Ausgabe 
17.5.1900
 
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Nationalparks.

Bon Ernst Bogel.

Nachdruck verboten.

Bor zwei Jahren, am 30. März 1898, wurden im preußischen Abgeordnetenhause Worte gesprochen, welche, ohne im geringsten politisch zu sein, von großer Tragweite und Bedeutung waren. Der Abgeordnete Oberlehrer Wete- kamp war es, der einer Idee Ausdruck verlieh, deren Aus­führung als ein kulturhistorisches Werk ersten Ranges an­zusehen sein würde. Es handelt sich um den Vorschlag zur Schaffung deutscherNationalparks" im Sinne derNatio­nalparks" in Nordamerika. Wir geben, führte Herr Wete- kamp treffend aus, jährlich erhebliche Summen aus für die Erhaltung botanischer Gärten, die uns die Flora des Auslandes vorführen, für Museen, welche die Naturpro­dukte aller Länder dem Studium zugänglich machen sollen, wir wenden ferner erhebliche Mittel auf, um die Denk­mäler der Kunst- und Entwickelungsgeschichte der Mensch­heit uns zu erhalten. Aber eins fehlt uns noch: es fehlen uns Einrichtungen und Mittel, um die Denkmäler der Entwickelungsgeschichte der Natur uns zu erhalten; unsere eigene Fauna und Flora, die im Schwinden begriffen ist, vor allem die Tierwelt. Redner erinnerte nur an die bereits verschwundenen Auerochsen, an das Wisent, das nur noch an einigen Stellen gehütet wird, an den Biber, der nur noch: an einem einzigen Orte zu, finden ist. Es sei daher erforderlich, einen Teil unseres Vaterlandes in der ursprünglichen naturwüchsigen Form zu erhalten, und da handelt^es sich nicht allein um die Erhaltung der Pflan­zen- und Tierwelt, sondern auch im geographischen und geologischen Interesse um die Erhaltung gewisser Teile der Erdoberfläche im natürlichen Zustande. Mit anderen Worten, gewisse geeignete Gebiete unseres Vaterlandes müßtenreserviert", inStaatsparks" umgewandelt wer­den, aber nicht in Parks in dem jetzt gebräuchlichen Sinne des Wortes, sondern in Gebiete, in denen der Natur­zustand nicht blos erhalten, sondern eventuell auch wieder hergestellt wird.

Dabei verwies der Redner auf das großartige Beispiel der nordamerikcmischen Union, welche fünf derartige Nationalparks" geschaffen hat, von denen die drei größten zusammen so groß wie das Königreich Sachsen sind. Die berühmtesten dieser Parks sind der Yellowstonepark, der ungefähr so groß wie Westfalen ist, der Uofemitepark, der etwa dem Herzogtum Braunschweig an Größe gleichkommt, und der Sequoiapark, der ungefähr die Größe des Ham­burger Staatsgebietes besitzt.' Die Anregung Wetekamps wurde von der deutschen Regierung als beachtenswert an­erkannt und die eingehende Erwägung derselben zugesagt seitdem ist das Thema aber wieder von der Tagesord­nung verschwunden und scheint in unabsehbarer Zeit noch Aussicht auf Verwirklichung zu haben. Es erscheint daher gerechtfertigt, wenn das angeregte interessante Projekt wieder einmal der Oesfentlichkeit ftn Erinnerung gebracht wird, dasselbe verdient eine allgemeine Erörterung und Würdigung, wenn natürlich auch die Fachmänner es sein müssen, die in der Angelegenheit das letzte Wort sprechen.

ImJahrbuch der Naturwissenschaften" wird darauf aufmerksam gemacht, daß England schon seit 700 Jahren ein etwa 40 Hektar umfassendes Gebiet besitzt, das man als einen, wenn auch! sehr kleinen, Park im Sinne des obigen Vorschlags bezeichnen könnte. Dasselbe liegt in der Grafschaft Staffordshire, und befindet sich darin eine iherde wilden weißen Rindviehs. Der Aufenthalt der Tiere ist ein etwa 100 Meter hohes Plateau, welches bereits um 1200 angelegt wurde und jetzt einen Teil des Chartley- Parkes bildet, der irt der Nähe der Stadt Uttoxeter liegt. Das etwa 100 Acker umfassende wilde Tafelland ich mit grobem Gras, Binsen, verkümmerten Heidelbeeren, Heide­kraut, Flächen üppigen Farnkrautes und alten verwitterten schottischen Kiefern und Birken bedeckt. Auch Rot- und Damhirsche, unzählige wilde Kaninchen, und deren zahl­reiche Feinde beleben dies wilde ursprüngliche Gebiet. Mit den ungeheuren amerikanischen Nationalparks kann sich dieser Park natürlich nicht entfernt messen, nicht allein soweit die Größe in Frage kommt, sondern auch in Bezug auf die Art der Naturprodukte, um deren Erhaltung! es

sich handelt. Tie amerikanischsn MM chsneu Mn Mi derAufbewahrung" grandioser NatnrsKüiihejl fowoU wie seltener Naturphänomene.

Der Bosemitepark umfaßt das berühmte Vosemitethal, den Glanzpunkt der Sierra Newada in Kalifornien, das 1851 entdeckt und bereits 1864 vom Kongreß dem Staate Kalifornien als unantastbarer Park überwiesen wurde. Seine Größe wird auf 24 Kilometer Länge bei anderthalb Kilometer Breite angegeben. Zu beiden ©eiten des vom Merced-River durchströmten Thals erheben sich 1000 Meter hohe und höhere granitene Felstürme; gewaltige Wasser­fälle schießen 200 Meter hoch herab. Die Farbenpracht der Gesteine wird als außerordentlich Prachtvoll geschildert. Als Sehenswürdigkeiten ersten Ranges gelten vor allem auch die tausende von Jahren alten Mammuthbäume, die über 100 Meter hoch und so stark sind, daß man in ihrem Innern Herumreiten kann. Der Sequoiapark hat den aus­gesprochenen Zweck der Erhaltung dieser ehrwürdigen Waldriesen, bei denen die berühmtesten der Vater des Waldes, .144 Meter hoch, bei 35 Meter Umfang am Grunde des öfteren beschrieben worden sind.

Der größte und herrlichste der amerikanischen National­parks und zugleich der größte Park der Erde, ist der Dellowstonepark, der eine Fülle erhabener Wunder in sich schließt, wie sie in solcher Menge und Mannigfaltigkeit sonst nirgends wieder vereinigt angetroffen werden. Der am 1. März 1872 vom Kongreß der Vereinigten Staaten gefaßte Beschluß, das gesamte Quellgebiet des Yellowstone mit feinen Naturwundern zum Nationaleigentum zu er­klären und esals öffentlichen Park zum Vergnügen und zur Wohlthat des Volkes für alle Zeiten zu widmen", muß daher als ein kulturhistorisch in hohem Grade dankens­werter Akt bezeichnet werden, welcher die Naturfreunde aller Länder mit Genugthuung erfüllen muß. Die Größe dieses ungeheuren Parks wird verschieden angegeben, der eine mißt ihm die Ausdehnung Westfalens bei, während nach einem anderen Werke der Park mit den in der Folge stattgehabten Erweiterungen das Königreich Belgien an Größe übertreffen soll.

Wie eine Knude aus der Märchenwelt vernahm man Ende der 50 er Jahre die Nachricht von der Entdeckung des Wunderlandes im fernen Felsengebirge. Jrn Jahre 1870 drang die erste Expedition unter General Wasburne dahin vor, ein Jahr später eine zweite unter der Führung von Professor Hayden, der auch nach der Rückkehr dein nord- amerikanischen Kongreß über die geologische Bedeutung des. Platzes Bericht erstattete. Die Expedition hatte un­sägliche Strapazen zu überwinden, sah sich aber auch königlich belohnt, als sie endlich das wild-romäntische, un­vergleichlich schöne Hochplateau erreicht hatte. Denn die Wunder des Nellowstoneparkes befinden sich etwa 2400 Meter über dem Meeresspiegel und werden noch um 600 Meter von einem kuppelartigen Berge überragt, wie sich überhaupt das Ganze als eine von Thälern und Schluchten durchfurchte .Hochebene darstellt, die im Norden, Süden und Osten von Bergketten eingeschlossen ist. Schon die Gegend an sich gewährt einen zauberhaften Anblick durch den bunten Wechsel von majestätischen Wald- und pittoresken Felspartien, durch die geradezu märchenhaften Farben­kontraste, durch die zahlreichen Wasserfälle, Quellen, Schluchten und Pfade. Neben Bildern erhabener Schönheit und finnberückender Anmut solche von gigantischer Majestät und melancholischer Düsterkeit.

Auf der höchsten Spitze erglänzt, 2270 Meter über dem Meere, der wunderbare Yellowstonesee, ein krystall- klares, 400 Quadratkilometer umfassendes, nach anderen Berichten noch weit ausgedehnteres Wasserbecken, in dem östliche Forellen sich tummeln. Reizende Inseln heben ich über den unbewegten, blitzenden Wasserspiegel empor, auf dem Wasser erblickt man ganze Scharen von Pelikanen, weißen Schwänen und anderem Geflügel. Dieser See, nächst dem Titikakasee in Südamerika, der höchstgelegene große See Amerikas, ist einer der höchsten Seen der Erde, ungeheure Fichtenwälder umgeben seine Ufer, hinter ihm ragen die schneebedeckten Gipfel der Berge empor.

Aus dem See heraus tritt der Yellowstone, der sich, nachdem er eine Region von Schwefelquellen passiert, einen Weg durch die vulkanischen Ryolithmassen geÜBochril und