Ausgabe 
16.10.1900
 
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Beweise? Nun, wie man's nehmen will. Erinnern Sie sich nicht mehr der freundlichen Briefe, die Sie mir damals schrieben, der kleinen Zettelchen mit wohlgemeinten Instruktionen, die mir bis in die Einzelheiten mein Ver­halten vorzeichneten, als unser persönlicher Verkehr aus Gründen der Vorsicht bis auf das Aeußerste eingeschränkt werden muhte? Ich will nicht sagen, daß es «unwiderleg- liche Beweise wären, einige Beachtung aber dürfte man ihnen an geeigneter Stelle immerhin auch jetzt noch zu­wenden".

Und Sie haben diese Papiere nicht vernichtet, wie es zwischen uns verabredet und überdies in Ihrem eigenen Interesse geboten war? Sie sind leichtfertig genug ge­wesen, Sie während der ganzen Zeit in Ihrem Besitz zu behalten?"

Allerdings! Man trennt sich eben nicht gern von solchen Dokumenten der Freundschaft. Und diese Stunde beweist, daß es gar nicht so unklug gehandelt war, als ich sie vor dem Untergänge bewahrte".

Norrenberg hatte sich! wieder in seinen Schreibstuhl fallen lassen. Die übergroße Aufregung begann die Wider­standsfähigkeit seines kränklichen Körpers zu erschöpfen. Eine geraume Zeit war vergangen, als er mit matter sagte:Mit diesen Waffen in der Hand also wollen Sie mich nun zu Ihrem willenlosen Sklaven machen? Ich könnte es' vielleicht auf den Kampf ankommen lassen; aber ich bin nicht mehr rüstig genug dazu. Sie sehen ja, ich bin ein halb gebrochener Mann. Darum lassen Sie uns Frieden schließen! Wenn Ihre Bedingungen menschliche sind, werde ich sie annehmen. Nur das eine dürfen Sie nicht verlangen nur diese ungeheuerliche Zumutung, Sie dauernd in meiner Nähe zu dulden, dürfen Sie mir nicht machen".

Es wird sich leider nicht ändern lassen, lieber Freund! Und ich kann beim besten Willen nicht verstehen, weshalb Sie sich so heftig dagegen sträuben".

Ein ergreifender Ausdruck hilfloser Verzweiflung lag jetzt auf dem Gesicht des Bankiers.Mer versetzen Sie sich doch in meine Lage, Lorinser! Ja, es ist wahr, was Sie vorher in so spöttischem Tone sagten: ich gelte für einen ehrlichen, unbescholtenen Mann, und die Achtung meiner Mitbürger ist mir im reichsten Maße zu teil geworden. Zehn Jahre lang habe ich wie ein Tagelöhüer gearbeitet, um dies Ziel zu erreichen. Von der Stunde an, wo ich mich hier als Bankier niedergelassen habe, bis zum heutigen Tage ist nicht der kleinste Makel auf meiner Geschäftsführung wie auf meinem Privatleben. Fast Ueber- menschliches habe ich geleistet, um den einzigen Schand­fleck aus meinem Dasein zu tilgen. Mehv als das Doppelte jener Summe, deren Verlust damals von den Bestohlenen kaum im Ernste empfunden wurde, habe ich bereits hin­gegeben, um die Not unglücklicher Nebenmenschen zu lin­dern. Ich habe mir für meine eigene Person jede Freude und Annehmlichkeit des Lebens versagt, weil ich nicht einen Augenblick vergast, eine wie schwere Schüld idcy zu sühnen hatte. Und nun, da ich! sie endlich für gesühnt hielt nun, da ich hoffen durfte, meinen Lebensabend in Frieden hinzubringen, nun wollen Sie in frevelhaftem Uebermut zerstören, was ich' so mühsam aufgebaut, und alles soll umsonst gewesen sein alles!"

(Fortsetzung folgt.)

Zur Diätetik oes Herbstes.

Von Dr. Kurt Rudolf Kreusner.

Nachdruck verboten.

Jähe Wetterumschläge haben uns auch dieses Jahr, ehe wir uns dessen versahen aus der Backofenhitze der Hunds­tage in die herbstliche Kühle geführt. Der glühenden Tem­peratur des Augusts, während dessen die Stadtwohnungen sogar in der Nacht kaum eine nennenswerte Mkühlung erfuhren, und selbst die leichtgebauten Häuser und Ba­racken der Sommerfrischen, ähnliche Unannehmlichkeiten boten wie ein Aufenthalt in den Gefängnissen unter den berüchtigten Bleidächern von Venedig, sind, nachdem die Nachwehen heftiger Gewitter ausgetobt haben, zwar noch schöne Tage gefolgt. Gern möchten wir uns vortäuschen, daß wir uns noch auf dem Höhepunkte des Jahres befinden;

denn prächtig leuchtet noch die Sonne, und unp die Mittags­stunden herrscht eine Temperatur, welche zum mindesten annähernd tropisch genannt werden kann. Für Ausflüge und Partien ist jetzt die rechte Zeit, und selbst Touren im Gebirge lohnen sich jetzt noch, besonders wegen der in den Herbsttagen voraussichtlich! beständigen Witterung, und wer sich seine Zeit gut einzuteilen weiß und am frühen Morgen ausbricht, kann als leidenschaftlicher Bergsteiger seinen Körper noch ebenso über Stock und Stein hetzen und, wenn es ihm Vergnügen macht, bei einem Aufsehen erregenden Absturz Hals und Beine brechen, wie im Hochsommer, der bevorrechteten Jahreszeit der Bergkraxeleien.

Trotz alledem dürfen wir uns aber doch nicht darin irre machen lassen, daß es mit der Herrschaft des Sommers vorbei ist. Das Laub hat längst seine Frische verloren, und lange bevor des 'Winters rauher Hauch der Vegetation ein unüberschreitbares Hindernis gebietet, rieselt es von Bäumen und Büschen. Auf den Märkten und im Haushalt bietet sich uns zwar der Anblick köstlicher, den Gaumen lockender Früchte, aber auf die Zeit des Reifens folgt die Zeit der Ruhe in der Natur, und in der Menschenbrust, durch welche die Vorahnung des finsteren, kalten Winters zieht, erwacht die Erkenntnis, das die Ergebung der Weis­heit bester Teil ist.

Gedrängter quellet, Zwillingsbeeren, und reifet Schneller und glänzet voller! Euch brütet der Mutter Sonne Scheideblick, Euch umsäuselt Des herbstlichen Himmels Fruchtende Fülle;

Euch kühlet des Mondes Freundlicher Zauberhauch Und Euch betauen, ach! Aus diesen Augen Der ewig belebenden Liebe Vollschwellende Thränen.

So malt sich mit elegischer Schwermut des schönen Herbstes Bild in der Seele. Wem es aber verstattet war, von der anstrengenden Berufsarbeit im Sommer einige Wochen auszuruhen und Leib und Seele im Gebirgswalde oder am Meeresstrande zu neuen Krastleistungen zu stärken, der empfindet jetzt, wo er sich mit neuen Kräften an die Arbeit macht, erst so recht die wohlthätigen Nachwirkungen der Sommerfrische vorausgesetzt, daß er die Früchte, die ihm hier winken, auch zu pflücken weiß.

Wer sich, nach einer Abwesenheit von wenigen Wochen zur Großstadt zurückkehrend, sofort wieder in den Strudel der gesellschaftlichen Vergnügen mit ihrem lästigen Zwange hineinstürzt, keine Theater-Erstaufführung ausläßt, um ja auch selber dabei von den Bekannten genügend gesehen und beachtet zu werden, und sich dabei den Schlaf der Nächte abknapst, wird voraussichtlich schnell wieder auf den unbefriedigenden Gesundheitszustand zurückkehren, der für ihn bei Beginn der schönen Jahreszeit eine Erholung so dringend notwendig machte. Den Unbilden des Winters wird er dann schlecht gerüstet gegenüber stehen aber zumeist nur aus eigener Schuld, weil er es verabsäumt hat, den Herbst, die beste Zeit für alle Nachkuren, in der richtigen Weise auszunutzen.

Zu diesem Zwecke ist aber gerade der Herbst wie ge­schaffen. Wenn es gilt, etwaige Schäden an der Gesund­heit, die wir in der Sommerfrische auch davontragen können, auszubessern und die Errungenschaften des Land­aufenthalts zu fichern, sind es naturgemäßer Weise die nur langsam kühler werdenden Tage des Septembers und Ok­tobers, in welchen wir den Körper im vernünftigen Sinne des Wortes abhärten können.

Von größter Bedeutung ist hierbei die Fortsetzung der im Sommer genommenen Bäder. Das Gefühl, daß wir unserem Körper mit täglichem Baden, das weit über die Urbedürfnisse der Reinlichkeit geht, nur etwas Gutes er­weisen, steckt tief im Volksbewußtsein, für welches Sommer­kuren und Bädergebrauch fast gleichwertige Begriffe sind, und es ist wohl nur ein Ueberbleibsel des reinlichkeits­feindlichen Mittelalters, wenn die äußerliche Anwendung des Wassers noch nicht überall die wünschenswerte Verall­gemeinerung gefunden hat. Es drängt sich hier aber die Frage auf: Wie fetzen wir das sommerliche Baden im