Ausgabe 
16.9.1900
 
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vollständig umzingelt sein werdet. Eine solche Sammlung wäre also Euer sicheres Verderben. Jeder einzelne von Euch muß sich vielmehr auf seine eigene Hand zu ver­bergen suchen, so gut er kann".

Der Major schüttelte den Kopf.Es ist alles reif­lich bedacht Und wohl erwogen glaube mir das, mein teures Mädchen! Haben wir uns gestern trotz der Um­schließung durchgehauen, gelingt es uns morgen vielleicht auch hier. Jedenfalls ist es unsere letzte Hoffnung, und so oder so meine Leute dürfen nicht vergebens lauf mich warten".

Aber das Gehöft ist ringsum mit Wachen besetzt, keinem menschlichen Wesen soll gestattet werden, es während der Nacht zu verlassen".

Das ist schlimm, doch es wird nicht ganz und gar unmöglich sein, trotz dieses Kordons an irgend einer Stelle das freie Feld zu gewinnen. Im schlimmsten Fall schlage ich einen dieser schwerfälligen Burschen nieder".

Nein, nein, Sixtus, keine Gewaltthat, so lange nicht jeder andere Ausweg versperrt ist. Es sind ja auch gar nicht die Kürassiere und ihr ahnungsloser An­führer, von denen Dir die schrecklichste Gefahr droht. Mein Gott, mein Gott, warum habe ich diesen Elenden nicht damals in Küstrin von meiner Schwelle gewiesen, wie eine innere Stimme es mir zurief!"

Ich verstehe Dich nicht, Elisabeth", sagte der Major befremdet.Wer ist es, von dem Du sprichst?"

So hast Du,den Mann nicht erkannt, der Dich in den Hof einließ?"

Deinen Verwalter? Nein. Ich war zu sehr mit der Sorge um meinen armen Wachtmeister beschäftigt, und dann blieb der Mann auch fast immer im Dunkeln. Aber er erwies sich sehr menschenfreundlich gegen uns. Du meinst doch wohl nicht, daß er"

Er hat keinen, glühenderen Wunsch als den, Dich zu verderben. Es ist mein Vetter Franz von der Röcknitz".

Wie? Dieser dieser Mensch lebt unter Deinem Dache und als Dein Gehilfe vielleicht Dein Ver­trauter ?"

Als mein Gehilfe ja! Ich machte ihn dazu aus falschem Mitleid, als er sich in äußerster Not an mich wandte und mir mit Selbstmord drohte, wenn ich ihn erbarmungslos zurückstieße. Aber ich habe trotzdem niemals aufgehört, ihn zu verachten und ihn meine Ver­achtung fühlen zu lassen. Gerade weil er seine wahn­witzigen Hoffnungen getäuscht sah, ist er mein grimmigster Feind geworden und damit auch der Deine".

Inwiefern auch, der meine? Er kennt also unser Geheimnis?"

Er weiß alles. Auf welche Weise er es in Er­fahrung bringen konnte, ist mir zur Stunde noch un­begreiflich, daran aber, daß es wirklich geschah, darf ich leider nicht mehr zweifeln. Und wenn er Dich vorhin erkannt hat, so ist alles verloren".

Ich begreife noch iminer nicht ganz. Eben wenn er mich erkannt hat, müßte er sich doch wohl viel eher verpflichtet fühlen, mir beizustehen. Ich meine ihm der­einst einigen Anlaß zur Dankbarkeit gegeben zu haben".

Kannst Du Dankbarkeit erwarten von einem Eifer­süchtigen, der in Dir nicht mehr seinen Retter, sondern nur noch einen verhaßten Nebenbuhler sieht?"

Ist es möglich, Elisabeth? Dieser Erbärmliche könnte es wagen"

Mit raschen Worten erzählte sie seinen weiteren Fragen zuvorkommend, alles, was sich seit jener ersten Wiederbegegnnng in Küstrin zwischen ihr und Franz zu­getragen hatte. Auch die Wahrnehmungen vom heutigen Abend, die sie mit so banger Sorge erfüllt hatten, ver­schwieg sie ihm nicht. Als sie geendet, gab es ein kleines Schweigen, dann sagte Sixtus voll tiefen Ernstes: Ich habe Dich also durch mein Erscheinen in viel größere Gefahr gebracht, als ich es ahnen konnte".

Es ist nicht möglich", fuhr der Major zu Elisabeth fort,das Geschehene ungeschehen zu machen, und alle meine Selbstvorwürfe vermögen nichts mehr daran zu ändern. Aber ich habe nun erst recht die Pflicht, Dich von meiner verderblichen Gegenwart zu befreien, bevor jener andere mich erkannt hat. Denn noch hat er mich

nicht erkannt. Was hätte ihn sonst abhalten sollen, mich sofort an die Soldaten auszuliefern!"

Gott gebe, daß Deine Vermutung zutrifft, Sixtus!" versetzte Elisabeth.Aber es ist wahr, der Morgen darf Dich hier nicht mehr finden, denn im hellen Tageslicht könntest Du den Mißtrauischen sicherlich nicht länger täuschen. Noch weiß ick) nicht, wie ich Deine Flucht ermöglichen soll, doch wir haben noch zürn Glück fast die ganze Nacht vor uns. Es muß sich bis zur Morgen­dämmerung ein rettender Ausweg gefunden haben, ohne daß Du versuchen müßtest. Dich gewaltsam zu befreien".

Ein Laut wie ein qualvolles Stöhnen, der aus den unteren Räumen des Hauses kommen mußte, drang in diesem Augenblick zu ihnen herauf.

Ich vergesse meinen armen Kameraden, Elisabeth", sagte der Major in schmerzlicher Bewegung.Vergieb, wenn ich Dich bitte, vor allem meine Bruderpflicht gegen ihn erfüllen zu dürfen".

Wie sollte ich Dich daran hindern! Ich gehe mit Dir, denn vielleicht kann ich doch noch irgend etwas für den Unglücklichen thun".

Sixtus gestattete es nur ungern; denn die Erkenntnis, durch seine Tollkühnheit ihre teure Person gefährdet zu haben, lastete mit furchtbarer Schwere auf seiner Seele, und er wollte durchaus alles vermieden sehen, was eine Entdeckung ihrer heimlichen Gemeinschaft beschleunigen könnte. Erst als er sah, daß ihr Entschluß unerschütterlich war, und als sie ihm versprochen hatte, die Kammer nach kurzem Verweilen wieder zu verlassen, gab er alle weiteren Einwendungen auf. Sie stiegen in das Erdgeschoß hinab und öffneten die Thür des kleinen, niedrigen Gemaches, in das man den todwunden Wachtmeister getragen. Es war ein kahler, unfreundlicher Raum, den man bis dahin nur zur Aufbewahrung von allerlei Wirtschaftsgegen­ständen benutzt hatte. Ein Tisch und ein hölzerner Schemel bildeten neben dem dürftigen Lager jetzt seine ganze Aus­stattung. Von einer wollenen Decke umhüllt, ruhte die knuskulöse Gestalt des Sterbenden auf dem roh gezim­merten Bette. Er war noch immer nicht zum Bewußtsein erwacht, und sein blutloses, verfallenes Antlitz wies be­reits alle Anzeichen des nahen Todes auf. Es war sicher­lich nicht schön zu nennen, das harte, verwitterte Gesicht dieses rauhen Kriegsmannes, der wie ein Sechziger aus­sah, obwohl er in Wahrheit wohl noch um mehr als ein Jahrzehnt jünger sein mochte. Unter anderen Umständen würde sich Elisabeth sogar vor seinem Anblick entsetzt haben. Jetzt aber war er für sie nichts anderes als der helden­mütige, opferwillige Lebensretter des Geliebten, und ohne jede Anwandlung schwächlichen Grauens beugte sie sich über ihn herab, um seine bleiche Stirn zu küssen.

(Fortsetzung folgt.)

Zm Manöver.

Nachdruck verboten.

Skizze von H. D u P l e s s a c.

Autorisierte Uebersetzung von A. Friedheim. Aus dem Tagebuch eines Offiziers.

28. August.

Nein wirklich! was ich da treibe ist Thorheit, und das Thörichtste ist dabei noch, daß ich es doch nicht lassen kann! In der Schule hatte mir ein Mitschüler, der imdeutschen Aussatz" sehr gut war, vorgestellt, wie hübsch es sei, ein Tagebuch zu führen... er that es selbst, und schrieb jeden Abend nieder, was er erlebt, und welchen Eindruck ihm der Tag gebracht hatte.Du wirst später sehen", wiederholte er' mir unausgesetzt,welchen Reiz diese Blätter für dich haben, wenn du alt bist und so Tag für Tag deine Jugend noch, einmal durchlesen kannst." ,

Ich ließ mich überzeugen und machte es wie er. Da steht nun verzeichnet:

Heute Klassenarbeit... zwei Arithmetikaufgäben.... eine gelöst, die andere falsch. . . Karl Landru hat mir in der Pause gesagt, daß ich eine Kartoffelnase hätte, ick habe ihm einen Faustschlag gegeben, sodaß die seine ordent­lich aufgeschwollen ist; dafür habe ich nachbleiben müssen- . . s bei der Rangordnung bin ich heruntergekommen . - - es ist eine schreiende Ungerechtigkeit."

Dann kommt die Zeit vor dem Offiziersexamen . - -