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Man verlangte von allen Seiten nach einer weiteren Zugabe, doch als Sandory neben den Stuhl Margaretens trat, flüsterte sie ihm bittend zu: „Lassen Sie es genug sein!! Mir klopft das Herz vor Angst, und ich! habe die anderen Lieder wohl auch nicht genügend geübt."
Er schlug das Notenheft ohne weiteres zu und reichte ihr den Arm. Da fiel sein Blick auf eine lange schwarze Gestalt, die zwischen den Coulissen stand und ihm allerlei Zeichen machte.
„Was in aller Welt treiben Sie denn hier, Herr Eschenbach?" rief er lachend. „Möchten Sie uns etwa auch durch einen kleinen Vortrag erheitern?"
„Beileibe nicht, mein verehrter Herr Sandory! Aber da Sie doch ein so bewundernswürdiger Sänger sind, möchte ich Ihnen eine große Bitte aussprechen. Sie haben lange in Rußland gelebt, und für meinen Geschmack giebt es gar nichts Schöneres, als diese einfachen russischen Volkslieder. Da war neulich! jemand in Hamburg, der uns einige davon vorsang. Namentliche eins war darunter — ich glaube, er nannte es bas „Lied der Wolgaschiffer" — wenn Ihnen das vielleicht zufällig bekannt sein sollte und ivenn Sie die Freundlichkeit haben wollten, es zu singen — Sie würden mir wirklich eine große Freude machen."
Er sah sehr drollig aus in dem Eifer, mit dem er sein Anliegen vorbrachte, und Sandory schien eben in großmütiger Geberlaune.
„Das Liedchen, das Ihnen so sehr gefallen hat, kenne ich allerdings, und wenn Fräulein Ruthardt so liebens- würdig sein will, hier ein paar Minuten zu verziehen, will ich es Ihnen zum besten geben."
Er kehrte, von rauschendem Beifall empfangen, au den Flügel zurück imb sang, indem er sich« selbst begleitete, eine einfache Weise von jenem etwas getragenen, schwermütigen Charakter, der den meisten russischen Volksliedern eigen ist.
Aber während des Vortrages umdüsterte sich in augenfälliger Weise sein eben noch so heiteres Gesicht. Seine Brauen zogen sich! zusammen; alle Züge seines Antlitzes schienen härter und schärfer zu werden. Auch seine Stimme verlor seltsamerweise plötzlich! den Wohl- laut, der die Zuhörer bisher entzückt hattet Mit einem rauhen Beiklange, fast heiser, kamen die letzten Töne über seine Lippen, und er brach rasch ab, obwohl das Lied sicherlich mehr als die eine Strophe hatte. In dem Moment, wo er sich unter etwas verlegenem Beifall der Festgesellschaft erhob, verschwand Eschenbach lautlos von seinem Platze hinter den Coulissen. Vielleicht wollte er sichj der peinlichen Notwendigkeit entziehen, Sandory gegen seine Ueberzeugung etwas Angenehmes zu sagen, vielleicht auch fürchtete er, daß jener ihn das offenbare Mißlingen des Vortrages durch irgend eine boshafte Bemerkung entgelten lassen würde. Seine magere Gestalt verlor sich! eben in dem kleinen, Halbdunkeln Gange, als Sandory Margarete den Arm bot, um sie in den Saal zurückzuführen.
„Sie haben sich zu viel zugemutet", sagte sie schüchtern, durch sein verdüstertes Gesicht zum Mitleid bewegt, „man kann zu so vorgerückter Stunde und in dieser Hitze unmöglich lange hintereinander singen."
„Ich hätte den alten Narren mit seinen Wolgaschiffern zum Teufel schicken sollen", knirschte er, und dabei war etwas in seiner Stimme wie in seinen Augen, das Margarete bisher noch! nicht an ihm wahrgenommeu, und das sie geradezu mit Angst vor ihm erfüllte. Sandory aber sah die Bestürzung auf ihrem Gesicht, und er mochte finden, daß sie mit diesem scheuen Ausdruck noch kindlich liebreizender aussah, denn zuvor. Ehe Margarete ahnen konnte, was er beabsichtigte, ehe sie auch! nur eine Hand zu erheben vermochte, um ihn von sich! abzuwehren, hatte er sie in dem engen Gange leidenschaftlich an sich gerissen. Sie sah mit Entsetzen sein Gesicht, das ihr in diesem Augenblicke schrecklich verzerrt erschien, dicht über dem ihrigen und fühlte seine Lippen in brennendem Kuß auf ihrem Muude.
Der Aufschrei des Schreckens, der sich aus ihrer Kehle drängen wollte, wurde erstickt von diesem Kusse, und als er sie dann freigab, taumelte sie totenbleich!
gegen die Wand zurück, mit wankenden Knien und einer Ohnmacht nahe. Sie gewahrte wohl, daß seine Lippen sich! bewegten; wie aus weiter Ferne hörte sie durch ein seltsames Rauschen und Brausen hindurch den Klang stürmischer, zärtlicher Worte, aber sie verstand den Sinn dieser Worte nicht, und dann, während mit einem Mal eine purpurne Glut vom Kinn bis zu den blonden Stirnlöckchen hinauf über ihr weißes Gesicht flammte, streckte sie gebieterisch den Arm gegen ihn aus.
„Gehen Sie! — Verlassen Sie mich auf der Stelle! — Oder ich rufe um Hilfe, so laut ich kann."
Nur einen Moment zauderte Sandory. Er hatte angesichts ihrer bisherigen Widerstandslosigkeit eine so schroffe Zurückweisung wohl nicht erwartet. Aber es mochte etwas in ihren Zügen sein, das ihn doch an den Ernst der Drohung glauben ließ; denn er änderte plötzlich sein Benehmen.
„Verzeihen Sie mir!" sagte er weich!. „Ich weiß nicht, wie es über mich! gekommen ist, ich schwöre Ihnen, daß es nicht meine Absicht war, Sie zu beleidigen. Wenn ich die harte Strafe wirklich verdient habe, so verbannen Sie mich aus Ihrer Nähe, bis es mir gelungen ist, Ihre Vergebung zu erringen. Aber nehmen Sie mir nicht jede Hoffnung, Sie zu versöhnen! Lassen Sie es nicht vor alp diesen Leuten offenbar werden, daß Sie mir zürnen!"
Ob nun seine Bitte wirklich einen gewissen Eindruck auf sie gemacht hatte, oder ob sie nur den Wunsch hatte, ein peinliches Aufsehen zu vermeiden — jedenfalls bestand Margarete nicht mehr darauf, daß er allein in den Saal zurückkehrte. Den Arm, den er ihr darreichte, nahm sie zwar nicht an, aber sie trat doch mit Sandory zugleich wieder unter die Gesellschaft, von der sie mit Lybsprüchen förmlich überschüttet wurde.
Sicherlich hörte sie kaum den zehnten Teil von all' den schönen Dingen, die ihr da über ihr Spiel gesagt wurden. Sie vermochte sich nicht einmal zu einem freundlichen Lächeln zu zwingen, und als sie an der anderen Seite des Saales die hohe Gestalt ihres Vaters gewahrte, flog sie, unbekümmert um die Zurückbleibenben, auf ihn zu.
„Ich bin so müde und abgespannt", flüsterte sie. „Wenn es Dir nicht ein zu großes Opfer ist, lieber Vater, möchte ich Dich bitten, daß wir jetzt nach Hause gehen."
„Ein Opfer?" lachte er. „Aber Kind, glaubst Du etwa, daß ich mich zu meinem Vergnügen so lange in diesem Narrengewimmel aufgehalten hätte? Sieh nur zu, daß Du Deine unersättliche Mutter fortbringen kannst. Ich werde Euch unterdessen die Garderobe besorgen."
Wenige Minuten später waren sie auf dem Heimwege. Die Mutter, die sich angeblich himmlisch amüsiert hatte, plauderte unausgesetzt. Margarete aber sagte kein Wort. Sie wünscMe ihren Eltern, sobald sie daheim an- gekommen waren, gute Nacht und hatte es dann so eilig, sich in ihr Stübchen zurückzuziehen, daß Frau Ruthardt ihr mit einem leisen Kopfschütteln nachsah und sich in der Stille ihres Herzens die Frage vorlegte, ob es nicht doch vielleicht besser gewesen wäre, Herrn Rudolf Sandory auf seine Bitte eine abschlägige Antwort zu geben.
(Fortsetzung folgt.)
Luxus-Briefpapier.
Von M. K o j s a k.
Nachdruck verboten.
Jedermann kennt das sogenannte, recht kostspielige Büttenpapier. Bis vor drei bis vier Jahrzehnten wurde bekanntlich alles Papier aus Lumpen fabriziert, die eine Vorrichtung, „Wolf" geheißen, in winzige Fetzen zerriß. Man verarbeitete sie zu einem Brei, that diesen in eine Bütte, aus den man ihn auf dazu bestimmte Unterlagen schöpfte; die Blätter, welche nach Verdunstung der Flüssigkeit hieraus entstanden, waren eben das Papier, das nach der vorerwähnten Bütte „Büttenpapier" getauft wurde. Als man dann amfing, das Papier auf maschinellem Wege unter Zuhilfenahme von allerhand Chemikalien im wesentlichen ans Holz herzustellen, da erschien den Leuten das ehemalige Verfahren unglaublich roh und unbeholfen. Sie sanden ihr neues, mit Schwerspat — einem mineralischen Produkt


