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Rückert.
icht, wie deine Mitgesellen Bauen, sorge du!
Dasür laß den Meister sorgen;
Deine Stelle baue recht.
(Fortsetzung.)
Sandory hatte den Hamburger Privatgelehrten endlich abgeschüttelt und sich in unausfälliger Weise wieder den Plätzen der Ruthardtschen Damen genähert. Dicht hinter denl Stuhl der rundlichen Frau Doktor stehend, hörte er, wie sie nach, einem recht mittelmäßigen Klaviervortrage zu ihrem schweigsamen Töchterchen sagte: „Das hättest Du viel besser gemacht, Grete! Am Ende solltest Du auch eine von Deinen Sonaten spielen."
„Um keinen Preis, Mutter! Jch^bin doch keine Künstlerin, die sich vermessen dürfte, öffentlich aufzutreten."
„Aber ich sah, daß Du ein Notenheft mitgenommen hast. Geschah das denn nicht in bestimmter Absicht?"
„Es war die „Winterreise". Ich hoffte, daß Sigismund etwas daraus singen würde, und ich! hätte ihn dann natürliche begleitet. Aber er ist ja, wie es scheint, schon längst ohne Abschied fortgegangen."
„Wenn Sie Ihrem Bruder eine solche Gunst erweisen wollten, mein Fräulein, würden Sie dann nicht vielleicht damit einverstanden sein, daß meine unwürdige Person an die Stelle des Flüchtlings tritt? Ich habe diese Lieder zufällig öfters gesungen, und ich hoffe, Sie durch meinen Vortrag wenigstens nicht geradezu bloß zu stellen."
Mit dieser überraschenden Frage hatte sich Sandory plötzliche in das Gespräch gemischt.
Margarete versuchte wohl, sich gegen die Erfüllung seines Verlangens zu sträuben; aber sie fand darin bei der Mutter, die nicht wenig eitel aus die Talente der Tochter war, nicht die genügende Unterstützung. Und als nun gar noch einige andere Damen, die Sandorhs Worte gehört hatten, ebenfalls zu bitten anfingen, gab, das junge Mädchen in dem Gefühl, daß ein längeres Weigern jetzt wie Ziererei ausgesehen hätte, mit schwerem Herzen
Eine lebhafte Bewegung ging durch die Gesellschaft, als ein Komiteemitglied verkündete, daß, Herr Rudolf Sandory die Anwesenden durch einige Lieder erfreuen
werde, und daß Fräulein Ruthardt die Liebenswürdigkeit haben wolle, ihn auf dem Flügel zu begleiten. Dieser interessante Fremde war also aucf;, ein Künstler!
„Und immer diese kleine Ruthardt!" hieß es flüsternd in vielen Variationen überall, wo die Mütter heiratsfähiger Töchter Gelegenheit hatten, die Köpfe zusammenzustecken. „Man sollte es kaum für möglich! halten, daß dies unschuldig aussehende Ding sich so gut darauf versteht, einen Mann an sich zu fesseln."
Die Empfindungen der vielbeneideten Margarete aber» waren sehr weit von freudiger Genugthuung entfernt, als sie am Arme Sandorys das kleine Seitenpförtchen durchschritt, welches in den engen, nur von einer Notlampe beleuchteten Bühnengang führte. So deutlich fühlte er das Erbeben ihrer feinen Gestalt, daß er es für geboten hielt, ihr zuzuflüstern: Fürchten Sie nichts, mein liebes Fräulein! Ich bin zwar kein großer Sänger, aber musikalisch! ziemlich, sicher und nicht leicht aus der Fassung zu bringen. Wir werden bei diesen Liedern ebenso gut harmonieren, wie in allem anderen. Dessen bin ich ganz gewiß."
Man begrüßte sie mit Beifall,, als sie auf der offenen Szene erschienen. Margarete wagte keinen Blick in den Saal hinunterzuwerfen. Sandory aber verbeugte sich mit edlem Anstand und trat, nachdem er dem jungen Mädchen die Noten auf dem Flügel zurechtgelegt hatte, mit seinem gewohnten siegesgewissen, fast etwas ironischen Lächeln bis dicht an die Rampe vor. Seine weiche, biegsame und doch markige Baritonstimme durchtönte kraftvoll den weiten Raum, und schon bei den ersten Versen:
„Fremd bin ich eingezogen, Fremd zieh' ich wieder aus —"
waren die erwartungvoll lauschenden Zuhörer ganz und gar gewonnen. Die Begleitung zwar klang erst etwas zaghaft und schüchtern, aber auch sie wurde allgemach, ausdrucksvoller und beredter. Das schwermütig süße Lied von dem Lindenbaum, „Am Brunnen vor dem Thore", gelang ihnen tadellos, daß stürmischer Beifall dem weich-- klingenden Nachspiel Margaretens folgte, und noch in keinem Konzertsaal hatte man ein innigeres Zusammenfließen von Gesang und Begleitung wahrgenommen, als bei dem bald himmelhoch jubelnden, bald todestraurigen „Frühlingstraum":
„Ich träumte von bunten Blumen, so wie sie blühen im Mai,
Ich träumte von grünen Wiesen, von lustigem Vogelgeschrei.
Doch als die Hähne krähten, da ward mein Auge wach, Da war es kalt rind finster — es krächzten die Raben vom Dach"
(Nachdruck verboten.)
Unter dem Schwerte der Themis
Roman von Reinhold Ortmann.


