Ausgabe 
16.9.1900
 
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Utzereien während der Uebungsstunden . . . vom Pferd qe- fallen . . . Utzereien ... 2 Tage Krankensaal. . . Reit­stunde . . ."

Viel Abwechselung! Dann folgen während der nächsten Monate, als junger Offizier viele Anproben beim Schneider, sodann viele Stellen, wo nur das Datum verzeichnet . . . höchst wahrscheinlich, hat sich an dem Tage nichts zuge­tragen, was die Nachwelt zu wissen braucht. Tann mein Eintritt ins Regiment, die ersten Eindrücke und von da ub das tägliche Einerlei des Garnisonlebens.

Hat es nun irgend ein Interesse das auszuschreiben? Ich frage mich das selbst jeden Abend und habe oft picht übel ^uft, den Manzen Kram ins Feuer zu werfen. Trotz­dem nehme ich dann die Feder und fahre aus reiner Ge­wohnheit mit Aufschreiben fort.

So z. B. heute, was habe ich da zu notieren? Nichts! Mem Tag hat sich ohne jedes Ereignis abgewickelt. Ich war in der Kaserne. Ich habe zwei Leute bestraft. Ich habe den Prowantmeister Robert angefahren. Der Oberst Kunow har mich angefahren. In der Reitbahn habe ichFlora" ge­ritten. MitFuchs" bin ich nachher einige Kilometer getrabt. Frühschoppen, Mittag ein paar Briefe qe- schweben. Drei Besuche gemacht. Abendbrot, eine Partie Billard, und nun sitze ich hier und schreibe. Ob das alles jur meine eventuelle Nachkommenschaft sehr wichtig ist? Ach: -denn ich noch irgend ein hübsches kleines Abenteuer .zu erzählen hätte! Außer der Befriedigung fürs Herz wäre es doch auch! eine gute Stilübung... ich gehe schlafen.

n. ,, . . ~ , 1. September.

,± Gptt sm Dank! Endlich eine Abwechselung! Schrift­stellerisch ist dabei allerdings auch nichts zu wollen, aber w doch erfreulich, wenigstens nach meiner Auffassung, wel Offiziere sind nicht wenig verstimmt darüber. Mein Hauptmann ist ganz unnahbar. Im gewöhnlichen Leben ist er schon nichts weniger als angenehm, aber jetzt. . wie mn Igel der sich aufrollt. Man muß sich stechen, wenn man ihm zu uahe kommt. Und das -alles, weil das Regi­ment Befehl bekommen hat, am dritten zum Manöver aus- zurücken. Wir hatten erst keine Ordre. Der Grund, warum dre Aenderung eingetroffen, ist mir auch ganz gleich! Wir, die 5. Dragoner, sind dabei, und das ist mir die Hauptsache! Große Aufregung! Musterung der Mannschaft, Musterung der Pferde, der Austüstung, mit einem Worte General­musterung! Ist eine tolle Wirtschaft, alles schreit und schimpft, hastet und treibt.

. Ich bin riesig froh! Es ist schönes Wetter. Es geht hinaus ins unbekannte, ins Freie. Man schüttelt mal wäh­rend drei Wochen die Langweiligkeit der Garnison ab. Und wer weiß? Vielleicht finde ich bei den Streifzügen das Abenteuer, nach, dem ich mich sehne?

. 6. September.

Kerne Spur von dem kleinsten Erlebnis. Ich habe grausam viel Staub geschluckt, weil ich am Ende der Ko­lonne ritt. Es ist furchtbar heiß Wir brechen bei Tages­grauen auf, und wenn wir ins Quartier kommen und der Dienst aus ist, dann schläft alles den ganzen Nachmittag . . bis jetzt ist es wirklich nicht mehr amüsant! Mir macht das aufs unbestimmte in den Taghineinleben aber doch Spaß. Wenn man des Morgens aufsteht, weiß man nicht, wo man sich am Abend zur Ruhe legen soll. Die wichtigste Frage ist immer das Bett. Dreimal ist die Frage schon an -mich herangetreten. Das erste Mal imLindenschloß", wahr­haft fürstliche Ausnahme des Hausherrn. Am zweiten Tag. in einer Dorfwirtschaft... Oh, oh, unzählige Mitbewoh­ner . . . habe schließlich auf dem Stuhl geschlafen. Dafür war das gestrige Quartier wieder ein sehr gutes, und zwar bei einer prächtigen alten Frau in einem reizenden kleinen Haus. Die gute Frau hat mich mit Aufmerksamkeiten über­schüttet. Sie schien nur unangenehm berührt, als ich ihr gestehen mußte, daß ich ihren Sohn, der Wachtmeister bei der Infanterie ist, nicht kenne. Ja, mein Gott, ich! kann doch nicht alle Wachtmeister der ganzen Armee kennen!

7. September.

Heute morgen war ich sehr guter Laune als ich auf­wachte, und als ich aufFuchs" saß, da habe ich wahr- haftig, glaube idji, ein Liedchen geträllert. Sollte ein un­bestimmtes Etwas in der Luft liegen, das den Menschen er­raten läßt, ob der Tag gut oder schlecht für ihn verlaufen wird? Ich war heute morgen ganz sicher, daß mir etwas

Angenehmes begegnen müßte... und es ist auch so ge­kommen.

Immer Ruhe und von Anfang an mit allen Einzel­heiten berichtet. Diesen Tag muß ich in späteren Jahren wieder durchlesen können, es darf nichts davon in meinen Tagebuchblättern fehlen.

Er sing schgn ganz poetisch an. Bei Sonnenaufgang sah der Himmel aus wie eine große Malerpalette, vom zartesten Blau bis zum Rosenrot war alles vertreten. Kein Pinsel hätte die Pracht wiedergeben können. Ich war auch gerade an der Spitze der Kolonne. Ein Glück kommt ja nie allein! Kein Staub, und weit genug von den übrigen voraus, um nicht das recht öde Gespräch der Kameraden zu hören.

Herrlich war der Morgen! Alles so taufrisch!, so unbe­rührt, als wenn die ganze Pracht der Natur sich nur für mich entfalten wollte. Am Wegrand glänzte jeder Gras­halm, und ein leises Wogen ging durch den Morgenwind darüber hin. Große rote Kleeselder hoben sich scharf gegen den goldgelben Roggen ab. Am Horizont sah man als dunkle Linie den Wald, der noch nicht von der Sonne ge­troffen wurde. lieber den Tannenspitzen zogen leichte Nebelstreifen. Aus dem Kornfeld stieg die Lerche tirilierend in die Höhe, und dicht neben mir schwirrte ein Haselhuhn mit gellendem Schrei auf, sodaßFuchs" ganz erschreckt zur Seite sprang.

Sechs Stunden Marsch nur von einer Raststunde unter­brochen.

Um 10 Uhr rückten wir ins Quartier, ein größeres Kirchdorf mit geraden sauberen Straßen. Die Bewohner kamen mir gleich! freundlich und angenehm vor. Ueberall waren schöne alte Bäume und Blumen vor den Häusern. Richtig im Grünen lag der Ort. Auf dem Kirchplatz em­pfing uns der Bürgermeister selbst, der mit dem Quartier­meister am Tage vorher alles Nötige verabredet hatte, und das war um so wichtiger, weil wir hier Halt machen sollten, zwei Nächte und ein ganzer Ruhetag.

Mein Quartierzettel lautete auf den Notar des Ortes, und mau zeigte mir sein Haus, welches dicht bei der Kirche lag. Nachdem meine Leute und die Pferde versorgt, begab ichj mich dorthin. Schon von außen gefiel mir das Haus. Ein zweistöckiges Gebäude, ganz mit Kletterrosen bedeckt, die von den Balkons in langen Ranken herabwehten. Bei meinem Anblick geriet die ganze Schreibstube in Auf­regung, alle kamen in den Hausflur, um den Dragoner­offizier in der Nähe zu sehen. Der Notar kam herbei, ein dicker, kleiner Herr mit einem freundlichen rosigen Kinder­gesicht, und bot mir ein fröhliches Willkommen. Ich wurde auf mein Zimmer geführt; ein wahres Schmuckkästchen! Alles in rosa Cretonne, zwei Fenster nach dem großen Garten hinaus, hübsche Möbel aus hellem Holz, schnee­weiße Gardinen um das Himmelbett, auf den Bordbrettern und deni Kaminsims eine Fülle von Nippsachen, aller­liebste Dingelchen, nirgends ein Stäubchen. Es war mir ordentlich -unangenehm, mit meinen derben Stiefeln auf das blanke Parkett zu kommen.

Herr Leutnant", sagte mein Wirt, ich hoffe, daß Sie uns die Freude machten werden, unsere bescheidene Mahl­zeit mit uns zu teilen, so lange Sie hier sind . . . meine Frau und Tochter werden darüber ebenso erfreut sein, wie ich!" ... Sollte sich da das geträumte Abenteuer finden?

Wahrhaftig, jetzt, wo ich! das schreibe, glaube ich. es fast!Elsa" ist 22 Jahre alt, hat 'prächtige dunkle Haare und große dunkle Augen, in denen es von Leben und Geist nur so sprüht, sie ist groß und schlank, eine prächtige Figur. Nicht solch ein kleines blutarmes Zierpüppchen. Sie ist eine vollkommene Schönheit, aber entzückend; ein Künstler würde vielleicht manches auszusetzen haben. . . aber ich möchte den sehen, der eine einzige Stunde snit ihr plaudert und nicht ganz von ihr bezaubert ist und sie reizend findet!

Ich, thue es jedenfalls! Wie kommt ein Mtar in einem weltabgeschiedenen Nest zu solch einer Tochter! . . . geistig bedeutend! Ihre Stimwe klingt wie Musik. Ihr Lächeln ist reizend. Man hat sofort das Empfinden, daß sie einen voll versteht, selbst wenn man seine Gedanken nicht ganz in klare Worte ausdrücken kann. Wahrhaftig, sie ist überall beschlagen. Wir haben über Litteratur und Kunstgeschichte gesprochen, von dem Leben, in der Großstadt