Ausgabe 
17.6.1900
 
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zärtlich! und sagte leise:Ja, ja, Großmütterchen . . . morgen."

So einfach das Versprechen schien, so schwer war doch das Gewünschte zu beschaffen, denn es fehlte Erna am notwendigsten... am Geld.

Die Krankheit der Großmutter hatte die letzten Hilfs- Mittel aufgezehrt, und Erna, die nach dem vollständigen Ruin der Eltern und nach dem Tode derselben zu der Groß­mutter gekommen, hatte sich redlich bemüht, mit für den Unterhalt zu sorgen . . . Doch was ist mit vereinzelten Nachhilfestunden zu verdienen? was bringt das Ueber- malen von Photogrammen, oder Handarbeiten ein?! Und nun kam gar der Sommer herbei- wo die Stickereigeschäfte kaum für altbewährte Kräfte zu thun haben.

Und als Erna am nächsten Tage ihre Arbeit ablieferte, da kam es, wie sie befürchtet: die Kassiererin teilte ihr beim Auszahlen des Geldes mit, daß bis zum Herbst keine Arbeit außer dem Haus zu vergeben sei.

Ratlos was nun beginnen, mit dem Gedanken an die Großmutter, die kaum dem Tode entronnen und sorg­samster Pflege bedurfte, ging Erna heim . . .5 Mark, die sie soeben erhalten, das war ihr ganzes Besitztum. . . und wenn die verausgabt. . . was dann?

Sie war so in Gedanken versunken, daß sie ohne Gruß bei der Zeitungsverkäuferin an ihrem Nachbarhaus vor­über ging und erschreckt zusammenfuhr, als die gutmütige Frau sie anrief:

Nun, Fräulein Erna, wollen Sie denn heut garnicht die Anzeigen durchsehen? . . . Vielleicht findet sich doch wieder etwas für Sie?"

Halb mechanisch, um nicht unfreundlich zu sein, griff das junge Mädchen nach- der dargebotenen Zeitung, und plötzlich tanzten ihr die Buchstaben vor den Augen. Da stand in großen Lettern:

Bedeutender Bildhauer verlangt junges Mädchen nicht Modell von Beruf zur Studie für Kopf. Sitzung von zwei Stunden 10 Mark, wahrscheinlich für den ganzen Sommer. Vorstellung im Atelier von Robert Nantil, Parkstraße 25.

Zahn Mark für die Sitzung! . . . und für den ganzen Sommer! . . . Wenn sie sich meldete? . . . Dann wäre sie für lange alle Sorge los, könnte ihre Kranke mit dem Besten vom Besten pflegen. . . .

And dann lehnte sich- alles in dem jungen Mädchen dagegen auf: Sie ein Modell! Nein, das konnte sie nicht!

Aber die Not zu Haus. Durfte sie sich von dem Begriff der nun einmal dem Wort beigelegt wurde, bestimmen lassen... es handelt sich ja nur um den Kopf? Wenin sie reich wäre und sich malen lassen wollte, müßte sie doch auch dem Maler sitzen? ;

Mut, Erna, Mut! redete das junge Mädchen sich selbst zu, und während sie im Geist den enttäuschten Blick der Großmutter sah, wenn sie mit leeren Händen heimkam, wandte Erna mit klopfendem Herzen der eigenen Wohnung den Rücken und schlug den Weg nach der Parkstraße ein.

Der Bildhauer Robert Nantil ging in seinem Atelier aus und ab, und die zusammengezogenen Augenbrauen und der Ausdruck des Gesichtes ließen darauf schließen, daß er gerade nicht in rosigster Stimmung. Benoit, der alte Diener, der schon bei den Eltern Robert Nantils Faktotum gewesen war, sah denn auch besorgt auf seinen jungen Herrn, und endlich! hatte er den Moment abgepaßt, um ein:Der junge Herr scheinen verstimmt?" zu wagen, während er sichl scheinbar sehr eifrig mit dem Abstauben einer Statuette zu schaffen machte.

,Verstimmt? . . . Wütend bin ich, Benoit , . .!"

Und Benoit bückte sich und nahm die kaum angerauchte Zigarette auf, die sein junger Herr zu Boden geschleudert hatte; dann meinte er mit großer Seelenruhe:

Hat denn die Anzeige nicht den gewünschten Erfolg gehabt?"

Der Bildhauer zuckte ungeduldig die Schultern, aber es.schien doch, als wenn er nur die Gelegenheit erwartet, um sich auszuspr^chen, denn er sprudelte auch gleich darauf heraus:Oh! die Anzeige! . . . genug sind gekommen seit 8 Tagen. . . Brünette, Blondinen und Rothaarige! . . .

Wer von dem was ich suche, keine Spur! . . . Freilich, ideale Reinheit giebt's nicht mehr! so etwas, wie ich für meine Statue derAufrichtigkeit" brauche, das findet man nicht auf den Straßen der Großstadt. . . Wenn ich nur wüßte, wo ich sie suchen sollte! . . . Mein Wunsch ist un­erfüllbar! ... Oh! Augen, die einen klar und freimütig an seh en . . . ein Läch!eln, das von . . ."

Ein schwaches Anschlägen der Glocke ließ Robert Nantil mitten im Satz abbrechen, und der alte Benoit schritt mit dem Federwedel zur Thür und meinte im Hinausgehen:

Na! Vielleicht kommt da das vielgesuchte Modell! Auf jeden Fall immer Geduld! Sie werden schon finden, was Sie suchen! In der Großstadt giebt's alles, selbst Auf­richtigkeit !"

Mit den Worten, die großen Optimismus oder eine bedeutende Philosophie verrieten, schloß sich die Thür hinter dem Diener, und der junge Künstler blieb allein.

Aber nicht für lange, denn gleich darauf erschien Benoit und führte ein schlankes, junges Mädchen herein, das trotz der sehr bescheidenen Toilette doch einen entschieden aristo­kratischen Eindruck machte, und einen Schleier dicht vor dem Gesicht über dem Matrosenhütchen befestigt hatte.

Ich komme. . ." fing die Fremde mit unsicherer Stimme an. . .

Infolge meiner Anzeige?" sagte Robert Nantil höflich. . . .Wollen Sie freundlichst Ihren Hut abnehmen!?"

Erna nestelte mit zitternden Fingern Hut und Schleier los . . . und ein Aufleuchten ging beim Anblick des jugend­lich- feinen Köpfchens, des zarten Teints und der großen graublauen Augen mit dem halb ängstliche fragenden Aus­druck über sein Gesicht. . .

Ja, das, das gerade suchte er. Fast ängstlich klang seine Frage:Wollen Sie mir zu meiner Statue sitzen?" And dennoch, als echter Künstler, wartete er schon nicht mehr auf eine Antwort, sah kaum das Nicken des jungen Mädchens, sondern schob ihr hastig einen Sessel zurecht und griff nach seinem Modellierholz. Benoit schlich schmun­zelnd und befriedigt sich die Hände reibend, leise zum Atelier hinaus.

Drei Stunden später stand Erna mit hochroten Wangen am Bett der Großmutter, und fütterte die alte Frau wie ein Kind mit zartem Hühnerfleisch und Champagner.

Also Fräulein Erna, Sie bleiben unerbittlich und wollen mir nicht Ihren Namen und Ihre Wohnung sagen", sprach Robert Nantil vielleicht vier Monat nach dem eben geschilderten Ereignis, während er die säst vollendete Statue derAufrichtigkeit" von allen Seiten betrachtete, solche Heimlichkeiten passen doch garnicht für ein Modell derAufrichtigkeit!"

Erna wandte den Kopf etwas zur Seite.

Ich. bitte Sie, Herr Robert, dringen Sie nicht weiter in mich, Sie glauben garnicht, wie Sie mich damit quälen."

Schön. . . schön, ich schweige schon, denn Sie ver-- lieren auch, die richtige Stellung . . . Aber dennoch, Sie thun Unrecht, sich vor. . . einem Freund zu verbergen! Ich bleibe ewig Ihr Schuldner, denn Ihnen danke ich es, daß ich. mein Traumbild habe verwirklichen können und ... es wird mir unmöglich gemacht. Ihnen zu Weih­nachten ein paar Blumen, oder von Zeit zu Zeit ein Lebens­zeichen, eine Erinnerung zu senden . . . Haben Sie denn gar keine Achtung und Sympathie für mich?"

Für eine Sekunde war es, als wenn Erna ihre ruhige Fassung verlor, die langen Wimpern legten sich so rasch über die Augen, als wollten sie aufsteigende Thränen Zurückdrängen. Sie konnte doch unmöglich gestehen, wie schwer es ihr wurde, auf Nimmerwiedersehen von dem heiteren, feinen Manne zu scheiden, der es ihr angethan hatte! Und so zwang sie sich denn zu der Entgegnung:

Wer Herr Robert, wie können Sie die Sache so tragisch auffassen; zwei- oder dreimal sind wir ja doch noch zusammen bevor Sie fertig sind, und wer weiß, was bis dahin noch alles passiert!"

Ja, Robert Nantil wußte absolut nichts von seinem Modell, und nachdem er Erna zuerst mit ihrer Heimlich­keit geneckt, hatte er allmählich- einen kleinen Stachel darin gefunden. Auf seine Fragen hatte sie mit sichtlicher Ver­legenheit geantwortet, daß sie von Beruf Näherin sei und bei chrer Großmutter klebe; aber die schlanken Finger zeigten