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Geheimnisses der Bann gelöst? Der junge Arzt sah sich vor einem toten Punkte angelangst über welchen hinauszukommen es nur ein einziges Mittel gab: die Entdeckung des Mörders.
Doktor Gerth hatte sich in auskömmlichen, aber immerhin knappen Verhältnissen bewegt. Seine Mittel waren zur Vollendung seiner Studien ausreichend gewesen; dann aber wurde eine feste Anstellung zu einer Lebensfrage, und als diese durch seine Berufung nach Sankt Rochus ihre bescheidene Lösung gefunden, machte er sich mit dem Gedanken vertraust daß alle ehrgeizigen Pläne hier wohl auf lange Zeit begraben sein würden. Seinem Bruder würde er nie ein Opfer zugemutet haben, der Tod desselben hatte außerhalb jeder Berechnung gelegen. Nun war das! Unerwartete dennoch eingetreten, und die Erbschaft, welche srch Gerth in die Hand gespielt sah, hätte ihm gestattet, seinen Lieblingstraum zu verwirklichen: auf Reisen zu gehen Und sich überall in der Welt umzusehen, wo es Gelegenheit gab, sich in seiner Wissenschaft, der er mit ganzer Seele ergeben war, zu vervollkommnen. Der Reiz dieses Traumes war vor Konstanze Herbronn verblaßt. Durch nichts wäre er mehr zu bewegen gewesen. Sankt Rochus zu verlassen. Es war ihm die Welt geworden, die ganze, weite Welt. Der fortgesetzte Verkehr mit dem jungen Mädchen, der durch seine Amtspflichten begünstigt wurde, befestigte seine innere Ueberzeugung von ihrer Schuldlosigkeit mit jedem Tage mehr; ihr tragisches Geschick, der still duldende Heroismus, mit dem sie es trug, und ihre reine Schönheit, die für ihn durch kein Vorurteil, durch kernen Schatten getrübt wurde, übten einen Zauber auf ihn, dem er sich nicht zu entziehen vermochte.
Die Ordnung seiner Erbschaftsangelegenheiten führte rhn wreder auf mehrere Tage nach der Provinzialhauptstadt. Er hatte kaum die nächsten Formalitäten erledigst als er srch auf den Weg zu dem Rechtsanwalt machte, welcher Konstanzes Verteidigung geführt hatte.
Während er durch die Straßen ging, traf sein Auge plotzlrch auf den Namen derjenigen, welche seine Gedanken eben lebhaft beschäftigte: „Konstanze Herbronn vor dem Schwurgericht. Stenographischer Bericht über den Mord- prozeß Georgi", las er auf dem Titelblatt einer Broschüre, welche »m Fenster eines tteinen Buchhändlerladens zwi- ichen Traum- und Komplimentierbüchern, Blumensprachen, Briefstellern für Liebende, Koch- und Jndianerbüchern ausgestellt war. Auch das Porträt der Angeklagten befand sich auf dem Titelblatt, ein grober Holzschnitt mit Punkten und Strichen am unrechten Orte, wodurch die Gesichtszüge bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurden.
Um den Prozeß in seinem vollen Zusammenhänge kennen zu.lernen und der ganzen Verhandlung Wort für Wort zu folgen, kaufte Gerth die Broschüre, und da sich rn der Nahe des Buchhändlerladens eine Anlage mit schattigen Bäumen und Bänken darunter befand, so ließ er sich dort nieder und versenkte sich in die düstere Lektüre, bis er Arese zu Eüde gelesen hatte.
Er erhob sich mit der traurigen Ueberzeugung, daß Verteidiger ihm weder etwas neues, noch etwas tröstliches würde sagen können, und zögernden Schrittes nur setzte er seinen Weg fort. Immer langsamer wurde fein Gang, immer nachdenklicher seine Miene. Von toet= djer Seite er den Prozeß auch betrachten mochte, überall war uhm hier die Welt mit Akten und Protokollen und mit beschworenen Zeugenaussagen vernagelt. Um Bresche in diese zu legen, hätte es eines Mediums bedurft, welches seine ganze Persönlichkeit für diese Sache einsetzte, welches scharfen Spürsinn mit durchdringender Menschen? kzuntnis vereinigte und mit den Waffen der List und Schlauheit Wege zu finden wußte, die dem Coder mit seinen geschriebenen Paragraphen verschlossen sind.
Bei diesem Gedanken hielt er unwillkürlich, seine Schritte an. Wiederholt hatte er in den Zeitungen von einem Detektive, namens Allram, gelesen, welcher in der lleberlistung schwer erreichbarer Verbrecher wahre Meisterstücke geleistet hatte. Wer das zuwege brachte, der wäre wohl auch cher Mann gewesen, den wahren Urheber eines Mordes zu entdecken, welcher auf den Schultern eines jilngen, zarten Mädchens lastete. Gerthe änderte nun die Richtung feines Weges und begab sich in ein größeres
Restaurant, wo er sich das Einwohner-Adreßbuch geben ließ und die Wohnung des Detektivs bald ausfindig ae- macht hatte.
Herr Titus Allram war in früheren Jahren geheimer Kriminalkommissar gewesen. Man hatte den äußerst gewandten Mann in den Dienst der politischen Polizei stelleu und nach der Reichshauptstadt versetzen wollen. Aber der Eifer, mit welchem er dem Staate diente, erstreckte sich nur auf Verbrecher, die sich gegen Leben oder Eigentum vergangen hatten; in politischen Dingen war er sehr liberal, und daher hatte er die ihm zugedachte Auszeichnung abge- lehntund es vorgezogen, seine Entlassung aus dem Staatsdienste zu nehmen und sich in der Provinzialhauptstadt als Privatdetektiv zu etablieren, was bei seinem wohlbegründeten Rufe jedenfalls einträglicher war, als eine Beamtenbesoldung.
Als Schrecken der Verbrecherwelt war er nie seiner Haut sicher und schon einigemale nur mit knapper Not der Rache entlassener Sträflinge entronnen, welche er seinerzeit hinter Schloß und Riegel gebracht. Daher hatte ey auch seine Wohnung in einer der belebtesten Straßen und rn einem Haufe gewählt, wo zu allen Tageszeiten viele Leute ein- und ausgingen, und einem revanchelüsternen Mordgesellen so leicht keine Gelegenheit geboten war, unbemerkt zu kommen und zu gehen. Im Parterre lagen die Lokalitäten eines vielbesuchten Wiener Cafees; in der Hausflur hatte ein Gräupler seinen Verkaufsstand errichtet; eine Treppe hoch befand sich ein Tag und Nacht wohl- bewachtes Bankgeschäft, und diesem gegenüber in demselben Stockwerk war der Eingang zu Herrn Titus Allrams bescheidener Wohnung. Er war in geheimen Missionen dreifach äuf Reisen, häufig sogar im fernen Auslande, und Doktor Gerth konnte daher von Glück sagen, daß er ihn zu Hause traf. Die äußere Erscheinung des Dcktek- trvs, der im Anfang der Vierzig stehen mochte, war eine zremlrch alltägliche, fast harmlose. Er hatte die gewöhnliche Mittelgröße; das glatt rasierte Gesicht erinnerte an einen Schauspieler, der er wohl auch zuweilen sein mochte; rn dem Blicke seiner wasserblauen Augen lag eher etwas! von Gutmütigkeit als von jener durchbohrenden Schärfe, die den Menschen bis ins Herz sieht und für ein böses Gewrssen sogleich eine Warnung ist, auf seiner Hut zu fern.
(Fortsetzung folgt.)
Das geheimnisvolle Modell.
Von Paul Junka.
Autorisierte freie Uebersetzung von A. Friedheim.
„ . , . „ „ Nachdruck verboten.
„Erna . . . mrch durstet!"
Das junge Mädchen, dem diese klagende Bitte galt, legte die Stickerei, mit der sie am Fenster gesessen, aus der Hand, stand auf und sagte:
„Ich werde Dir Deinen Thee geben, Großmütterchen."
Aber die Rekonvaleszentin hob abwehrend die magere Hand, indem sie meinte: „Oh! Thee! den habe ich so lange getrunken, weißt Du, was ich möchte, Erna?"
Das junge Mädchen schob! lächelnd der alten Frau eine Strähne des silberglänzenden Haares unter das Häubchen und antwortete: „Nun was denn, Großmütterchen . . . wenn's niM «direkt gegen die Verordnüng des Arztes verstößt, sollst Du Deinen Willen haben, was ist's denn?"
„Champagner ist es! Und weißt Du, Hunger habe rch! auch, und wenn Du mir morgen ein junges Hühnchen bereiten willst, dann esse ich. es ganz und gar auf, und dänn kann ich. auch bald das Bett verlassen. . . aber Ehämpagner mußt Du mir bringen. . . weißt Du, wie während der Krankheit, das war immer so schön kühl, ich erinnere mich, noch daran."
„Ja, aber" . . . stotterte Erna. Sie war im Begriff gewesen zu sagen, „Champagner ist teuer", doch! als sie das abgemagerte, liebe Gesicht in den Kissen sah, da schloß sie mit den Worten. . . „Aber ich habe keinen mehr im Haus!"
Und wie ein Kind, das nach einer bestimmten Sache verlangt, antwortete die alte Frau: „Oh, dann besorgst Du mir morgen aUes zusammen." Erna küßte die Leidende


