Ausgabe 
16.6.1900
 
Einzelbild herunterladen

334

Verstorbene, dem Arzte an Jahren weit voraus, hatte sich durch glückliche Handelsunternehmungen ein bedeu­tendes Vermögen erworben, welches er, als kinderloser Witwer, dem einzigen Bruder hinterließ.

Als reicher Mann kehrte Doktor Gerth nach St. Rochus zurück. Sein Schmerz über den Verlust des teuersten und letzten Angehörigen war jedoch noch zu neu, als daß er sich in das Bewußtsein, der Besitzer eines großen Erbes zu sein, schon hätte einleben und neue Pläne für seine Zukunft fassen können.

Er übernahm wieder seine täglichen Pflichten, und kaum daß er den Reisestaub von sich geschüttelt hatte, trat er seinen gewohnten Rundgang an und begab sich, wie es täglich um diese Stunde geschah, in einen von hohen Mauern umgebenen großen Hof. In diesem mit Rasen bedeckten und von Kastanienbäumen überschatteten Raume wandelten etwa fünfzig Frauen verschiedenen Alters auf und ab. Es war die Abteilung für schwere und zum Teil gefährliche Kranke, von denen einige sogar Verbrechen be­gangen hatten. Viele litten an Hallucinationen, und ihre lauten Selbstgespräche verrieten, daß sie der Welt der trügerischen Phantasie angehörten. Eine hielt sich für die verstoßene Gemahlin eines gekrönten Hauptes; eine andere, die ihr neugeborenes Kind getötet hatte, suchte überall nach diesem umher und fragte die ihr Begegnenden mit ent­setzlicher Angst in Stimme und Geberde, ob sie es nicht gesehen hätten; eine dritte, welche durch eine unglückliche Ehe um den Verstand gekommen war und jeden Mann, den sie zu Gesicht bekam, für den ihrigen hielt, stürzte mit drohend erhobener Faust stuf den jungen Arzt zu und überschüttete ihn mit einer Flut von Schimpfnamen^ unter denenTrunkenbold" undErzlump" noch die ge­mäßigtsten waren, und dann floh sie, in der dunklen Er­innerung, daß in ihren lichten Tagen auf diese Titulaturen die unbarmherzigsten Schläge gefolgt waren, mit dem Jammerrufe:Hilfe! er schlägt mich tot!" vor ihm zurück und suchte bei den anderen Frauen Schutz,

Mitten in diesen Szenen, in diesem ohrenbetäubenden Geschnatter der verrücktesten Monologe, der blödsinnigsten Zwiegespräche und Zänkereien, mitten unter diesen Un­glücklichen, deren Seelen tiefe Nacht bedeckte, für welche es in diesem Leben kein Morgengrauen mehr gab, erblickte der junge Irrenarzt plötzlich die schöne Reisende, die einige Tage vorher im Wartesalon so lebhaft seine Be- wnnderung und Teilnahme erweckt hatte. Statt der Klei­dung, welche sie in der ihr nun entfremdeten Welt zuletzt noch getragen hatte, umhüllte jetzt das graue öde Anstalts­gewand ihre edle Gestalt. Noch hatte sie den Arzt nicht bemerkt, und er konnte beobachten, wie sie schaudernd in das grause Treiben um sich her blickte uno sich vor einigen ihrer Leidensgenossinnen, die sie wütend ankreischten, ent­setzt zurückzog. Bei einer solchen Gelegenheit war sie in seine Nähe gekommen. Auge in Auge stand sie ihm plötzlich gegenüber. Sie erkannte ihn, und mit einer Bewegung ver­zweifelnder Scham, mit einem Blicke unsagbaren Jammers, den er nie mehr vergessen konnte, wandte sie sich von ihm ab.

Der Trauerfall, der ihn betroffen, und die Abspann­ung, welche die Erfüllung der ihm dadurch auferlegten Pflichten nach sich zog, hatten in ihm die Erinnerung an jene Begegnung auf der Bahnstation zurückgedrängt. Jetzt trat ihm die Fremde mit dem ganzen Zauber ihrer Persönlich­keit wieder entgegen. Seine Befürchtung, sie hier wieder­zusehen, hatte sich bewahrheitet. Er glaubte sie unter dem Drucke einer still.zehrenden Schwermut, welche die auf­merksamste Pflege, die schonendste Fernhaltung von aller Ausregung der Nerven nötig machte, und nun fand er sie in dieser Gesellschaft, in der tiefsten Klasse, unter den freundlos Verlassenen, den längst Aufgegehenen, wo es zwischen selischer Entartung und Verbrechen keinen Unter­schied mehr gab!

Er konnte die Lösung des Rätsels kaum erwarten und' begab sich zum Direktor der Anstalt. Dieser kam seiner Frage entgegen, denn er empfing ihn mit den Worten: Wir haben während Ihrer Abwesenheit die uns ange­kündigte Patientin bekommen."

Angekündigt?" frug Doktor Gerth, der sich nicht gleich erinnern konnte.

Oder sagen wir: uns überwiesen durch die Staats­

anwaltschaft und überbracht durch einen Kriminalbeamte« in Zivil." i

Und wer ist das junge schöne Mädchen, das ich soeben im Hofe der vierten Abteilung sah?" frug Gerth.

Das ist sie ja eben", erwiderte der Direktor.Sie scheinen zu zweifeln? Nun, es erging mir fast ebenso; denn was auch die Zeitungen über ihre äußere Erscheinung schrieben, so einnehmend hätte ich mir diese Konstanze Her­bronn denn doch nicht vorgestellt."

Konstanze Herbronn!" wiederholte Gerth wie ver­nichtet. Er brauchte nicht mehr zu hören. Der Name hatte ihm alles gesagt; denn er kannte den Mordprozeß aus der Zeitung. Es wäre übel angebracht gewesen, hätte er sich hier seinen Empfindungen ganz hingeben wollen. Dennoch sagte er:In mir sträubt sich jede Fiber, an die Schuld dieses jungen Mädchens zu glauben."

Der Direktor zuckte die Achsel.Es ist ein rein patho­logischer Fall, etwas Lügen- und Verstellungskunst viel­leicht abgerechnet. Uebrigens mein aufrichtiges Be­dauern über den Todesfall Ihres Herrn Bruders", fügte er hinzu, dem jungen Arzte die Hand drückend.Sie befinden sich jetzt in unabhängigen Verhältnissen. Muß ich fürchten, daß wir Sie verlieren werden?"

' Doktor Gerth hatte noch keinen festen Entschluß gefaßt. Dennoch gab er auf die Frage, ohne auch nur einen Augen­blick zu zögern, zur Antwort:Vorläufig denke ich an keine Veränderung." . . .

Im Laufe des Tages machte er der neuen Patientin seinen ersten Besuch. Man hatte ihr eine besondere Zelle angewiesen, doch nur für die erste Zeit; später sollte sie anderen Leidensgenossinnen zugesellt werden. Ob sie es als eine Vergünstigung betrachtet haben würde, daß sie nicht Tag und Nacht die Gemeinschaft Verrückter teilen mußte, erscheint zweifelhaft, wenn sie gewußt hätte, daß diese Zelle der Schauplatz eines gräßlichen Mordes ge­wesen war, indem eine frühere Bewohnerin derselben eine Wärterin hier erwürgt hatte.

(Fortsetzung folgt.)

Ein neuer Nordostsee-Kanal.

Ein Geleitwort zur Eröffnung des Elbe-Trave-Kanals, (16. Juni 1900.)

Von Rudolf Curtius.

Nachdruck verboten.

Am 16. Juni dieses Jahres vollzieht sich ein Ereignis das einen weiteren Schritt auf dem Wege zur dominieren­den Handels- und Verkehrsmachtstellung Deutschlands be­deutet, zu welcher es dank seiner geographischen Lage und dem Fleiße und der Geschicklichkeit seiner Bewohner berufen . ist. In Gegenwart des Kaisers wird an dem genannten Tage im alten hansischen Lübeck der Elbe-Trave-Kanal eingeweiht, welcher eine neue Verbindung zwischen den beiden deutschen Meeren schafft und dazu berufen ist, ohne Schädigung der mächtigen Handelsemporien Hamburg und Bremen den altehrwürdigen Stätten des deutschen Han­dels- und Unternehmergeistes an der Ostsee, unter den modernen Verhältnissen mit den Nordseehäfen in ihrer Entwickelung nicht gleichen Schritt zu halten vermochten, frisches Lebensblut und neue Kräfte einzuflößen.

Wenn Man Itrt alten Zeiten Kanäle baute, so geschah es fast stets, um die Bewässerung eines Landes zu fördern, und die Chinesen waren so ziemlich die einzigen, welche schon vor Jahrtausenden erkannt hatten, daß das Wasser nicht nur der Befruchtung eines sterilen Bodens dienstbar gemacht werden könne; die regen Verkehrsverhältnisse, wie «sie schon damals an den Ufern des Hoang-Ho und Iang-tse-Kiang durch die dichte Bevölkerung bedingt ivaren, führten sie dazu, schon zu einer Zeit, wo das mittlere ' Europa noch ein von undurchdringlichen Urwäldern be­decktes ungastliches Land war, der Natur nachzuhelfen und mächtige Kanäle, deren Dimensionen noch heute Staunen erregen, oft Hunderte von Meilen durch das Land zu graben. In Europa war nach den Völkerstürmen des frühen Mittelalters die Einwohnerzahl so heruntergegangen, daß ein praktisches Bedürfnis zu Kanalbauten nicht vorhanden war, und die Italiener waren die ersten, welche seit dem Jahre 1100 in der hierzu allerdings förmlich herausfor-