Ausgabe 
17.5.1900
 
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(Nachdruck verboten.)

Es sah eine Linde ins tiefe Thal."

Novelle von R. Litten.

(Fortsetzung.)

Ächt Tage waren vergangen. Blitze zuckten, Donner krachten, die Windsbraut fuhr heulend durch den Wald, aber mitten in dem Aufruhr der Natur, nur geschützt durch eine elende Bretterhütte, löte die Waldwärter sie auszu­schlagen pflegen, stand ein seliger Mann, ein glücklich lächelndes Mädchen im Arm.

Er sah ihr tief in die Augen, dann stieß er einen leisen Jubelrnf aus.

Jetzt lächeln auch Deine Augen, Herzlieb! Wie schön Du bist, wie wunderschön! Und Du liebst mich wirklich, Du holdselig Feenkind, mein Waldmärchen, und willst mein sein, immer mein?"

Sie sah ihn ernsthaft an.

Wäre ich denn jetzt hier, in Deinen Armen?" fragte sie leise.Ich weiß ja selbst nicht", sagte sie träumerisch- weiter,wie das so plötzlich über mich gekommen. Aber ich mochte mich wehren, so viel ich wollte, immer hörte ich Deine Stimme, immer sah ich Dein Antlitz vor mir. Und als Du vorhin, als der Blitz so zuckte und ich geblendet die Augen schloß, meinen Namen riefst und mir die Arme entgegenbreitetest, da konnnte ich nicht anders, ich mußte Dir folgen, meinen Kopf an Deinem Herzen betten. Ich weiß, Herbert, es ist nicht recht. Ein Mädchen soll fein Herz sorglich hüten, es fragen und prüfen, ehe es dasselbe fortgiebt für immer, aber ich denke, in meinem Falle ist das anders. Denn siehst Du, Herbert, andere Herzen haben so vieles, was sie lieben dürfen: Da ist die zärtliche Mutter, der Vater, wohl noch gar Geschwister und Ge­spielen, aber meins hatte niemand, keinen, der zu ihm ge­hörte. Immer mußte es schweigen, immer entbehren. Da lag es denn ganz still, wie schlafend, in der Brust, erst jetzt unter Deinem Blick ist es aufgewacht und will nun nicht länger schweigen. Gleich, als ich Dich zuerst erblickte,

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1900. - Nr. 69.

Lonnerstag den 17. Mni./f

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tüchtiger als Wind und Welle Ist die Zeit; was hält sie auf? Sie genießen auf der Stelle, Sie ergreifen schnell iin Lauf, Dies nur hält ihr rasches Schweben Und die Flucht der Tage ein. Schneller Gang ist unser Leben; Laßt uns Rosen auf ihn streu'».

Herder.

hier fm Walde, pochte es so laut, so seltsam, aber ich verstand es noch nicht, erst jetzt kenne ich seine Sprache."

Sie legte die zarte Hand auf ihr Herz.

Herbert! pocht es da drinuen immer, Herbert!"

In den Augen des jungen Mannes schimmerten glön-, zende Tropfen, sie fielen auf das duftende braune Haar, welches seine Lippen berührten.

Gott helfe mir, daß ich Deiner wert bin, Engel!" murmelte er.

Aber dann richtete sich der junge Mann auf, Glück und stolze Freude im Antlitz.

Und nun wollen wir uns kennen lernen, mein Lieb, wir wissen wenig von einander. Oder ich eigentlich nichts von Dir ! Von meinem Leben, meinem alten Mütterchen daheim in der Mark, meinen Aussichten, Hoffnungen und Wünschen habe ich meinem Waldmärchen in den letzten acht Tagen, wo es mir so geduldig saß, genüg geplaudert."

Er lachte fröhlich auf.Weißt Du, Dina, daß ich eigentlich von Dir nichts weiter als den Namen kenne? Nicht einmal gewiß weiß, ob Du auch die Oberförstersnichte bist, für welche ich Dich halte."

Sie sah ihn verwundert an.Oberförstersnichte? Wie kommst Tn darauf?"

Das fröhliche Lachen schwand nicht aus des jungen Mannes Äugen.

Sollte dazu so viel Scharfblick gehören, Waldfee? In Deinem duftigen Reiche erblickte ich Dich, Du schienst heimisch darin; mein alter Engelhardt, dessen Einwohner ich für diese gesegnete Sommerwoche bin, sprach mir von seinem Freunde, dem Oberförster, von dessen Nichte. Aber Du lächelst, Dina, habe ich mich geirrt?"

O, Herbert, Fräulein Reuter hat graue fnaare und ist kugelrund. Ich bin ja Tina Mellinghausen!"

Wellinghausen?" Er war von dem' Bänkchen, auf welchem sie nebeneinanber gesessen, aufgesprungen. Heißt denn das Schloß, dessen Türme dort über die Banmwipfel ragen, nicht so?"

Gewiß, Herbert! ' Mein Vater ist der Graf von Wellinghausen!"

Er starrte ihr fassungslos ins Gesicht, stürzte zur offenstehenden Bretterthür, als wolle er in den strömenden Regen hinaus, dann kam er langsam zurück und wendete ihr sein tätlich erblaßtes Antlitz zu.

Verzeihen Sie mir, Gräfin", murmelte er tonlos. Ich ahnte nicht"

Auch die Angeredete hatte sich erhoben, aber nicht das träumerische Kind, ein schmerzdurchbebtes Weib stand vor ihm.

Und so willst Tn von mir gehen", sprach sie,und mich für etwas büßen lassen, was ich nicht verschuldet? Glaubst Du denn, ich gehöre gern dorthin auf das stolze Schloß, wo niemand nach mir fragt, wo nur das treue