es augenscheinlich, daß Bella recht hatte, und endlich gab auch der Vater mit großem Widerstreben seine Einwilligung.

XIV.

Bella tritt in das Leben.

Nur die geringste Schwierigkeit war überwunden, als sie die Einwilligung erhielt, hinter einem Ladentisch zu stehen. Mit ihrer Mutter machte sie nun manche ermüdende Spedition durch die heißen Straßen. Zuweilen lachte man ihr ins Gesicht darüber, daß sie daran denken konnte, in der stillsten Reisezeit eine Stelle zu finden, meist aber erhielten sie nur eine kurze, schroffe Abweisung. Frau Howell war bald entmutigt, aber Bellas schwärze Augen funkelten nur ärgerlich.

Aufgeben? rief sie. Nein, und wenn ich umsonst arbeiten sollte, um den Zweck zu erreichen! Aufgeben ist nicht meine Art, ehe ich alles versucht habe, und es ist ein Luxus, den sich arme Leute, nicht erlauben können.

Frau^Howell hatte nichts zu erwidern und dachte mit bitterem Schmerz daran, daß sie in früheren guten Zeiten nicht jeden Dollar gespart hatte. Wenn sie die armen jungen Mädchen müde und müßig während der langen .Sommertage in den Läden stehen sahen, und auf manchem Gesicht die Spuren von Schmerz und Entbehrung wahr­nahmen, da erst errieten sie, daß wenige Arbeiterinnen der Stadt ihr Brot schwerer verdienten, als diese schmäch­tigen Mädchen, welche zum größten Teil niemals zu kräf­tiger Weiblichkeit erblühten.

Bella hatte sich vorgenommen, einen der Läden in der sechsten Avenue aufzusuchen, in welchen, wie sie wußte, ein besonders lebhafter Geschäftsverkehr stattfand.

Eines Morgens, als Frau Howell schon die Hoffnung aufgegeben hatte, ging Bella dicht verschleiert allein aus und begab sich nach jenem Laden. Ohne zu zögern, trat sie auf den Abteilungsvorstand zu.

Ich wünsche Herrn Schriven zu sprechen, sagte sie ruhig.

Er ist sehr beschäftigt, meine Dame, und will nicht gestört sein, aber ich werde alle Ihre Wünsche erfüllen.

Danke sehr! Dann, bitte, zeigen Sie mir den Weg nach dem Kontor!

Nach kurzen Zögern erfüllte der Herr ihren Wunsch; denn diese verschleierte Gestalt schien eine Dame zu sein.

Eine Dame wünscht Sie zu sprechen, sagte er an der Thüre, welche er sogleich wieder schloß.

Der Herr am Schreibpult schrieb eine Weile weiter, ehe er sich umwandte, um seinen Besuch zu begrüßen. Bella beobachtete inzwischen sein Gesicht, denn si'e wußte, daß das Schwierigste war, Gehör zu bekommen, und dann seinen Aerger über die Störung zu entwaffnen. Sie dachte daran, - sie durch das Abenteuer nichts zu verlieren, und alles zu gewinnen hatte, und verließ sich auf ihre Sorglosigkeit und Zungenfertigkeit. Sie wußte, daß eine Bitte um An­stellung sofort abgewiesen werden würde, und deshalb hatte sie beschlossen, einen anderen Weg einzuschlagen.

Endlich blickte der Herr auf, wandte sich um und fragte: Was wünschen Sie meine Dame?

Ihr Laden gefällt mir sehr gut, bemerkte Bella ruhig.

Nun sah Schriven sie erstaunt an. Und was folgt aus dieser höchst wichtigen Thatsache? fragte er mit fath- rischem Lächeln.

Es folgt daraus, daß ich lieber hier eine Stelle haben möchte, als in anderen Läden, die mir nicht so gefallen.

Ich habe die meisten mit meiner Mutter schon besucht, und der Ihrige gefällt mir am besten.

Nun, das ist aber unverfroren! Man hat Sie also überall abgewiesen?

Ja, mein Herr!

Und auch mein Gehilfe, nicht wahr?

Ja, mein Herr! Aber ich war überzeugt, daß ich meinen Zweck erreichen würde, wenn ich Sie sprechen könnte. W geht hier lebhaft und geschäftsmäßig zu, und ich schloß daraus, daß ein energischer Mann und keine Maschine das Ganze in Bewegung setzt.

Außerordentlich schmeichelhaft! sagte der Herr. Aber glauben Sie nicht, daß Ihr Vorgehen ein wenig Dreistig­keit zeigt?

Habe ich etwas gesagt oder gethan, was sich für eine Dame nicht schickt? fragte Bella entrüstet.

Schriven lachte gutmütig, denn Bellas entschiedenes Auftreten begann ihn zu interessieren. O, ich vergaß, daß hier alles Dame ist! Es giebt nur noch Besendamen, Wasch­damen und dergleichen.

Sie können mich erst dann ein Ladenmädchen neunen, wenn ich in Ihren Diensten bin.

Und warum jetzt noch nicht?

Weil ich noch kein Ladenmädchen bin und noch nie war. Ich habe oft mit meiner Mutter in diesem Laden Einkäufe gemacht, und unsere soziale Stellung war vor wenigen Monaten so gut, wie die Ihrige. Aber jetzt, nachdem wir Unglück hatten, muß ich arbeiten und sehe nichts Unschick­liches darin, wenn ich Sie offen um ehrliche Arbeit bitte.

O, durchaus nicht, meine verehrte junge Dame, er­widerte Schriven immer in seiner ironischen Weise, aber ich muß Ihnen sagen, daß ich nicht imstande bin, Damen meiner Sphäre als Ladenmädchen anzustellen.

Wenn ich bei Ihnen aus freiem Willen in den Dienst trete, erwiderte Bella rasch, so verspreche ich alle Vorschrif­ten Ihres Geschäftes zu beobachten, und ich bin überzeugt, daß ich meinen Lohn reichlich wieder einbringen werde.

Nun, Sie sind ein sonderbarer Hering! ries Schriven. Enschuldigen Sie, Sie sind ja noch nicht in meinen Diensten, ich wollte also nur sagen. Sie seien eine exzentrische, junge Dame. Und Sie würden wirklich, wenn ich Sie einstellen würde, alle geschäftlichen Erfordernisse erfüllen?

Gewiß!

Schriven verfiel in ein fuchsiges Nachdenken. Er dachte an das bleiche, müde Gesicht jenes jungen Mädchens, das in der Bänderabteilung am Ladentisch stand. Sie wird es nicht mehr aushalten, dachte er, wenn das Geschäft leb­hafter wird. Es geht schon jetzt nicht mehr mit ihr. Sie hat sich gut geführt, aber ihre Zeit ist um, und diese da hat junges Fleisch und Blut genug, um ihre Stelle aus­zufüllen, sie ist noch sehr jung, aber gewandt und sieht frisch und gesund aus. Man darf keine bleichen Mädchen im Geschäft haben, denn es giebt Leute, die darüber schwatzen, daß die Mädchen den ganzen Tag stehen müssen. Diese da kann stehen, und kann es eine lange Zeit aus­halten, sie scheint kräftig zu sein. Gut, sagte er laut, wenn ich nun von meinem Gebrauche abgehen und Ihnen eine Stelle einräumen wollte, welchen Lohn würden Sie dann verlangen?

Was Sie bezahlen wollen.

Oho, sagte er, es ist Methode in Ihrer Tollheit! Nehmen Sie einmal diese Feder und schreiben Sie, was ich diktiere.

Bella schrieb einige Sätze in einer kräftigen, aber lesbaren Hand.

Es fehlt Ihnen noch die Uebung, die Deutlichkeit und Klarheit. Ich will Ihnen einen Platz schaffen, wenn Sie für drei Dollars die Woche kommen und die geschäftlichen Vorschriften beobachten wollen. Sie müssen die Anwei­sungen des Vorstehers Ihrer Abteilung befolgen, und nicht wieder zu mir kommen, bis ich nach Ihnen sende, schloß er, und das wird schwerlich geschehen, denn solche Unter­redungen sind bei mir etwas sehr Seltenes. Also kommen Sie nächsten Montag um sieben Uhr, wenn Sie mit diesen Bedingungen einverstanden sind.

Ich bin einverstanden und danke Ihnen, erwiderte sie rasch. Ihre dunklen Augen glänzten int Vorgefühl des Triumphes, wenn Sie Mama und Mildred ihren Erfolg erzählen würde. Die Gedanken des Geschäftsmannes aber