Ausgabe 
16.10.1900
 
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ein herrliches Gelüst, lem das Leben zu verbittern, ißtet ihr, was eine Thräne ist, Ihr würdet zittern. K. Jmmermann.

(Nachdruck verboten.)

Unter dem Schwerte der Themis.

Roman von Reinhold Ort mann.

(Fortsetzung.)

Mißtrauisch suchte Norrenberg in seinem Gesicht zu lesen.Ich verstehe Sie nicht. Wenn Sie etwa die An­sicht haben, sich über mich lustig zu machen"

Welche närrische Vermutung! Mir ist niemals ernst­hafter zu Sinn gewesen, als in diesem Augenblick. Und Sie werden meinen Wunsch begreifen, wenn ich Ihnen sage, daß es meine Absicht ist, mich auf unbestimmte Zeit, vielleicht für immer, hier in Waldenberg niederzulassen".

Wie? Und ich soll auch, jetzt noch glauben, daß Sie ernsthaft reden? Sie sollten bedenken, Herr Lo, Herr Sandory, daß meine Zeit während der Geschästsstuuden nicht ganz wertlos ist".

Ich hätte mir die Freiheit genommen. Sie in Ihrer reizenden Villa an der Esplanade aufzusuchen, wenn es mir nicht darum zu thun gewesen wäre, mit Ihnen ins reine zu kommen, bevor ich hier irgend welche neuen Bekanntschaften schließe. Also noch einmal: ich. habe mich entschlossen, in dieser allerliebsten Stadt meinen Wohnsitz aufzuschlagen".

Aber das ist.ja Heller Unsinn nehmen Sie mir's nicht übel!"

Weshalb nennen Sie es Unsinn? "fragte Sandory ganz unbefangen.Ich habe ein ziemlich bewegtes Leben geführt während dieser zwölf Jahre. Es ist wahrhaftig kein Wunder, wenn ich mich jetzt nach Ruhe sehne und nach einem stillen Glück. Als ich vor einigen Stunden hier ankam, war es freilich! noch nicht ganz ausgemacht, . ob meine Wahl gerade auf Waldenberg fallen würde; jetzt aber ist es entschieden. Die Stadt gefällt mir außerordent­lich. Ein bischen eng, ein bischen schmutzig, die Bevölker­ung wahrscheinlich etwas spießbürgerlich, beschränkt und klatschsüchtig gerade so, wie ich mir's immer von meinem einstigen Ruhehafen erträumt hatte, wenn ich irgendwo in einem Mittelpunkte der Zivilisation an der Zerrüttung meines Nervensystems arbeitete. Hier muß es gut sein, hier will ich! Hütten bauen, faulenzen, genießen, mich über die Schwächen! meiner lieben Nebenmenschen amü­sieren, vielleicht auch heiraten"

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Zwischen Bestürzung und Zweifel hatte ihn der Bankier angeyört, nun fiel er ihm mit einer ärgerlichen Geste ins Wort.

Ob das nun Scherz oder Ernst ist, jedenfalls wrssen Sie so HuV wie ich), daß von. Ihrem Hierbleiben nicht bte Rede sein kann. Ganz abgesehen von der Tollheit eines solchen Gedankens, würde ich dazu selbstverständlich me- mals meine ^Einwilligung geben".

Wie beliebt? Sprachen. Sie von Ihrer Ein­willigung, Verehrtester? Das ist lustig. Und ich kann Sie versichern, daß. ich. für einen guten Spaß noch- immer nicht unempfänglich bin. Aber eigentlich wollten wir doch vernünftig miteinander reden, wenn ich. nicht irre".

Norrenberg grub die Zähne in die Unterlippe; ein Blick voll tätlichen! Hasses traf das heitere Gesicht des anderen.

Sie wollen, mich! herausfordern das sehe ich! deutlich: Aber ich begreife nicht, welche Absicht Sie damit verfolgen können. Vielleicht würde es uns beide schneller zum Ziele führen, wenn Sie ganz offen sein wollten".

Aber ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich. durchaus nichts vor Ihnen verberge, und daß es mir vollständig fern liegt, Sie in feindlicher Absicht herauszufordern. Nur von Ihrer Einwilligung müssen Sie nicht wieder sprechen, wenn es sich um meine Entschlüsse handelt. Ich- bin nicht gewöhnt, irgend eines Menschen Zustimmung einzuholen, wenn ich etwas thun oder lassen will. Und, nichts für ungut, bester Freund, aus die Ihrige wird es mir ganz gewiß am allerwenigsten ankommen".

Ist das eine versteckte Drohung, Herr Lorinser?"

Sandory, wenn ich bitten darf! Sie werden sich an den Namen gewöhnen müssen, Verehrtester!"

Unfähig sich länger zu beherrschen, schlug der Bankier auf den Tisch-.Aber ich. will mich! nicht an ihn gewöhnen hören Sie? Ich will nicht! Ich verlange, daß Sie Waldenberg noch heute verlassen, und daß Sie nie mehr hierher zurückkehren. Niemals kann irgend welche Art von persönlichem Verkehr zwischen uns stattfinden".

Und wenn ich es trotz dieses kategorischenniemals" aus bestimmten Gründen mit aller Entschiedenheit ver­lange?"

Sekundenlang verharrten sie schweigend Auge in Auge. Dann sagte Norrenberg langsam und in merklich veränder­tem Tone:Sie täuschen sich über die Grenzen der Macht, welche Ihnen die Vergangenheit über mich gießt. Für mich ist diese Vergangenheit abgethan und tot. Ich habe keinen Grund, mich vor Ihrer Feindschaft zu fürchten. Sie besitzen keine Beweise für unser angebliches Einverständnis und könnten mir darum nicht mehr schaden, auch wenn Sie wahnwitzig genug wären, sich selber an das Messer zu liefern."