Ausgabe 
17.6.1900
 
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1900.

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fenn am besten, glaube ich, leben diejenigen, die am meisten fich's angelegen sein lasten, immer besser zu werden, und niemand lebt angenehmer, als die, welche lebhaft fühlen, daß fie besser werden. Sokrates.

(Nachdruck verboten.)

Die Irre von Sanft Rochus.

Kriminalroman von Gustav Höcker.

(Fortsetzung.)

Als Konstanze den jungen Arzt eintreten sah, schlug sie diie kleinen weißen Hände vors Gesicht. Mit dumpfer Gleichgiltigkeit hatte sie vorher die anderen Doktoren em­pfangen; sie wußten ja bereits, daß sie es mit einer Mör­derin zu thun hatten; seit ihrer Verhaftung war Konstanz« es gewohnt, dafür gehalten zu werden. Aber daß sie diesen Mann, welcher ihr das tiefe Leid aus dem Gesicht abgelesen und, wie sie wohl bemerkt, ihr eine warme Teil­nahme geschenkt hatte, nun an diesem Orte wieder treffen mußte, erschien ihr wie das Walten eines höhnischen Schick­sals, und sie kam sich wie eine Entlarvte vor.

Doktor Gerths freundlicher Zuspruch, das feine Takt­gefühl, welches er dabei bekundete, indem er nichts sagte, was auf den Ort und die Verhältnisse, unter denen er sie wiederfand, Bezug haben konnte, schienen ihr wohl- zuthun. Aber ihre Hand, die er tröstend ergreifen wollte, verweigerte sie ihm.

In den Augen der Welt ist diese Hand mit Blut be­fleckt", sagte Konstanze. Sie sank auf den Stuhl und ver­barg wieder ihr Gesicht, wie sie es bei Gerths Eintritt gethan. Trockenen Auges hatte sie vor ihren Richtern ge­standen, denn es giebt einen Schmerz, welcher das Gefühl betäubt und das Herz erstarren macht. Was sie aber jetzt empfand, brach sich in einem stillen Thränenstrome Bahn.

Ich sehe nicht mit den Augen der Welt", entgegnete Gerth.Sagen Sie mir, daß Sie das Opfer einer Ver­kettung unglückseliger Umstände sind, und ich glaube Ihnen."

Sie glauben an meine Unzurechnungsfähigkeit und entschuldigen mich damit", schluchzte das Mädchen.

Nein, ich glaube, daß Sie die That überhaupt nicht begangen haben. Und wenn Sie mir die Hand reichest, die Sie mir vorhin versagten, so ist mir das genug. Einer anderen Antwort bedarf ich nicht!"

Die im Tone ehrlicher, männlicher Ueberzeugung ge­sprochenen Worte machten auf Konstanze einen tiefen Ei­druck. Sie sah auf und blickte ihn mit ihren großen dunklen

Augen forschend an. Dann streckte sie ihm die Rechte entgegen. Der Arzt ergriff diese so schwer verdächtigt« Hand umd drückte sie leise und zart; ja, er that noch mehr, er neigte sein Haupt und führte sie an seine Lippen. Und auch das ließ sie willig geschehen.

Dank! Dank!" flüsterte sie kaum hörbar und unter Thränen lächelnd, und in diesem Lächeln lag die verklärte Glückseligkeit eines Kindes.

Giebt es keine Hoffnung, daß Ihre Schuldlosigkeit an den Tag kommen könnte?" frug er.

Keine! Ich bin gerichtet, und diese Mauern sind mein Gefängnis, welches sich mir niemals wieder öffnen wird."

Regt sich in Ihnen kein .Verdacht auf irgend eine Person?" frug Gerth weiter.Um einen Raubmord hat es sich nicht gehandelt. Wer konnte ein Interesse daran haben, das Leben eines so harmlosen Mannes wie Pro­fessor Georgi zu verkürzen?"

Konstanze schwieg eine Weile. Sie schien mit sich zu kämpfen, ob sie diese Frage beantworten solle oder nicht.

Ich fürchte, es giebt eine solche Pexson", sagte sie endlich.

Und warum nannten Sie diese nicht?"

Weil ich darüber schweigen muß."

Man zwingt Sie zu diesem Schweigen?"

Nein, ich erlege es mir selbst auf."

Sie kennen also den Mörder", begann Gerth nach einer kurzen Pause wieder,und wollen lieber Ihr Leben an diesem traurigen Ort verbringen, hier Ihre Jugend vergraben, als ihn nennen?"

Nein, ich kenne den Mörder nicht", antwortete das Mädchen.Es wäre allerdings ein seltsamer Zufall, wenn der Mord »unabhängig von jener Person geschehen wäre; wer aber die That vollbrachte, darüber habe ich nicht die leiseste Vermutung."

Die Aerzte der Anstalt durften nicht länger bei den einzelnen Kranken verweilen, als unbedingt nötig war. Gerths Zeit war um. Niemand durfte merken oder auch nur ahnen, daß ihm die Bewohnerin dieser Zelle etwas anderes als eine schwere Epileptikerin sei.

Möge Ihnen der Gedanke einigen Trost bringen", sagte er beim Gehen,daß Sie in mir einen Freund be­sitzen, einen zuverlässigen, mitfühlenden Freund, der Ihnen Ihre Lage zu erleichtern suchen wird, so viel in seinen Kräften steht. Bei der eisernen Hausordnung, die hier herrscht, werden diese Dienste leider nur sehr gering fein können."

Als er draußen stand, stieß er einen tiefen Seufzer aus. Im Leben dieser Unglücklichen iga6 es irgend ein Geheimnis, welches sie fest in ihrer Brust verschloß. Sie stand unter einem Banne, von welchem sie selbst sich nicht befreien konnte. Ward vielleicht mit der Ergründung jenes