Herz einer Dienerin, das unbewußte eines Kindes für mich schlägt? Ich tauschte nicht gern mit dem schlichten Bürgerskind, das, den Geliebten au der Hand, stolz zum Vater tritt, seines Segens gewiß?! — Aber, wenn es nun einmal anders ist) wenn wir kämpfen müssen um unser Glück, ioillst Du da die Waffen strecken, ehe Du Deine Kraft erprobt?"
Dunkles Rot überflutete seine Stirn; er sank ihr zu Füßen, hie Augen in flammender Begeisterung erhoben.
„Nein, das will ich nicht! Du hattest recht, mich zu mahnen! Ja, ich will streben und schaffen, nicht ruhen und nicht rasten, bis mir meine Kunst den Adelsbrief verleiht, und dann trete ich, ein Ebenbürtiger, vor Deinen Vater, mein Gliick zu fordern. — O, und dann, mein Lieb, mein Alles!" Er sprang auf und schloß das bebendeMäd- chen m seine Arme, „dann will ich Dir diese Stunde und diese Mahnung lohnen! Mit meinem Leben will ich es!"
Eine halbe Stunde später schritt die junge Gräfin durch den Wald dem Schlosse zu. Die Sonne strahlte bereits wieder vom tiefblauen Himmel herab, einzelne Bogelstimmen zwitscherten, und die Blumen hoben die gesenkten Köpfchen.
„ Dina ließ die Blicke entzückt umherschweifen. Wie ichön, wie wunderschön war die Welt, wie herrlich in ihr zu leben. Im Parke, der unmittelbar an den Wald stieß, schlug sie einen anderen als den sonst benützten Weg ein, ste wollte zur Begräbnisstätte, den Segen der verklärten ^"^r für ihr junges Glück erflehen. Sie mußte an der Tuffsteingrotte, der niedlichen Spielerei, mit welcher Graf Wellinghausen seiner Gemahlin einen ihrer vielen Wunsche erfüllt hatte, vorüber, blieb aber unweit derselben wie festgebannt stehen.
War das nicht ihr Vater, der dort den breiten Hauptweg stürmend hinunterkam, die Augen mit so furchtbarem Ausdruck in die Ferne gerichtet? '
Er konnte die im Gebüsch tief versteckte Grotte noch nicht erblicken, aber Dina wußte doch — warum hat sie sich nie zu erklären vermocht — daß er derselben zustrebe. Unwillkürlich, ohne sich Rechenschaft von ihrem Thun ab- Nlegen, eilte sie zuriick und rüttelte an der verschlossenen I Thur. Ein leises Rascheln drinnen, dann alles still. Sie I legte ihre Lippen an das Schlüsselloch.
„Um Gotteswillen, öffnen! Der Vater." —
Ein lauter Aufschrei, der Riegel flog zurück und sie taumelte, von zwei Armen ergriffen, über die Schwelle.
'Sie stand zum ersten Male in dem kleinen phantasti- sthen Raume, der sein Licht durch ein einziges rundes I Fenster aus rotem Glase empfing, und geblendet und ver- I wirrt schaute sie umher.
Dicht vor ihr stand ihre Stiefmutter, atemlos, wilde I Angst in den weitgeöfsneten Augen, im Hintergrund, die I Hand um die Lehne eines Binsenstuhles krampfend, Baron I von Ramberg.
„Wir hatten — wir wollten — ein zufälliges Zu- | sammentreffen —-" kam es stammelnd von den Lippen | der Gräfin. „Aber Dein Vater — er tötet uns — wenn —" I Rasche Schritte wurden von draußen hörbar.
„Kein Verrat, tvenn Dir Dein —"
Sie schwieg, die Thür wurde heftig aufgerissen, der I Genf stand in derselben. Grelles Sonnenlicht flutete mit | ihm herein und ließ die hohe Gestalt int Jagdanzug mit I der Flinte über die Schulter und den wildblickenden Augen | nn verzerrten Antlitz wahrhaft furchtbar erscheinen. Seine Blicke flogen umher, sie hafteten auf seiner Frau, dem I Buron; es sah aus, als wolle er sich auf sie stürzen.
Doch, bevor es dazu kam, trat erstere auf ihn zu.
„Achim, Du? Schon zurück von Deinem Jagd- I ausflug?" a I
Er that einen Schritt und richtete seine blutunter- I lausenen Augen auf sie.
„Ja, ich hatte heute kein Glück!" murmelte er heiser I "Ter Eber ließ sich nicht finden, versuchen wir es einmal mit dem Wolf, dem Räuber, der —"
Seine Stimme wurde unverständlich. Er riß das Ge- I wehr von der Schulter. Da fuhr er plötzlich, wie vom Blitz I getroffen, zusammen. Eine leichte, weiße Gestalt stand I
rhni, zitternde, eiskalte Finger berührten die seinen. |
„Guten Tag, lieber Papa! Mich bemerktest Du wohl I gar nicht?" Die Worte klangen leise und bebend, und I doch dröhnten sie wie Posaunenschall in seinen Ohren. I Das Kind war anwesend, Dina! Barmherziger Gott, was I hatte er thun wollen? Aber der Zettel, der Zettel! Er I hatte ihn doch soeben gefunden — im Grase hatte er ge- I legen wie die Schlange, auf die der Fuß des harmlosen I Wanderers tritt — und er hatte ihn mechanisch aufgehoben. I Er zog das zerknitterte Papier aus der Brusttafche und I reichte es der Frau. Sie warf einen Blick darauf, dann I lachte sie laut auf, schrill klang es von der gewölbten I Steinwand wieder.
I „Ihr Billet, Baron, in dem Sie um diese Zufammen- I kunft baten! Warum nun aber so stumm und — pfui, das I Armensündergesicht. O, über diese Männer, diese Helden! » Da liebt man, schwärmt, langweilt seine Mitmenschen — ja, I ja, lieber Netter, jetzt will ich's nur gestehen, oft unter- I drückte ich ein heimliches Gähnen bei den Bekenntnissen I Ihrer schönen Seele — aber wenn es gilt, das Glück an I der Stirnlocke fassen, den Vater um die Hand der Heiß- I geliebten bitten, da fehlen die Worte!"
Sie trat näher und legte die Hand auf den Arm des I regungslosen Mannes. „Er liebt die Kleine, Joachim, und I fürchtet, Du wirst sie ihm verweigern, ©ie sei zu jung, I er Nicht reich genug, was weiß ich!"
Der Graf sah auf, mit dem Blicke eines Manschen I geschah es, der im Schlafe bis an einen Abgrund gewandelt I und plötzlich beim Anrufen seines Namens erwacht.
„Darum", murmelte er, „darum?"
Tann nahm er Dinas Hand.
„Und Du hast mir nichts zu sagen, mein Kind?"
Tie Angeredete sah ihn verwirrt an. Ihre Lippen bewegten sich, doch kein Laut kam über dieselben. Sie durften sich ja nicht öffnen, mußten schweigen, sollte nicht fchreckliches geschehen.
Ihr Vater merkte ihr Verstummen nicht; er hatte sich wie itt tätlicher Ermattung auf einen der Sitze niedergelassen und starrte vor sich hin. Nun stand er auf, lang- fcmt, schwankend wie ein Kranker.
„Ich denke, wir gehen. Es ist eine schwüle Luft hier, die den Atem benimmt."
Er schritt schwerfällig hinaus, die Gräfin hängte sich in feilten Arm, die anderen beiden folgten in einiger Entfernung. Ramberg wollte der Komtesse Hand ergreifen, zu ihr sprechen, aber sie zog mit einer so verächtlichen Gebärde ihr Kleid, welches seinen Arm gestreift, an sich, daß er stumm, die Zähne in die Unterlippe grabend, neben ihr herschritt.
In der Dämmerstunde desselben Tages lag Dina von Wellinghaufen, ein verzweifeltes Menschenkind, in der Stille ihres Schlafzimmers auf den Knieen, den braunen Kopf tief in die Kissen ihres Lagers wühlend. Morgen wollte man sie dem Baron Ramberg verloben, in einigen Wochen sollte sie sein Weib sein.
Sie sprang auf, sie wollte zum Vater, ihm alles sagen, aber nein — sie blieb mitten im Zimmer stehen, Entsetzen und Angst im jungen Antlitz.
Sie sah ihn, die blutunterlaufenen Augen auf bett Baron gerichtet, die Flinte in der Hand.
„ tötet ihn, und ich - ich; hätte den Mord auf dem Gewysen!"
.. Ein paar Minuten stand sie regungslos, dann ergriff )te ein fchwarzes Spitzentuch, warf es über Kopf und Schultern und flog wie gejagt durch den Korridor, über den Schloßhof, dem Lehrerhaufe zu.
Herr Engelhardt machte große Augen, als das Koni- teßchen, welches sich in den vergangenen Tagen gar nicht blicken ließ, plötzlich vor ihm stand und mit so fremder rauher Stimme bat, ihr Herrn Kraneck, den Maler, hinunterzuschicken in die Jasminlaube. Sie war es doch auch, wirklich, die jetzt, ohne ein weiteres Wort, die Glas- thüre, welche vom Zimmer direkt in den Garten führte, öffnete und in den dämmernden Abend hinausschritt?
Herr Engelhardt schüttelte den Kopf, ging aber doch gehorsam in das Giebelstübchen, den Auftrag auszuführen.
(Fortsetzung folgt.)


