Ausgabe 
16.9.1900
 
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a§ ganze Geheimnis, das Leben zu verlängern, besteht darin, es nicht zu verkürzen. Feuchtersleben.

(Nachdruck verboten.)

Geächtet.

Roman von LotharBrenkendorf.

(Fortsetzung.)

Siebzehntes Kapitel.

Schweigend waren Sixtus und Elisabeth durch das Vorzimmer geschritten; dann ehe sie die Stiege erreichten, zog Elisabeth den Major hastig in ein kleines, unbe­leuchtetes Geinach und verschloß hinter sich und ihm die Thür. Unfähig, ihre furchtbare Aufreguug länger zu meistern, warf sie sich, in Thränen ausbrechend, an seine Brust:O mein Geliebter, was hast Du gethan' Was ist geschehen, daß Du hierher kommen mußtest, gerade hierher, wo ich Dich weniger zu schützen vermag, als an irgend einem anderen Orte? Ich, Unglückselige wähnte Dich in vorläufiger Sicherheit jenseits der Grenze".

Diese verbundene Hand, Elisabeth, und der Ster­bende da unten, beweisen Dir, wie es um meine Sicher­heit aus russischer Erde bestellt war. Seit gestern wurden wir von einer Militärabteilung verfolgt, die uns an Kopszahl mehr als fünffach überlegen war. Ich suchte einem Kampfe auszuweichen, so lange es möglich war, aber das Gelände ist dort drüben für uns viel weniger günstig als hier diesseits der Grenze. §eute nachmittag war es den Russen gelungen, uns fast voll­ständig einzuschließen, und gegen Abend kam es zu einem verzweifelten Gefecht. Meine braven Burschen kämpften mit löwenhafter Tapferkeit, und was mir selber vorher fast unmöglich erschienen war wir schlugen uns durch Wie viele von uns dabei ihren Tod ge­funden, weiß ich freilich noch nicht; denn wir mußten uns bei der Flucht in möglichst viele kleine Trupps zer­streuen, um den Feinden die Verfolgung zu erschweren. Mein getreuer Wachtmeister und ich, wir waren die Letzten. Wie es uns erging, brauche ich Dir nicht noch einmal zu erzählen".

Der Verwundete ist also derselbe Mann, von dem Du neulich sagtest, daß er Dich während Deiner Krankheit so aufopfernd gepflegt hat?"

Ja ein Kamerad, wie es keinen besseren nnd treueren giebt. Nie hätte ich den Namen eines Edelmannes verdient, wenn ich fähig gewesen wäre, ihn im Stich zu

lassen. Nicht zum ersten-, nein, zum zehntenmale hat er mir heute das Leben gerettet. Und ich ahnte nicht ein­mal, daß ihn eine der tückischen Kugeln getroffen hatte. Er hielt sich im Sattel bis wir die Grenze hinter stns hatten und unsere Verfolger losgeworden waren. Dann rief er plötzliche mit erlöschender Stimme:Leben Sie wohl, Herr Major! Es ist aus ich kann nicht weiter" und glitt vom Pferde herunter. Ich riß ihm die blutgetränkten Kleider auf und sah mit Entsetzen, wie schwer er verletzt war. Mit meiner einzigen brauchbaren Hand hätte ich beinahe nichts für ihn thun können, wenn sich nicht auf mein Signal ein paar von meinen ver­sprengten Leuten eingefunden hätten, die mir behilflich waren, ihn zu verbinden und den Bewußtlosen wieder in den Sattel zu heben. Denn ich hatte auf der Stelle Pen Entschluß gefaßt, Deine Gastfreuirdschaft für ihn zu er­bitten. Um ungefährdet eine gewagte Rekognoszierung vorznnehmen, hatten wir beide, er und ich heute morgen unsere Uniformen mit bürgerlichen Kleidern vertauscht, und so brauchte ich nicht zu fürchten, daß Deine Haus­genossen und Dienstboten uns erkennen würden. Daß die Kürassiere sich noch immer auf Lasdehueu befänden, vermutete ich nicht; aber als es mir von einem meiner vorausgesandten Begleiter, der das Gehöft umschlichen hatte, gemeldet wurde, ließ ich mich dadurch nicht an der Ausführung meines Vorhabens hindern. Zwar habe ich wenig Hoffnung, daß mein armer Wachtmeister den kommenden Tag überleben werde, und tote die Dinge für uns liegen, wünsche ich es ihm nicht einmal. Aber eilt längeres Verweilen unter freiem Himmel hätte feine Leiden grausam gesteigert, und wir hatten da draußen nicht einmal einen Trunk Wein, um ihn zu erquicken. Irgend ein Märchen, das Deine Einquartierung täuschen würde, ließ sich ja leicht erfinden, und der Paß, den ich vor mehreren Monaten für gutes Geld in einem russischen Wirtshause gekauft, hat mir in ähnlichen Fällen schon mehr als einmal gute Dienste geleistet, obwohl es in Wahrheit gar kein Paß, sondern ein Anstellungs­dekret ist".

Und Deine Gefährten? Wo sind sie geblieben?" Sie durften sich in ihren Uniformen vor den Kü­rassieren natürlich nicht blicken lassen. In einem sicheren Versteck unweit des Schlosses erwarten sie meine Rückkehr".

Deine Rückkehr, Sixtus? Du hattest also die Ab­sicht, das Haus alsbald wieder zu verlassen?"

Ja. Ich kann leider nicht bei meinem Wachtmeister bleiben, bis er seinen letzten Atemzug gethan hat. Was von meiner Schar noch übrig ist, wird sich vor Tages­anbruch an einem bestimmten Tage sammeln, und es ist nötig, daß ich als einer der Ersten zur Stelle bin".

Aber Du weißt nickst, daß morgen auch die anderen Militärabteilungen in dieser Gegend eintreffen, daß Ihr