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mich nachher für die Urheberin Deines Unglücks ansehen mußt."
Und nun erzählte sie ihm alles, was sie bisher in den geheimsten Tiefen ihres Herzens verschlossen gehalten. Sie sprach ihm von ihrer Zusammenkunft mit Sandory, von dem Schuldschein, den er ihr gezeigt und von der Bedingung, die er an das Versprechen seines Stillschweigens geknüpft hatte. Mit den schonendsten Worten ging sie über Sigismunds Fehltritt hinweg, und nur gegen sich selbst richtete sie immer wieder die schmerzlichsten Anklagen.
„$fli wußte nicht mehr, was ich thun sollte", schluchzte sie, „mir war so wirr im Kopfe, und hch fühlte mich so über alle Maßen unglücklich. Mein einziger Gedanke war, daß Du gerettet werden müßtest, und daß der Vater nichts erfahren dürfe. Darum gab ich ihm wider meinen Willen oas Versprechen, das er von mir verlangte und duldete es, daß er mich seine Braut nannte, obwohl mir dabei zu Mute war, als ob ich auf der Stelle sterben müßte. Aber damals kannte ich mich selber noch nicht, Sigismund, damals wußte ich noch nicht, daß ich ihn niemals würde heiraten können. Das ist mir erst heute morgen klar geworden, als ich, von dem Vater hörte, daß Walther Sartorius dem Sterben nahe sei, und daß er noch auf seinem Leidenslager keinen anderen Gedanken gehabt habe, als den Gedanken an uns. Siehst Du, ich! will ja mit Freuden alles für Dich thun — alles! Nur das kann ich nicht — nur das eine nicht! Ich habe an Sandory einen Brief geschrieben, um eine nochmalige Zusammenkunft von ihm zu erbitten. Dann muß ich, ihm offen sagen, daß ich. ihn getäuscht habe, und dann wird er vielleicht hingehen, um dem Vater alles zu offenbaren. Denn je deutlicher mir die Erinnerung an seine Worte zurückkehrt, desto weniger Hoffnung habe ich«, ihn durch meine Bitten zum Schweigen zu bewegen. Und wenn er es thut — was soll dann aus uns werden, Sigismund — was soll dann aus uns werden?!"
Sie rang in ratloser Verzweiflung die Hände; der Bruder aber zog sie voll tiefer Bewegung an seine Brust.
„Sei ruhig, mein großherziges, heldenmütiges Schwesterchen! Dieser Elende wird nicht mehr die Macht haben, mich zu verderben. Ich aber werde nie vergessen, was Du für mich- thun wolltest."
Und da sie in zweifelndem Erstaunen zu ihm aufblickte, ungewiß, welche Deutung sie seinen zuversichtlich klingenden Worten geben dürfe, begann er nun auch! seinerseits, ihr rückhaltlos sein ganzes Herz auszuschütten.
Noch heute werde ich aus freien Stücken dem Vater alles bekennen", schloß er im Tone eines mannhaften, unwiderruflichen Entschlusses. „Er wird mich; mit harten Worten strafen, aber ich hoffe, er wird mir verzeihen. Und wenn es mir nicht gelingen sollte, auf der Stelle seine Vergebung zu erhalten, so werde ich mich ihrer durch! ein rechtschaffenes, arbeitsames Leben würdig zu machen suchen. Wie.streng er auch ist, gegen die Beweise einer aufrichtigen Reue kann er sein Herz doch nicht verschließen, und er wird mir früher oder später wieder seine Vaterarme öffnen."
Da schlug draußen die Hausthürglocke an, und Margarete sprang auf. „Das ist er", sagte sie beklommen. „Ich fürchte mich vor dem, was die nächste Stunde bringen wird; aber ich- kann Dir trotzdem nicht raten, Deinen Entschluß zu ändern. Tausendmal besser, er erfährt es aus Deinem Munde, als aus dem Munde dieses Fremden. Und vielleicht würdest Du ihn auch niemals wieder in einer so glücklichen Stimmung treffen wie heute, wo ihn Walthers unerwartete Rettung mit einer tiefen Freude erfüllt hat. Ich höre seine Stimme. Komm, Sigismund, laß uns zusammen zu ihm gehen!"
Der Doktor war eben im Begriff, in das Arbeitszimmer zu gehen, als er seine Kinder Hand in Hand aus der Wohnstube treten sah. Er mochte wohl erkennen, daß sie irgend etwas auf dem Herzen hatten, aber er «ab ihrem vermeintlichen Wunsch eine falsche Deutung.
„Vermutlich wollt Ihr wissen, wie es da draußen steht", sagte er mit mildem Ernst. „Norrenberg hat ausgelitten — ich kam nur noch eben recht, um ihn sterben zu sehen. Und es war gut so; denn selbst im günstigsten
Falle hätte ihn nichts anderes mehr erwartet, als ein qualvolles Siechtum ohne alle Hoffnung und Lebensfreude."
„Und Dora?" fragte Margarete leise.
„O, diese junge Dame ist von bewunderungswürdiger Charakterstärke. Ihr Vater war noch nicht fünf Minuten tot, als sie mir vollkommen ruhig erklärte, daß es ihr unumstößlicher Entschluß sei, gleich nach der Beerdigung Waldenberg zu verlassen und sich zur Stärkung ihrer angegriffenen Gesundheit nach dem Süden zu begeben. Tie Firma solle in Liquidation treten, das Haus in der Stadt und die Villa aber werde sie verkaufen. Wenn man schon an einem Sterbebette so gelassene und wohlbedachte Zukunftspläne entwerfen kann, ist man des Trostes wohl kaum sehr bedürftig."
Er wollte die Schnelle seines Zimmers überschreiten; da sagte Sigismund mit bescheidener, doch freimütiger Festigkeit: „Ich bitte Dich, Vater, mir eine Viertelstunde zu schenken; denn ich habe Dir ein Geständnis zu machen, das nicht länger hinausgeschoben werden darf."
Doktor Ruthardt sah ihn aufmerksam an, dann winkte er ihm mit der Hand.
„So komm herein! Ich bin bereit Dich zu hören."
„Laß mich mitgehen, Vater!" bat Margarete innig. „Ich- kann Dir doch vielleicht manches erklären, was Du sonst nicht ohne weiteres verstehen würdest."
„Das klingt sehr geheimnisvoll! Aber wenn Sigismund damit einverstanden ist, sein Geständnis in Deiner Gegenwart abzulegen, so habe ich- nichts dagegen."
Mit festem, ermutigendem Druck umfaßte Margarete ihres Bruders Arm. Dann schloß sich hinter den dreien die Thür.
Elftes Kapitel.
Es war kurz vor neun Uhr, als Rudolf Sandory noch einmal im Hotel versprach, um sich zu erkundigen, ob etwa nach- ihm gefragt worden fei. Diensteifrig überreichte ihm Herr Jakob Schwanflügel Sigismund Rut- Hardts Brief. Sandory riß den Umschlag herab und durchblätterte das Pächh-en von Kassenscheinen, das seinen einzigen Inhalt ausmachte.
„So war es also gemeint!" murmelte er, wahrend er sie achtlos in seine Brusttasche schob. „Nun, wir werden ja sehen, ob das Spiel wirklich schon verloren ist — wir werden ja sehen".
Dann schlenderte er langsam und gemächlich, die Zigarette zwischen den Lippen, durch die Straßen, um sich nach der kleinen Weinstube neben dem Gebäude des Polizeiamtes zu begeben. Als er dort eintrat, kam ihm sein Zimmernachbar bereits mit dem gewohnten, schüchtern verbindlichen Lächeln entgegen.
„Wie liebenswürdig, daß Sie mich nicht vergeblich warten lassen, mein werter Herr Sandory! Wenn es Ihnen genehm ist, wollen wir nicht hier in dem allgemeinen Gastzimmer bleiben, sondern uns dort in das Honoratiorenstübchen setzen, da plaudert sich's besser und ungenierter, zumal mir der Wirt versichert hat, daß heute einer Festlichkeit wegen der Stammtisch unbesetzt bleiben wird." *
Sandory hatte nach seiner Gewohnheit einen aufmerksam forschenden Blick auf seine Umgebung geworfen. Aber er mußte Wohl nichts Verdächtiges wahrgenommen haben; denn außer einer kleinen lustigen Gesellschaft in der einen Ecke der Gaststube, befanden sich! in dem Raume nur tioch zwei «ernsthafte Md- spießbürgerlich! dreinschftuend-e Männer, die schcheigsam vor einem Schoppen Moselwein saßen. Er folgte also der Aufforderung des anderen und streckte fichi gemächlich in einen der steiflehnigen Stühle, vor dem er ein Glas und eine entkorkte Rotweinflasche schon bereit gefunden hatte.
„Plaudern wir also", meinte er, „aber wenn ich bitten darf, so nehmen Sie mir gefälligst den größeren Teil dieser angenehmen Aufgabe ab; denn ich! habe einen anstrengenden Tag hinter mir und fühle mich- etwas abgespannt." t ,
Er füllte sein Glas, hielt es gegen das Licht und trank es dann langsam bis auf den letzten Tropfen leer.
„Ah, ein recht mittelmäßiger Tropfen trotz der hochtönenden Marke. Ich habe auf russischen Landsitzen einen


