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bährender Demut das Lob wie den Tadel hinnimmt, und sich in allen Stücken ohne Widerspruch dem höheren Willen der Gebieterin unterwirft.
Und wie an dem ersten Morgen verhielt er sich auch während der folgenden Tage, obgleich die Auszeichnung, die ihm Frau von Menzelins zu teil werden ließ, wohl darnach angethan gewesen wäre, ihn stolz zu machen. Die kleine, dicke Dame hatte offenbar eine ganz besondere Vorliebe für ihn gefaßt. Da ihr der Posten eines einfachen Gutsverwalters für den weltgewandten, allezeit verbindlichen und artigen Mann eigentlich viel zu gering dünkte, hatte sie ihm aus eigener Machtvollkommenheit den Titel eines Intendanten verliehen, mit dem sie ihn bei jeder Gelegenheit voll freundlichster Herablassung anredete. Schon am dritten Tage lud sie ihn in Elisabeths Gegenwart huldreich ein, mit ihnen zu speisen. Daß er diese Gnade als etwas ihm nicht Geziemendes bescheiden ablehnte, hatte ihre Wertschätzung seiner ausgezeichneten Eigenschaften nur gesteigert, und Elisabeth würde sicherlich auf den entschiedensten Widersprach von feiten ihrer miitterlichen Freundin gestoßen sein, wenn sie ihn aus seiner Stellung hätte entlassen wollen.
Die junge Gutsherrin selbst aber hatte noch öor. Ablauf der von Franz ausbedungenen erschn Woche diesen Gedanken aufgegeben. Daß sie inzwischen volle Gewißheit darüber erlangt hatte, wie unschätzbare Dienste er ihr hier geleistet und wie schwer, ja unmöglich! es sein! würde, einen geeigneten Ersatz für ihn zu finden, hatte nur den kleinsten Anteil an ihrer Entschließung gehabt. Ungleich schwerer fiel für sie die Erkenntnis ins Gewicht, daß die Thätigkeit auf Lasdehnen wirklich einen anderen, besseren Menschen aus ihm gemacht habe. Sie hätte kein Weib sein müssen, wenn das Bewußtsein, einen fast schon Verlorenen gerettet zu haben nicht ihrer Eigenliebe ^geschmeichelt und sie nicht mit einem gewissen Stolz erfüllt hätte. Die Möglichkeit, daß er in einer anderen Umgebung den kaum gewonnenen Boden wieder unter den Füßen verlieren und dann vielleicht tiefer sinken würde als Zuvor, ließ in ihrem Herzen ein Gefühl der Verantwortung entstehen, das sie gegen den Urheber ihres bittersten - Kummers freundlicher und rücksichtsvoller machte, als sie selbst es dereinst für möglich gehalten.
Franz von der Röcknitz konnte also mit dem Erfolg dieser ersten acht Tage rechr .wohl zuftieden sein, und er hütete sich weislich, ihn durch ein unbedachtes Wort oder auch nur durch! einen verräterisch begehrlichen Blick leichtsinnig wieder aufs Spiel zu setzen. —
Einmal freilich mußte er sich dennoch einen ziemlich herben Tadel aus Elisabeths Munde gefallen lassen. Sie war bei einbrechender Dunkelheit von einem Ritt über die Felder heimgekehrt und hatte sich eben aus dem Sattel geschwungen, als ein finster blickender, grauhaariger Mann, der offenbar auf ihre Ankunft gewartet hatte, entblößten Hauptes, doch in auffallend trotziger Haltung ihr den Weg in das Haus vertrat. Elisabeth erkannte in ihm einen der Gutstagelöhner, dessen mürrisches, wenig ehrerbietiges Benehmen schon wiederholt ihre Verwunderung erregt hatte.
„Was wollt Ihr?" redete fte rhn an. „Habt Ihr etwas Besonders auf dem Herzen?"
Der Mann drehte seine Mütze zwischen den plumpen Fingern und sah düster vor sich hin. Es fiel ihm offenbar sehr schwer, sich zu einer Bitte zu zwingen.
„Mit Euer Gnaden Erlaubnis", stieß er endlich mühsam 'hervor, „weiter nichts, als daß ich nicht gerne verhungern möchte".
„Vor solcher Gefahr, denke ich-, wäret Ihr auch ge- fichert Giebt man Euch hier nicht Speise und Trank? Und werdet Ihr nicht nach Verdienst für Eure Arbeit bezahlt.Z ^her dieser Hund, dieser Leute
schinder, den Euer Gnaden uns als Herrn gesetzt haben, will mich davonjagen".
„Hütet Eure Zunge, Mann, und wagt Eure Worte, wenn Ihr wollt, daß ich Euch! anhören soll!" unterbrach ihn Elisabeth streng. „Ist es der Verwalter Wülfing, von dem Ihr in so ungehörigen Ausdrücken redet?"
„Wer sonst als er! — Der Satan möge — aber ich will meine Zunge hüten, wie Euer Gnaden befehlen. Was thut man nicht alles um ein Stück Brot, wenn man erst einmal zum Bettler geworden ist!"
„Will der Verwalter Euch entlassen, so werdet Ihr es jedenfalls auf irgend welche Art verschuldet haben. Ich kann Euch keine Antwort geben, bevor ich nicht weiß, was ihr gegen ihn gefehlt".
„Was ich gegen ihn gefehlt? — Hm! — Meine Hacke habe ich ihm vor die Füße geworfen, und vielleicht — nun, vielleicht hätte ich ihn zu Boden geschlagen, wenn nicht ein paar andere mir in den Arm gefallen wären. Nun werden Euer Gnaden vermutlich finden, daß mir mit dem Verhungern nur mein Recht geschieht, nicht wahr?"
„In der That, ich wüßte nicht, was ich nach solchem Geständnis noch für Euch thun soll, zumal es durchaus nicht den Anschein hat, als ob Ihr Euer sträsliches Handeln bereutet".
„Bereuen?" fuhr er auf. Doch dann, da Elisabeth Miene machte, sich von ihm abzuwenden, fügte er mit schwer erzwungener Unterwürfigkeit hinzu: „Wenn ich mir mein armselig Stück Brot auf andere Art nicht erkaufen kann — wohl, so will ich in Gottes Namen auch bereuen und Buße thun. Jhro Gnaden sollten ein wenig Geduld mit mir haben. Ich war nicht immer ein Bettler und ein elender Knecht wie heute. Es ist noch, nicht lange her, da saß ich; als freier Mann auf meiner eigenen Scholle und hätte mich vor keinem Menschen ge- demütigt — vor keinem adligen Fräulein und vor keinem hergelaufenen Halunken. Aber dieser dreimal verfluchte Krieg hat mich um alles gebracht, um Weib und Kinder, um Haus und Hof. Ich habe nichts aus all dem Jammer gerettet als das nackte, armselige Leben, und das möcht' ich, wenn es denn sein muß, immer noch lieber am Galgen enden als in einem Graben am Wege, wo mir's der Hunger ftückweis abfrißt".
Ein mühsam unterdrückter, leidenschaftlicher Grimm glitzerte unheimlich in den Augen des Alten. Das Mitleid, das sich schon in Elisabeths Herzen für ihn geregt hatte, wandelte sich bei seinen letzten, drohend hervorgestoßenen Worten in lebhaften Unwillen.
„Ihr führt Eure Sache sehr schlecht", sagte sie in dem gebietenden Tone der Herrin. „Wie groß auch immer Euer Unglmck fern mag, es giebt Euch nimmermehr ein Recht zu trotziger Auflehnung gegen die, von denen Ihr Wohlthaten empfangen habt".
„Wohlthaten?" fiel er mit wildem Hohne ein. „Nun ja, Euer Gnaden mögen es wohl so ansehen, und ich elender Tagelöhner kann mit einer so vornehmen Dame natürlich nicht um Worte rechten. Vielleicht wissen es das gnädige Fräulein auch gar nicht, wie bitter das Brot schmeckt, das man sich! hier auf Lasdehnen erarbeitet; denn es ist mit Schimpf und Erniedrigung gewürzt, wie das Brot im Zuchthause. Das Vieh vor dem Pfluge und der Hund an der Kette haben es besser als wir, die wir vor diesem herzlosen Schurken im Staube kriechen sollen. Ja, ich sage es noch einmal frei heraus vor Euer Gnaden: heute hält' ich ihn niedergeschlagen, wenn sich nicht diese jämmerlichen Knechtsseelen zwischen ihn und mich geworfen hätten. Denn auch auf einen Bettler soll man nicht mehr Schmach! häufen, als er ertragen kann. Ich sollt' mich nicht wieder auf Lasdehnen blicken lassen, oder die Hunde würden auf mich gehetzte Müßt' ich, wohin ich mich wenden soll, bei Gott, ich hätte mir's nicht zweimal sagen lassen. Aber wenn ich von hier fort muß, kann ich mich getrost hinter die erste beste Hecke legen und mein Ende abwarten. Darum bitte ich Euer Gnaden in aller schuldigen Ehrfurcht, mich! auf Lasdehnen zu behalten".
Ein paar Sekunden lang war Elisabeth wirklich unentschlossen, dann aber schüttelte sie, wenn auch ohne verletzende Unfreundlichkeit, verneinend den Kopf.
„Es geht nicht. Eure eigenen Worte machen es mir unmöglich!. Wenn es Eure Meinung war, daßber Verwalter Euch- unrecht that, so hättet Ihr Euch bei mir beschweren sollen. Offene Widersetzlichkeit aber darf ich mcht dulden, wenn nicht jegliche Ordnung anfhören soll, ^hr mögt noch für diese Nacht auf Lasdehnen bleiben, morgen


