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finden- hoffnungsvoll fuhren sie zur Stadt, und niemand, der ihre strahlenden Gesichter sah, hätte geglaubt, daß sie einem schweren, sorgenvollen Schicksal entgegengingen.
Milli, sagte Howell, ich fürchte, der Anblick des Hauses, in das ich Dich jetzt führen werde, wird Dich zuerst ein wenig erschrecken. Aber eS erinnerte mich an ein Herrenhaus im Süden, und wenn es auch nicht ganz so gut ist, so sieht es doch nicht wie ein gewöhnliches Miethaus in der Stadt aus.
Beim Anblick des alten Hauses sank Mildreds Mut. Es sah alt und verfallen aus und schien über hundert Jahr alt zu sein. Die Hauptfassade war nach dem Fluß gerichtet. Ueber dem halb verfallenen Dach erhob sich eine Plattform, welche die Bewohner des Hauses zum Wäschetrocknen be- nutzten. Sie traten in einen engen Hausflur ein und stiegen eine schmale, hölzerne Treppe empor. Der Vorplatz zur Treppe führte auf einen Balkon hinaus, von welchem aus Generationen den Sonnenuntergang betrachtet haben mochten. Jetzt aber war er ringsum von hohen Mauern der Nachbarhäuser umgeben. Früher hatte ein breiter Gang durch das ganze Gebäude geführt bis zu einer Hausthür auf der anderen Fassade, jetzt aber war der Raum jedes Stockwerks in vier Wohnungen abgeteilt, so daß das alte Haus jetzt von zwölf Familien, anstatt von einer einzelnen bewohnt war. Die Thüren waren hoch und von kostbarem, aber wurmstichigem Schnitzwerk eingefaßt.
Der Aufseher des Hauses führte sie in ein Zimmer im zweiten Stock von etwa zwanzig Fuß im Geviert, dessen frühere Bewohner schmutzige Spuren hinterlassen hatten. Es waren unordentliche Leute, und solche behalten wir nicht im Hause, sagte der Mann.
„Das ist schon etwas, was zugunsten des Hauses spricht, Papa, bemerkte Mildred, und für jetzt erschien ihr' dieser Vorzug auch als der einzige, denn das alte Haus war innen und außen verfallen. Doch das Zimmer war groß und luftig und sehr hoch, ein kleines Zimmerchen stieß daran und das war alles.
„Kann eine Familie ihr ganzes Leben in solchen zwei Zimmern zubrtngen? fragte sich Mildred seufzend." „Ich hatte keine Ahnung davon, wie Hunderttausende leben!" —
„Es ist nur für kurze Zeit, Mildred, flüsterte ihr Vater." ---
„Das junge Mädchen schauderte selbst an diesem Sommermorgen.
„Wollen wir nicht die andere Wohnung besehen, von der Du schriebst?" fragte sie ängstlich.
„Wir werden in einer Stunde ungefähr wiederkommen, flüsterte Howell dem Aufseher zu, denn er war überzeugt, daß die andere Wohnung noch abschreckender wirken werde."
So war es auch Sie besahen noch andere Miethäuser zu zehn und sechzehn Dollar den Monat, fanden aber, daß die erste Wohnung die beste war. „Verzeihe Papa, sagte sie lächelnd, daß ich beim ersten Anblick zurückschrak. Wir wollen in dem ersten Hause wohnen, es war jedenfalls einmal ein prachtvolles Haus, und wir können auch dort glücklich sein! Diese anderen Miethäuser sind keine Wohnungen, sondern uur viereckige, menschliche Packkisten, ein Spott auf jeden Gedanken an Freiheit und Gemütlichkeit.
Die Wohnung in dem alten Hause wurde gemietet, ein kräftiges englisches Weib, Frau Willow, übernahm es, sie zu reinigen. Howell ließ die Möbel von ihrem Aufbewahrungsort bringen und begab sich wieder nach der Stadt zu seinen Geschäften.
Mit einem Eifer, einer Kraft und Geschicklichkeit, welcke Mildred bewundernswert erschienen, machte sich die vernünftige Frau Willow an die Arbeit, und bald schwanden die Flecken und Spuren, und die ganze Wohnung wurde auf ihren Rat mit weißer Farbe gestrichen. Es war nicht Mildreds Art, müßige Zuschauerin zu sein, sie nahm aus einer Reisetasche ein Hauskleid und zog es an. Ihre runden, weißen Arme, welche fast bis zu den Schultern entblößt waren, schienen
eher zum Modell einer Statue geeignet zu sein, als zur Führung von Bürste und Scheuerbesen.
XII.
Eine neue Heimat.
Die Phantasie der praktischen Frau Willow war nicht so beschäftigt, wie ihre Hände, und als es zwölf Uhr schlug, wußte sie die Stunde, obgleich sie keine Uhr hatte. Zuweilen hatte sie Mildreds Gedanken unterbrochen, aber ziemlich zerstreute Antworten erhalten.
„Ich habe das Gefühl, daß es Zeit ist, einen Bissen zu nehmen, sagte sie. Und Mildred fragte sie, ob sie nicht einen Ort wisse, wohin sie speisen gehen könnte."
„O ja, kommen Sie mit mir, wenn Ihnen meine Gesellschaft nicht zu gering ist. Ich kann einen guten Thee brauen, und es wird sich auch etwas Nahrhaftes dazu finden."
„Frau Willow, Sie find eine wahre Freundin! Es freut mich, daß Sie mir helfen, und ich fühle mich wieder etwas hoffnungsvoller. Sie scheinen tapfer zu sein und sich nicht vor der Armut zu fürchten, und das möchte ich von Ihnen lernen."
„Gut, gut, Sie sollen alles erfahren! Schließen Sie die Thür und kommen Sie mit mir!"
Frau Willowö Wohnung war einfach, aber niedlich. Ein abgenutzter Teppich bedeckte einen Teil des Fußbodens, und alle vorhandenen Möbel waren sehr sauber und gut erhalten. Auf dem Kochofen stand bald darauf ein schmackhaftes Mittagessen. Ihre Tochter, ein zwölfjähriges Mädchen, half ihr und ging dann, um die anderen Kinder zu rufen, welche auf der Straße spielten. —
„Wie kommt es, Frau Willow, daß Sie so unverzagt und heiter sind, während Sie doch allein mehrere Kinder zu erhalten haben?"
„O, erwiderte die Frau mit einem sonnigen Lächeln, ich habe ein paar kräftige Arme und den festen Glauben, daß der himmlische Vater mir und den meinigen hilft. Ich thue meine Pflicht und überlaffe es ihm, für das übrige zu sorgen. Zuweilen war ich ein bischen hungrig, aber die Kinder hatten immer genug. Und so arbeite ich, vertraue auf Gott und verliere keine Zeit mit Grämen. Es wird alles gut werden. Da sind die Kinder! Nun seid artig und setzt euch. Wir wollen gute Nachbarn sein, und ehe Sie es merken, werden Sie in ihrer eigenen Wohnung sich ganz behaglich fühlen und so glücklich, wie jemals in Ihrem Leben. Wenn man arm ist und arbeiten muß, das ist nicht das schlimmste in der Welt."
Die kräftige und heitere Denkungsart der guten Frau hatte den besten Einfluß auf Mildred, und als ihr Vater um sechs Uhr erschien, fühlte er, wie ihr Lächeln sein Herz erwärmte. Er lobte ihre Arbeit und dankte Frau Willow für ihre Hilfe mit so warmen Worten, daß ihre Augen feucht wurden.
Nach kurzer Beratung mit Frau Willow bat Mildred am nächsten Morgen ihren Vater, die Familie sogleich kommen zu lassen. Alles war bereit, und die Möbel kamen, und sie war wirklich glücklich, während sie die kahlen Wände schmückte und eine Heimat entstehen sah, welche mit jeder Stunde einladender wurde. Als sie im Frühjahr ihr Haus aufgaben, hatten sie viel mehr Möbel behalten, als für den begrenzten Raum genügend war, und Mildred hatte daher jetzt reiches Material, um der neuen Wohnung einen Anschein von Luxus zu geben.
Nach zwei Tagen emsiger Arbeit war alles vollendet, und Mildred schlief in ihrem kleinen Zimmer, das sie mit Bella künftig teilen sollte. Nach altem Gebrauch zündete ihr Vater auf dem Herd ein Feuer an, bei dem er brütend saß und mit Bedauern in die Vergangenheit, mit Bangen in die Zukunft blickte.
Am Abend kam das Dampfboot an, das Frau Howell mit Bella und den Kindern brachte. Die Begrüßung Howells war so zärtlich und erschien so heiter, daß sie mit hoffnungsfreudiger Stimmung der neuen Heimat entgegengingen. Beim


