Ausgabe 
17.2.1900
 
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diese abscheuliche Persou jemals unfern Namen tragen lassen? Ein Mädchen, das im Gefängnis gewesen ist!

Ihr Sohn warf einen seltsamen zornigen Blick auf fie.

Unnatürliche Mutter! murmelte er zwischen den Zähnen. So von dem Mädchen zu sprechen, dem die Liebe ihres Sohnes gehört, und welches derselben so würdig ist! Er wandte sich um und ging.

Frau Binton bekam Krämpfe und schrieb nach Hause, sie glaube, Arnold habe den Verstand verloren, sie sei nicht mehr imstande, ihn zu leiten, und werde deshalb mit ihm nach Hause zurückkehren.

Mit freudigen Erwartungen sah Arnold sich früher wieder in seiner Vaterstadt, als er gedacht hatte. Er hatte keine bestimmten Pläne für die Zukunft. Ueberzeugt von Mildreds Treue war er entschlossen, zu warten, und hoffte, sein Vater werde eher nachgeben, als seine Mutter. Für den Augenblick tvar jedoch die Aussicht darauf gering; denn der Vater wurde von seiner Frau aufgestachelt. Inzwischen war Mildreds Vater gestorben, und er erfuhr, daß Mildred nur eilt Nähmädchen sei, das mit einem unwissenden, eng­lischen Weib in einem verfallenen, schlechten Miethause wohne. Sowohl er als seine Frau sahen alles vom Stand­punkte des Geldstolzes aus an. Anfangs suchte er seinen Sohn zu überreden, aber dessen kaltes, regungsloses Ge­sicht brachte ihn bald so in Zorn, daß er fast heftig wurde. Nachdem er und die Mutter vergebens ihre Mühe ver­schwendet hatten, sagte Arnold ruhig: Nachdem Sie mir beide gepredigt und gedroht haben, als ob ich ein Schul­knabe wäre, möche ich die Frage stellen: Habe ich jemals

Ihnen Schande bereitet?

Die Eltern sahen verdutzt einander an.

Wollen Sie mich auf die Straße setzen, weil ich Miß Howell liebe, so mag es gleich geschehen; denn ich liebe sie und werde sie immer lieben!

Keinen Pfennig von unserem Geld soll sie haben! rief die Mutter mit starrem Blick.

Für mich, erwiderte Arnold mit demselben haßerfüll­ten Blick, handelt es sich nicht um Pfennige, sondern um Leben und Tod. Ich habe schon viel von der Welt gesehen, aber niemals ein Mädchen, das eine so vollkommene Dame wäre, wie Mildred. lieber ihre vortrefflichen Tugenden will ich nicht sprechen, aber ich bin alt genug und habe das Recht, sie zu lieben.

O gewiß! ries die Mutter zornig. Dagegen giebt es

kein Gesetz!

O nein, so wenig, wie gegen unnatürliche Grausamkeit! Gute Nacht!

Nun sieh doch, wie sonderbar er geworden ist! sagte sie zu ihrem Mann. Aber der alte Kaufmann schüttelte sorgenvoll den Kopf.

Ich fürchte, wir sind zu hart gegen ihn gewesen, sagte er.

Du magst schwach werden, ich aber nicht, erwiderte sie entschieden. Wenn er von dieser Thorheit nicht abläßt, so werde ich mich ganz von ihm lossagen!

Gut, gut, erwiderte er ungeduldig, wenn das so sein muß, aber ich glaube doch, wir sind zu hart gegen ihn gewesen.

XXXVII.

Ein v er h ä n gn is v o l l e r Irr t u m.

Am anderen Morgen machte sich Arnold auf den Weg, um Mildred zu besuchen. Es war ein heiterer Junitag, und sein Herz war von Hoffnung erfüllt, ungeachtet der ent­mutigenden Umstände. Die ganze Welt konnte ihn nicht hindern, Mildred zu lieben, oder ihr die Treue zu brechen, und endlich einmal mußte das Glück ihnen zufallen. Als er das alte Haus erblickte, beschlich ihn ein banges Gefühl. Kann sie wirklich an solchen Orten gewohnt haben? fragte er sich, und die unbestimmte Furcht erwachte, daß sie sich unter dem Druck der Umstände vielleicht verändert haben könnte, und nicht mehr jenes verfeinerte, schöne Mädchen wäre, als das er sie verlassen hatte. Als sie ihm die Thüre öffnete, befrachtete er sie forschend.

O Milli! rief er. Du bist nur noch schöner, noch weib­licher geworden in diesen langen, schweren Jahren! Im Uebermaß der Freude sank er auf einen Stuhl zurück, legte die Hand auf das Herz und wurde sehr bleich. Angstvoll eilte sie auf ihn zu.

Es ist nichts, Mildred, sagte er, Es geht vorüber!

Ich habe diese Anfälle jetzt nicht mehr so ost, das Glück tötet nicht.

Fran Willow und die Kinder waren zum Glück aus­gegangen. Diese Szene hätte das Mißfallen der guten Frau erregt; denn sie stand ganz auf Roberts Seite, und wußte nichts von Arnolds Dasein.

Wie mein Herz sich nach Dir gesehnt hat! sagte er. Ich wußte nichts von Deinen schweren Erfahrungen, und der Gedanke ist mir unerträglich, daß ich Dir keine Hilfe bieten konnte. O, wie anders wäre alles gewesen, wenn ich meinen freien Willen hätte!

Arnold, sagte sie ernsthaft. Du mußt Dir alle Mühe geben, um stark zu sein. Als Mann hast Du das Recht, selbst zu wählen. Ich fürchte die Armut nicht, ich bin daran gewöhnt. Das nächste für Dich ist jetzt, einen Beruf zu finden, der Dich nicht zu sehr anstrengt.

O Mildred, wie stark und wahr Du bist! Ich will Deinem Rat in allem folgen, aber wir werden lange warten müssen, fürchte ich; denn ich verstehe wenig von Geschäften, und mein Vater wird auf Antrieb meiner Mutter mir keine Hilfe bieten.

O, ich kann warten, erwiderte sie lächelnd.

Jeder meiner Gedanken, sagte er beim Abschied, ge­hört jetzt Dir.

Denselben Abend sagte Mildred auf dem Spaziergang zu Robert mit einem leisen Zittern ihrer Stimme: Er ist gekommen!

®r warf einen raschen Blick auf sie und wandte sich ab.

Robert! rief sie bittend.

Das ist unerwartet! sagte er leise. Er fühlte, wie ihre Hand zittevth.

Es ist gut, Mildred, sagte er herzlich, seien Sie so glücklich, wie Sie können.

Wie kann ich glücklich sein, wenn Sie es nicht sind? seufzte sie.

Gott segne Ihr gutes Herz! Glauben Sie, ich werde seufzend umhergehen, wie verloren und verlassen, und wie eine schwarze Wolke einen Schatten auf Ihr Glück werfen? Dessen bin ich nicht fähig. Da fällt mir ein, ich gehe morgen nach Hause für längere Zeit, mein Vater ist diesen Sommer nicht ganz wohl, und ich muß daher die Ernte überwachen.

Ist das nicht ein unerwarteter Entschluß? fragte fie.

Kaum so unerwartet, als Ihre Mitteilung erwi­derte er.

Wollen Sie ihn jetzt nicht sehen?

Nein, nach wenigen Wochen Landaufenthalt werde ich zurückkomiuen mit der stoischen Unempfindlichkeit eines wil­den Indianers. Heute Abend werde ich Frau Willow über alles aufklären, dann wird fie nichts einzuwenden haben; und nun haben Sie nichts zu thun, als Ihr Glück ent­gegenzunehmen. Wer sprechen Sie mit ihm nicht über mich! Wenn wir uns später einmal begegnen, können Sie mich einfach als einen Freund vorstellen, und ich werde dann bald wissen, ob wir Freunde werden können. Sie müssen mir erlauben. Ihnen auf meine Weise zu dienen und ich glaube, mein Urteil wird in dieser Beziehung besser sein, als das Ihrige.

Es gelang Robert nicht, Frau Willows Absichten so zu gestalten, wie er beabsichtigte, und Arnolds Benehmen brachte keinen günstigen Eindruck auf sie. Während er glaubte, sehr freundlich und höflich zu fein, war er, ohne es zu wissen, nur herablassend. Sie gehörte einer Men­schenklasse an, mit der er nie Verkehr gehabt hatte, und oft mißfiel ihm ihr rauhes Wesen.

Mildred wies jede Hilfe von ihm zurück. Zuweilen machte sie kleine Spaziergänge mit ihm, wollte aber keine öffentlichen Vergnügungsorte besuchen. Es war ihr drückend, daß Arnold sie in dieser Umgebung besuchen mußte. So sehr sie auch Frau Willow lieble, fühlte sie sich doch durch ihre Redeweise und ihr Wesen oft ebenso un­angenehm berührt, wie Arnold, der ihre geheime Abnei­gung gegen ihn wohl bemerkte, aber sie nicht zu versöhnen verstand. Aber ungeachtet ihres sehnlichen Wunsches, den auch Arnold teilte, diese Umgebung verlassen zu können, fühlte sich Mildred doch hoch beglückt, und ihre Liebe schien ihr einen Teil ihrer früheren, mädchenhaften Fröh­lichkeit wiederzugeben, und Arnold schien unter dem Ein­fluß seines Glückes beständig mt Kraft zu gewinnen.