Ausgabe 
16.12.1900
 
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Nr. 180

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es Herzens Andacht hebt sich frei zu Gott;

Das Wort ist tot, der Glaube macht lebendig.

Schiller, Maria Stuart V, 7.

(Nachdruck verboten.)

Unter dem Schwerte der Themis.

Roman von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Zehntes Kapitel.

Geradeswegs vom Bahnhose begab sich Sigismund in denKönig von Spanien"; denn auch ihm brannte das Geld, das er bei sich trug, auf der Seele, und es ver­langte ihn außerdem danach, eine Erklärung von Sandory zu fordern. Darüber, woher die beiden Frauen das Geld zur Rückerstattung des Darlehens genommen haben moch­ten, zerbrach er sich in seinem gegenwärtigen Gemüts­zustände gar nicht weiter den Kopf. Es war ihm nicht in den Sinn gekommen, Elli danach zu fragen, und jetzt, wo sie fort lvar, hätte ihm auch alles Grübeln nichts mehr geholfen. Denn er würde die Wahrheit doch nimmermehr erraten haben diese traurige Wahrheit, daß die junge Schauspielerin, nachdem sie Sandorys Brief gefunden, stundenlang in der fremden Stadt umhergelaufen war, um ihren Schmuck, ihre Theatergarderobe, kurz alles, was sie besaß, zu Gelde zu machen. Er ahnte in seiner glück­lichen Unerfahrenheit ebensowenig etwas von den Qualen, die sie auf diesem dornenvollen Leidenswege erduldet, als von der furchtbaren Szene, die sich darauf zwischen ihr und ihrer Mutter abgespielt hatte. Die ganze Vergangen­heit mit all ihren Kämpfen und Sorgen lag hinter ihm >vie ein häßlicher Traum; alle seine Gedanken waren einzig der hoffnungsvollen, sonnigen Zukunft zugewendet.

Der Pförtner des Hotels sagte ihm, daß Herr Sandory vor einer Stunde ausgegangen und noch nicht nach Hause zurückgekehrt sei. Sigismund fühlte sich etwas nieder­geschlagen durch die Auskunft; denn es schien ihm ganz undenkbar, daß er das Geld noch bis morgen mich sich herumtragen sollte. Da wurde er des Herrn Jakob Schwanflügel ansichtig, der in seiner blütenweißen Weste auf der Schwelle des Speisesaales stand, und er entschloß sich ohne weiteres, ihm das inhaltreiche Couvert zu über­geben.

Sie werden die Güte haben, es Herrn Sandory ein» zuhändigen, sobald er nach Haus kommt", bat er.Es befindet sich eine große Summe darin. Irgend einer wei­

teren Bestellung bedarf es nicht; denn Herr Sandory weiß schon, um was es sich dabei handelt."

Dann trat er leichten Herzens den Heimgang nach dem Elternhause an, unablässig seinen großen Zukunfts­plan im Kopfe wälzend. Margarete war es, die ihm auf sein Klingeln öffnete. Sie sah sehr verweint aus, und als Sigismund kaum den ersten Schritt über die Schwelle gethan hatte, fiel sie ihm zu seiner grenzenlosen Ueberraschung laut schluchzend um den Hals.

Was ist geschehen?" fragte er bestürzt.Es ist doch nicht etwa dem Vater oder der Mutter ein Unglück wider­fahren ?"

Nein, nein! Aber es hat sich trotzdem etwas Schreck­liches ereignet schrecklich für Dich und für uns alle, mein armer Sigismund! O, Du wirst mir gewiß nie­mals verzeihen, wenn ich es Dir erzähle."

Sie hatte ihn in das Wohnzimmer hineingezogen, und als er zunächst seine Frage nach den Eltern wieder­holte, erfuhr er, daß der Doktor in der Villa Norrenberg, die Mutter aber im Hause des Stadtrats Sartorius sei. Mit einem Ausruf höchsten Erstaunens nahm er diese letzte Mitteilung auf; denn er wußte ja überhaupt noch nichts von Walthers Erkrankung, und die aufregenden Ereig­nisse der letzten vierundzwanzig Stunden waren ihm völlig unbekannt geblieben. Mit hastigen Fragen bestürmte er seine Schwester um ausführliche Erklärungen, und sie er­zählte ihm alles, was sich, seit dem gestrigen Abend zu­getragen, wo der Stadtrat Sartorius seinen Feind zu dem sterbenskranken Sohne gerufen.

Und nun?" drängte Sigismund, ganz von der innigsten Teilnahme erfüllt.Sein Zustand ist noch immer hoffnungslos?"

Margarete drückte die gefalteten Hände gegen die Brust, und auch ihren noch in Thränen schwimmenden Augen brach ein wundersames Leuchten.

Nein, das Wunder, an das der Vater nicht mehr glauben wollte, es ist wirklich geschehen! Walther wird nicht sterben, sondern wieder gesund werden. Seine kräf­tige Natur hat die furchtbare Krankheit glücklich über­wunden. Als der Vater am Vormittag wieder zu ihm kam, fand er bereits eine bedeutende Besserung in seinem Befinden, und vor einer Stunde erklärte er ihn für ge­rettet."

Dem Himmel sei Dank! Und das Schreckliche, von dem Du gesprochen, worin kann es am Ende noch bestehen, wenn es keinen von denen betrifft, die wir lieben?"

Wieder legte sie ihren Arm liebevoll um seinen Nacken und zog ihn neben sich auf das Sofa nieder.

Ich muß Dir ein Geständnis machen, armer Sigis­mund, und ich, bitte Dich, zürue mir nicht, wenn Du