Ausgabe 
17.11.1900
 
Einzelbild herunterladen

geglättetes Papier trotz seiner Billigkeit viel, viel schöner und feiner als das frühere. Da sich jedoch im Lause der Zeit allerhand Uebelstände bei demselben herausstellten einer der größten ist seine Vergänglichkeit so griff man für einzelne vornehmere Zwecke wieder zu dem nahezu unverwüstlichen Büttenpapier. Unsere heutigen teuersten Luxuspapiere gehören denn auch thatsächlich mehr oder weniger dazu. Allerdings ist das ursprüngliche Ver­fahren technisch vervollkommnet und in mannigfachster Weise geändert worden. Jede Luxuspapierfabrik hat aber noch ihre eigenen Rezepte, nach denen sie ihre Ware her­stellt. So gleichen Mch die Papiersorten einer Firma nie denen einer anderen, und das um so weniger, je teurer sie sind. Oft wird durch die Gewandtheit eines Arbeiters m der Anwendung dieses oder jenes Mittels eine ganz neue Papiersorte geschaffen. Die Handfertigkeit und der Tüftelsiun eines Einzelnen erzielt eben auf diesem Gebiet rm großen und ganzen bessere Resultate, als selbst die vollkommensten maschinellen Einrichtungen. In dieser Hinsicht ist die Luxuspapierfabrikation eine Liebhaber­kunst in der vollsten Bedeutung des Wortes.

Es wird neuerdings vielfach behauptet, daß die deut­schen Luxuspapiere die des Auslandes übertreffen. Trotz der denkbar höchsten Schätzung unserer Errungenschaften auch in industrieller Beziehung kann ich dies doch nur bedingt zugeben. Für die Ausstattungspapiere trifft es wohl zu, aber nicht für die einfarbigen. Namentlich zeichnet sich das französische Briefpapier durch feinen Ton und originelle Bearbeitung aus.

Als modernste Farben in der Branche gelten zurzeit: juchtenbraun, veilchenviolett, scharlachrot, maigrün, moos­grün und schwarz. Für die letztere hat man eine weiße Tinte. Diese dunklen Nuancen sind zweifellos sehr un­praktisch, da die Schpift recht schlecht darauf zu lesen ist, das hindert jedoch nicht, daß sie sich äußerst vornehm ausnehmeu. Im allgemeinen ist das Format ganz hoch' und schmal oder sehr breit bis dreißig Zentimeter und niedrig. Die letzte Form kommt ziemlich ausschließlich für ungebrochene Blätter in Anwendung, die der Breite nach beschrieben und zweimal nach einander in der Mitte zusammengefaltet werden. Die hohen und schmalen For­men benutzt man dagegen für Bogenpapier, das nach Art von Gesangbüchern und Albums mit erhaben aufliegenden, durchbrochenen Goldklammern geziert ist. Die dazu ge­hörigen Umschläge haben die halbe Höhe der Bogen, die für die einfachen Blätter bestimmten indessen sind nur den vierten Teil so groß, wie jene. Dies Papier hat glatte, geschnittene Ränder und eine mäßig rauhe Ober­fläche. Es stellt sich allerdings ziemlich hoch im Preis; ein Karton mit fünfundzwanzig Blatt und Umschlägen kostet durchschnittlich zehn Mark. Etwas billiger, aber ebenfalls noch sehr vornehm, ist eine hellere löschpapierartige, sehr wenig geleimte Ware in safrangelb, polarblau, blaurosa, einem schmutzigen Erdbeerrot und verschiedenen graugelbcn Abstufungen.

Tie erwähnten Papiersorten werden freilich auch in Deutschland fabriziert, aber sie unterscheiden sich doch wesentlich von den französischen. Hauptsächlich sind, wie ich schon s agte, die Farben weniger fein, sie durchdringen das Papier nicht völlig, sondern liegen mehr auf der Oberfläche, man wird daher bei ihrem Anblick, an Stoffe erinnert, die im Dtück gefärbt sind. Nun erzählt man allerdings, daß vielfach deutsche Ware nach Frankreich aus- gesührt und von dort als echt französische in den Handel gebracht wird. Etwas wahres ist ja an dieser Behauptung, nur liegt die Sache vornehmlich so, daß man das deutsche Fabrikat in Frankreich noch überarbeitet. Dies geschieht unter anderem mit einem weichen, losen, ungemusterten Büttenpapier. Man streut z., B. Metallstaub oder Krystall- plättchen, sogenanntes Marienglas, darauf und überzieht das Ganze mit einer Art Glaspr. Zuweilen werden auch Handmalereien und Zeichnungen ddrüber" ausgeführt. Wundervoll -machen sich besonders große Vögel in Kreide­manier mit Prägestempel aufgetragen. Einzelne Stellen bestreut man dann noch mit Metallpuder. Ein eigentüm­liches, ganz außerordentlich kostbares Papier wird in Rollen verschickt; man weicht es, an seinem Bestimmungsort an­gelangt, noch einmal auf, legt es in einzelne Bogen zer­schnitten, in passende, durchweg mit relief-artigen Blumen

und Arabesken versehene Formen und zieht es, wenn die Feuchtigkeit verdunstet ist, durch eine dünnbreiige, zart­gefärbte Papiermasse. -Nach dem Trockenwerden glättet man die Bogen, und alsdann tritt das Muster blank und leicht abstechend aus einem rauhen Grunde hervor. Ich habe einen Karton mit derartigem Papier in hell- und dunkelgrau, das unbeschreiblich effektvoll war, in München bewundern dürfen. Eine vornehme alte Dame hatte es sich extra so bestellt.

Unter den französischen Briefkarten herrscht eben­falls die schmale längliche Form vor. Meist haben sie nur einen ganz schwachen Farbenschimmer in blaßblau, gelb, lila und grün. Sie werden an einer Seite, aber da auch nur stellenweise mit Goldschnitt verziert. Reizend sind ähnliche handlange, aber höchstens fingerbreite Karten, durch deren mattgetönten Grund sich der Länge nach eine verschwommene vorraphaelitische Lilie in natürlichen Farben zieht.

Wie ich schpn erwähnte, zeichnen sich unter beit deut­schen Briefpapieren die reich ausgestatteten durch ihre Schönheit aus. Mit zu den elegantesten gehört das Rococo- papier, das an den Rändern in Form von vergoldeten ge­preßten Rococoschnörkeln und Schleifen ausgeschnitten ist. Nach der Mitte zu schließen sich- farbige Blütenranken daran. Es giebt auch Karten dieser Art in Gestalt von Fächern mit passenden Hüllen. Ein anderes, ganz neues Papier ist durchweg tapetenartig von Blumen durchzogen. Auch- hier wieder herrscht die Lilie vor. Als sehr schick gilt weiterhin echt japanisches Papier in langen schmalen Brief­blättchen, d ie ungefaltet in Umschläge von gleicher Größe ge­steckt werden. Die letzteren sind auf der für die Adresse be­stimmten Seite mit grellbunten, aus Arabesken, Blumen und Figuren bestehenden Einfassungen umrahmt, die Blätt­chen dagegen bleiben unverziert. PapiSrsorten wie das vor Jahresfrist sehr verbreitete, aber bereits völlig veraltete Wedgwood-Papier mit weißen statuettenartigen Figürchen auf blauem Grunde, kann ich kaum unter die Luxuspapiere zählen, da sie erstens zu den denkbar billigsten Preisen zu haben sind und zweitens von den oberen Zehntausend überhaupt nicht benutzt werden. Eher ist noch das Delfter­papier mit blauen Umrahmungen, deren Motive dem Zwiebelmuster entnommen werden, als geschmackvoll, wenn auch nicht gerade vornehm, zu erwächnen.

Im allgemeinen läßt sich freilich sagen, daß verziertes Papier eigentlich nur für junge Damen paßt. Aeltere wählen die kostbarste Ware in den seltsamsten Formen, aber auf die Ausschmückungen verzichten sie. Eine- Ausnahme hiervon macht jedoch das Wahlspruchpapicr. Die Lieb­haberinnen desselben haben ihre eigenen Wahlsprüche, die sie sich in Mönchsschrift auf sehr kleine viereckige, täuschend wie vergilbtes Pergament aussehende Bogen und Blätt­chen drucken lassen. Der Stilechtheit wegen sind die An­fangsbuchstaben buntfarbig und mit Sinnbildern geziert. Daneben giebt es freilich auch Büttenpapier mit'Wahl­sprüchen in schwarzen fetten Druckbuchstaben oder in der Handschrift der betreffenden Persönlichkeiten. Darüber schwebt eine Krone" und ein Wappen in. Farben mit schwarzer Umränderung.

Herren, selbst solche im jugendlichen Alter, benutzen niemals verziertes Papier, außer mit Monogramm, Krone und Wappen geschmücktes.' Wer viel Wert auf Aeußerlichs- keiten legt, der nimmt ganz gewiß starkes englisches Dersty- papier in rein weißer Farbe. Es hat Quartformat, wird im Kreuz zusammen gefaltet und oben derart aufgeschnitten, daß die Blätter doch noch etwas zusammenhängen. Auf so entstandenen kleinen Büchelchen schreibt man dann alle acht Seiten nach- einander voll. Da die Herren, welche dies Papier lieben, merkwürdigerweise meist eine ungewöhnlich große Schrift hasten, braucht ein solcher Brief deswegen noch keineswegs laug zu sein. Er kostet jedoch immer doppeltes Porto. Auf die Bogen, wie auf die Hüllen, welche der Größe des Büchelchens entsprechen, pressen die Brief­schreiber selbst ihren Namenszug mit einem Stempel auf. Noch moderner als das Derbypapier ist hellbraunes Holzfaserpapier, das seinen Namen insofern mit Unrecht trägt, als es keineswegs aus Holz, sondern aus Gelatine und Lumpen hergestellt wird. Die letzteren sind nach Art einer . Maserung in die Gelatinemasse eingefügt. Mau könnte dies Papier allerdings für Fournier haltest, auch