Ausgabe 
16.1.1900
 
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Anblick des alten Hauses aber mit der halb verfallenen Treppe sank ihr Mut.

Willkommen zu Hause! rief Mildred," als sie das HauS betraten.

Zu Hause! Welch ein Spott! flüsterte sie seufzend." Mut, Mama, wir haben Papa versprochen" Ja, wir dürfen ihm unsere Thränen nicht zeigen." Diese Ermahnung hätte bet Frau Howell gewirkt, auch wenn die Zimmer nur Gefängniszellen mit einem Stroh­bündel auf dem Fußboden gewesen wären, aber als sie in das geräumige, von der Sonne beschienene Zimmer trat, nach der hohen Decke emporsah, als sie die Erfolge von Mildreds und Frau Wtllows Mühe erblickte, erhellte sich ihr Gesicht in angenehmer Ueberraschung.

O, o, wie viel besser ist das alles, als Ihr mich er­warten ließet! Ist das wirklich unser, Mildred? Gott sei Dank, das ist wirklich eine Heimat! Ich bin mehr als zu­frieden, mit den Kindern bei Dir zu sein und werde wieder glücklich sein."

Mildred ist die gute Fee, der dies alles zu verdanken ist, sagte Howell."

Papa hat auch viel gethan! rief Mildred. Aber komm, Mama, ich bin Herrin von diesem kleinen Teil des ehr­würdigen Hauses, bis nach dem Frühstück, dann werde ich meinen Stab in Deine Hände legen."

Milli, rief Bella, Du bist ein Edelstein I Es ist pracht­voll, und so unendlich besser, als ich erwartet habe."

(Fortsetzung folgt.)

Reise-Erinnerung an die Kapkolonie.

Von Marinepfarrer a. D. P. G. Heims.

------- Nachdruck verboten.

Da lag sie vor uns im goldenen Sonnenuntergang, dre sangvorgestreckte, .hügelige 'Landzunge des Kap Agulhas, des Nadelkaps, das die äußerste südliche Spitze des afrika­nischen Festlandes bildet. Scharf und klar hob sie sich ab von dem lichten, funkelnden Goldgrund des Himmels. Sie grebt genau die Grenze an zwischen dem Indischen und Atlantischen Ozean. Die Fregatte war auf der Heim- reise. Fortan ging unser Kurs nordwärts. Der aufleuch­tende Glanz des Feuerturmes auf dem Vorgebirge warf freundlichen Schein; und ehrlich war der dankende Gruß gemeint, den wir nach Seemansart dem Weltmeer hinter uns zuwinkten.

Bei Sonnenaufgang des nächsten Tages hatten wir das Kap der guten Hoffnung in Sicht, wie es sich auf der schlichten, klaren Folie des goldigen Morgenhimmels ab­zeichnete als charakteristische Bergkette mit scharfen Zacken, auf deren höchster und zumeist vorspringender Spitze wieder­ein Leuchtturm ragt; neben ihm eine Signalstation. Mehr nach Westen zu schnitt ein langer, hoher, kaum merklich genügter Felsentisch scharf ab gegen das helle Firmament: der berühmte Tafelberg, hier sichtbar auf 40 Seemeilen Entfernung. Gegen Abend hieß es:Ruder hart an Steuer­bord!" und wir fuhren ein in die nach Norden geöffnete Bucht, in deren Grunde die Häusermassen der Kapstadt sich ausbreiteten vor dem in mehr als Brockenhöhe mit 3500 Fuß senkrecht aufsteigenden gewaltigen Tafelberge mit seiner schnurgeraden Platte.

Der jähe, Absturz der ungeheuren dunkelfarbigen Granrtmasse, hier und dort stark durchfurcht und wie mit mächtigen Strebepfeilern gestützt, macht in seiner regel­mäßigen Schichtung des Gesteins auf den ersten Blick den Eindruck einer riesenhaften Aufmauernng. Die noch höheren Gipfel desLöwenkopfes" rechter und des Teufelsgiks" linker Hand faßten das großartige Bild kulifsenartig ein. Eins fehlte dem Bilde jetzt, zur hiesigen Winterszeit: das belebende Grün, dunkles Wasser, helle Hauser, ernsthaftes Gestein: das war alles.

zuerst sahen, den Tafelberg, aus der Jta9e bei Sonnenuntergang, da stellte er sich vor in seiner ganzen Majestät und in Glanz gehüllt; aber auch gedeckt mit dem weißen, über den scharfen Rand der Platte sich niederrollendenTischtuch" aus Nebel zeigte er sich zu

Zeiten; einmal auch in dem wunderbar prächtigen Farben- spiel, das der goldene und purpurne Fürstenmantel über ihn breitet zur Zeit der untergehenden Sonne, die in die Nebelmafsen hineinleuchtet. Das sind jenebunten wechselnden Signale" des Tafelberges, von denen Freilig- rath imLöwenritt" spricht, andere Signale giebt er nicht Durch die abenteuerlichsten, wildesten Schluchten führt bei- Weg lauf die von-Abgründen durchfurchte Fläche des Berges die eine ganz eigenartige Pflanzenwelt aufweist. Auf- und Abstieg zusammen erfordern gegen achtzehn Stunden auf rauhen Pfaden.

Das Stadtbild ist ein ganz modernes. Die breite Adderlay-Street" könnte in jeder Großstadt sich sehen lassen mit ihrem Bahnhof, der Standard-Bank, den schönsten Läden, der Pferdebahn und demPublik-Garden" an ihrem Ende. Die Raumverhältnisse haben es erlaubt, der Allee, die zu ihnen hinführt, zwischen dem reizenden Botanischen Garten" und dem des Regierungsgebäudes, eine fürstliche Ausdehnung zu geben.

Das Straßenleben zwischen den verhältnismäßig niedrigen, weißen Häusern mit südlich flachen Dächern nur einige ältere Gebäude aus holländischer Zeit sind noch gegiebelt ist ganz europäisch. Besonders an England erinnern die weißen, zweirüderigen, von dem hintenaus- fltzenden Kutscher gelenkten Kabs, denen man nur Schnel­ligkeit und gutes Aussehen, aber nicht gerade Billigkeit nachrühmen kann.

Farbige waren nicht zu sehen; Hottentotten gar nicht. Mehr bunt.als geschmackvoll zeigten sich die mit weißem Mieder und fast altägyptischer Kopfbinde geschmückten Malayenfrauen, in schreiend Helle, blaue, gelbe oder grüne Gewänder zu oft unförmlicher Dicke gehüllt. Es sind Nach­kömmlinge der zur Zeit der holländischen Herrschaft von den Sundainseln her eingeführten Sklaven; zum Teil sogar sehr reiche, denn die Röcke waren oft von starrer Seide. Am Sonntagabend aber wimmelt es in einigen Straßen von festlich in herrlichem Staat einherwandelnden wunder­schönen Negerfräuleins mit Federhut und Schleppkleidern, begleitet von dunkelhäutigen Kavalieren mit weißem Vor­hemde und langen Manschetten. Auch diese wollköpfigen Herren der Schöpfung sahen besser aus als am Montag- morgen, wenn sie wieder auf dem Blockwagen standen und ihre Gespanne durch den tiefen Kot der Docks lenkten.

Die Rhede ist unbequem; darum hatte, die-Fregatte.auch an die Pier, den langen Hafendamm, verholt, trotz der fabelhaften Massen von Ratten, die in dem Balkenaufbau ihr Wesen trieben. Daß die Bucht nicht die beste ist, davon zeugten verschiedene Wracks, die den Strand mehr malerisch als gerade empfehlend zierten, und auch manch guter deutscher Schiffsanker liegt da auf dem Grunde. Es ist viel gethan für den Hafen; riesige Wellenbrecher, die ver­schiedensten Bollwerke zum Anlegen und Vertäuen; ein mächtiges Trockendock erster Klasse, leer einem vertieften langgestreckten Amphitheater in seinem Stufenbau ähnelnd unaufhörlich fahren die Arbeitszüge auf die Dämme hin­aus und hinein, in ihr Pfeifen und Rollen tönt das Zischen der Dampfmaschinen, die am Kai beim Löschen und Laden all der Briggs, Barks und Vollschiffe thätig sind, zum Geschrei der arbeitenden Neger und dem Rasseln der Arbeitswagen. Dort werden Kohlen genommen, hier eiserne Schienen klirrend verladen; langsam zieht ein' Trupp Straf­gefangener vorbei unter Bedeckung, Hacke und Spaten aus der Schulter, weiße und dunkle Galgengesichter im innigen Verein, weil sie etwa oben in den Feldern bei Kimberley Diamanten gestohlen oder auch nur von Negern gekauft haben.

Die deutsche Kolonie ist bedeutend; wenn auch s. Z. leider nur wenige in die Matrikel des deutschen Konsuls eingetragen waren, die Kirchengemeinde allein hatte einen Grundbesitz im Werte von zwölftausend Pfund Sterling; en, der Schule wirkten alte deutsche Lehrer, eine deutsche ZeitungDas Kapland" und eine deutsche Buchhandlung machten gute Geschäfte und standen im Ansehen, und ein deutscher Hilfsverein Amieitia wirkte segensreich.

Auch außerhalb Kapstadts nimmt die deutsche Be­völkerung nach Zahl und Tüchtigkeit eine sehr angesehene Stellung ein. So auch in Paar! in drei Stunden Eisenbahn- vou der Hauptstadt.