Ausgabe 
16.6.1900
 
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(Nachdruck verboten.)

Die Irre von Sankt Rochus.

Kriminalroman von Gustav Höcker.

(Fortsetzung.)

Ungeduldig schritt der junge Arzt Doktor Gerth im Wartesaale der kleinen Eisenbahnstation auf und ab. Er war mit dem Zuge der hier abzweigMden Nebenlinie an­gekommen und wollte die Reise auf der Hauptlinie sort- setzen. Der erwartete Zug hatte aber fünfunddreißig Mi­nuten Verspätung, und das ist ein verzweifelter Aufschub, wenn man zu einem .totkranken Bruder reist, dem mau vor seinem Hinscheiden noch jein letztes Mal die Hand drücken will. Eben schrillte der Pfiff einer Lokomotive, mächtig brauste es heran, und die Schatten einer langen Wagenreihe verdunkelten plötzlich den Saal. Aber der an­gekommene Zug war nicht der erwartete, sondern er kam aus der Provinzialhauptstadt, und dorthin wollte der junge Arzt. Des Auf- und Abgehens überdrüssig, trat er an eins der Fenster und blickte zerstreut in das bunte Gedränge der aussteigenden Personen. Unter diesen siel ihm eine junge Dame aus, welche durch die Perrvnthüre in den Wartesaal trat. Ihre hohe, schlanke Gestalt war vom reiz­vollsten Ebenmaß. Wer sie sah, dessen Blick wurde sogleich von den großen, tiefdunklen Augen gefangen, welche wie zwei Sterne flammten. Das zwischen Hut und Stirn her­vorschauende rabenschwarze Haar war mit Verleugnung aller herrschenden Mode schlicht gescheitelt, doch vermochte diese puritanische Einfachheit die Schönheit der Gesichts­züge . nicht zu beeinträchtigen. Aber dieses Antlitz war bleich und fast bis zur Durchsichtigkeit von einem tiefest Leid vergeistigt, und in den wunderbaren Augen lag ein Ausdruck von Trauer, Schwermut und Hoffnungslosigkeit, von welchem der junge Arzt sich tief ergriffen fühlte.

Sie nahm in der hintersten Ecke des Saales an einem kleinen Tische Platz. Zwei andere Passagiere, ein Mann und eine Frau, setzten sich zu ihr. Nach ihrer Kleidung und ihren sehr gewöhnlichen, derben Gesichtszügen zu schließen, waren beide keine passende Gesellschaft für die junge Reisende, welche den ^Eindruck einer feingebildeten Dame machte. Dennoch fchienen fie zu ihr zu gehören;

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chöne Gedanken und Edelsteine Wollen die Welt entzücken;

Diese blitzen im Sonnenscheine,

Jene in Herzen und Blicken.

Julius Lobmeycr.

denn der Mann wechselte einige Worte mit ihr, woraus die Frau nach dem Buffet ging und ihr ein Glas Wasser brachte. In einem Dienstverhältnisse standen sie jedoch nicht zu der Dame, wenigstens war von jener bescheidene Reserve, jener höflichen Unterprdnung, svelche dienende Personen im Verkehr mit ihrer Herrschaft zeigen, an ihnen nichts zu bemerken.

Während Dr. Gerth darüber grübelte, welch schweres Leid die schöne Reisende in der Blüte ihres Lebens wohl schon getroffen haben könne, und in welchem Verhältnisse sie zu ihren Begleitern stehen mochte, begegnete er dem dunklen Augenpaare der interessanten Fremden. Als habe sie erraten, welche Fragen ihren Beobachter beschäftigten, streifte sie mit scheuem Blicke ihre beiden Reisegestossen und senkte dann das Auge zu Boden, um es nicht mehr zu erheben.

Die Ankunft des erwarteten Zuges schreckte den Arzt aus seinen Gedanken. Er mußte sich losreißen von dem verstohlen genossenen Anblick dieses seingeschnittenen Ge­sichtes mit dem geheimnisvollen Leid. Noch einmal sah er zurück, als er den Wartesaal verließ und noch einmal begegnete er ihrem Auge, das ihm gefolgt war.

Während der Fahrt schwebten ihm fortwährend die graziöse Gestalt, die schmerzliche Trauer jener Züge, diese wunderbaren, von tiefem Seelenleid erfüllten Augen vor. Und wer waren ihre seltsamen Begleiter? Ach, daß ihm dies jetzt erst einfiel! Gerade ihm hätte es nahe liegen müssen, sich diese Fragen zu beantworten. Der Eisöst- bahnzug, auf welchen die drei Reifenden zu warten fchiesten, berührte einen Ort, wohin schon mancher gekommen war, welcher in unpassender, ihm ausgezwungener Begleitung reiste, zu seiner eigenen oder zu anderer Leute Sicherheit. Das war die Landesirrenanstalt Sankt Rochus, und von diesem traurigen Orte war Dr. Gerth gekommen. War dies das Reiseziel der schönen Unbekannten, und wärest jener Mann und jene Frau ihr als Wächter beigegebon,. dann sah er die Unglückliche wieder, denn er bekleidete in St. Rochus die Stelle des ersten Assistenzarztes. Nichts im Benehmen des jungen Mädchens hatte eine geistige Störung verraten, aber indem Gerth mit jener so plötz­lich in ihm aufgestiegenen Vermutung die unsägliche Schwermut ihres Wesens in Zusammenhang brachte, schau­derte er zusammen; denn dies sagte ihm, dem Psychiater, mehr als ein ganzes Tollhaus. Ein gebrochenes Herz, zer­trümmertes Liebesglück das waren nur zu häufig die Ursachen, welche innerhalb der Mauern seines ernsten Wirkungskreises Jugend und Schönheit dem allmählichen Verfall entgegenführten, so sicher, so unaufhaltsam, wie Narrheit und Raserei.....

Als Doktor Gerth in der Provinzialhauptstadt ankam, war sein Bruder bereits aus dem Leben geschieden. Der