Ausgabe 
15.12.1900
 
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, Die Hauptproduktionsorte für feineres und feinstes Spielwerk sind heute Nürnberg, Stuttgart und Berlin, die sogar mit dem in dieser Beziehung mustergiltigen Paris erfolgreich wetteifern. Den besten Einblick in die Vielseitigkeit dieser Industrie gewinnen wir jedoch, wenn wir uns einmal nach den ländlichen Orten Sachsens oder Thüringens begeben, wo die ganze Bevölkerung in ihren Behansungen sich mit fast nichts anderem beschäftigt, als mit der Herstellung von Spielsachen.

Besonders instruktiv ist da der Besuch von Sonne­berg und Umgebung in Thüringen; weil dort fast alle Arten im Wege der Hausindustrie hergestellt wer­den und weil dieser Ort besonders das gelobte Land. der Puppen ist.

Die weitaus wichtigste Person ist da der Bossierer, (Former), der sich von früh bis abend, jahraus, jahrein mit nichts anderem abgiebt, als Puppenköpfe zu fabri­zieren. Eine Reihe von Gipsformen dienen dazu, aus I Papiermasse, welche den Vorzug der Haltbarkeit' besitzt '

'' I geschnittenen Holzstabe der eine Arbeiter nur tausende >, I von Tierkörpern derselben Art, wobei einige mit fast 15 I automatischer Sicherheit ausgeführte Schnitte genügen, um

I das Holzklötzchen in die gewünschte Form zu bringen, I ein zweiter und dritter fertigen Beine und Köpfe an, I ein vierter leimt die einzelnen Teile zusammen, ein I fünfter, sechster und siebenter streichen nur an und ver- I packen, und das Ganze geht mit einer so erstaunlichen I Geschwindigkeit, wie sie ein Arbeiter, der sämtliche Hand- I griffe hinter einander leisten müßte, nie erreichen könnte. I Die Spielwaren-Jndustrie darf nun durchaus nicht I bei den einmal gangbar gewordenen Typen wie auf ihren I Lorbeeren ausruhen; denn auch die Kinderwelt ver- I langt stets etwas Neues; obendrein macht es die scharfe

Konkurrenz des Auslandes notwendig, daß die Produktion stets den Zeitereignissen folgt undzeitig" bleibt wie eine Zeitung, die gedeihen will.

So wurden zu den Zeiten des Krimkrieges für englische, französische und italienische Besteller Hundert- tausende von Russenfressern angefertigt, nämlich große hölzerne Soldaten in der Uniform der genannten Nati­onen, die boi den Ganggesetzen eines einfachen Mechanismus ! einen auf eine Gabel aufgespießten Russen ver chluckten.

Notre brave general Bon langer, wie ihn die Franzosen seinerzeit nannten, ist ebenso wie Skobeleff in zahllosen Exemplaren nach Frankreich und Rußland gewandert. In anderen Fällen handelt es sich zwar nicht um die Be­friedigung eines vorübergehenden Chauvinismus; aber die Jugend in Steiermark und Niederösterreich will ihre Puppen anders angezogen und ihre Holzfiguren anders angestrichen haben als in Norddeutschland oder England oder Amerika. Darum ist es sehr zweckmäßig, daß die yandelskammern von Bezirken mit bedeutender Spielwaren- Jndustrie alljährlich in den ausländischen Staaten nail; denen sich unser Export richtet, das modernste Spielzeug, welches dort an Ort und Stelle fabriziert worden ist, ankaufen, weniger, um es sklavisch nach­zuahmen, als um die fremdländischen Bedürfnisse kennen zu lernen und das dortige Fabrikat durch besseres zu übertrumvfen.

Da der Höhepunkt des Spielwarenverkaufs natürlich die letzten Wochen vor Weihnachten sind, während der Absatz in den übrigen Teilen des Jahres, wo Geburts­tage, Namenstage und die sogenannten Mitbringerle nur einen schwächeren, aber gleichmäßigen Absatz sichern, vollzieht chich die Produktion natürlich auch nicht gleich­mäßig, sondern schwillt im Sommer und Herbst ganz

weitaus^aroüt^üab^n2iPP! 10 doch die I oder aus Wachs, das zwar weit eleganter aussieht, aber liche Liebe niM Ä- finden, auch wenn elter- I zerbrechlicher ist, die Köpfe zu pressen, falls letztere nicht, Menschen in hn wK i .Wen tonn, irgend emen I was mehr und mehr Gebrauch wird, aus Porzellan her- einem Sviekeua V, ^rt*t6.enb mtt I gestellt werden. Tann gehen wir in ein Haus, in dem die Füduür e melm^?^->^s T,\ begreiflich, daß I die Leiber der Puppen fabriziert werden. Für die feinere leiten berstellt in Deutschland alle diese Herrliche I Ware wird Leder verwandt, und der geiwhte Balg mit für das M größerem Umfange I Seegras, Roßhaar, Holzwolle oder Watte gestopft; das

Markt ^b^errschen ^^ M^k^sS^ Spielwaren den I billigere Produkt hingegen wird aus Leinwand oder Baum- Volkes eine Rntw imeii Wirtschaftsleben dev deutschen I Wollstoff gefertigt, und mit Heu oder Stroh gefüllt. Vorstelluna fiXn b b r nur toem9e ettte rechte I Eine dritte Hand leimt dann den Kopf kunstgerecht auf

Von der'PeiräiiniiMis^ s w « ... t I ben aut und nun geht es an die Bekleidung,

wareniabrikatwn Äi b ^elseitigkeit der Spiel- I Ein Teil der Puppen erhält nur Hemd, Strümpfe und

Bearifi den d^^ ,sm?^n"^ <ber ^nen zutreffenden I Schuhe, und wandert in dieser notdürftigen Gewandung aeiübrt^at mW si? tn etn Musterzimmer I auf den Markt, als Kaufobjekt für jene Mütter, die es

duürie des genau organisierte In- I vorziehen, die übrige Puppengarderobe selber zu nähen.

Oberlandes ' besonders des Meininger I Das meiste wird jedoch fix und fertig gemacht. Besondere

aanes und' b^ Oberammer- I Zuschneidewerkstätten liefern in Zehntausenden von

A^ bs uud der rauhen Alb in Württemberg eingerichtet I gleichen Exemplaren die Stofsstückcheu und die $uwen= WiLn Adlern die Uebersicht zu schneid erinnen, welche chre Arbeit zumeist zu Haust ver-

12*000-18 000 hpJwMÄf Musterzimmer enthalt häufig I richten, nähen nun die Röcke und Blusen derart, daß stnd in -b dementsprechend sie nicht einen Anzug in einer Tonr bis zu Ende fertig

aewöbnlickigOOO-IsMB^oismn? Preisverzeichnissen auch I stellen, sondern nähen an so und soviel hundert Kleidchen vlEer Nat>n-00 ^0 Abbildungen zumeist photogra- | immer erst eine und dieselbe Naht, dann eine zweite ber ^nßrifnf nn Sn Jeder erdenkliche Stoff ist da I Naht, bis schließlich, nachdem die letzte Naht einige aus demGewen ff oIIe«T das Holz. I hundertmal ausgeführt worden ist, auch ebenso viele Shv»

ltnb Armbrüste, I zuge auf einmal vollständig fertig sind und die Puppen

talSinn ^re?ter,01 unvermeidliche | nur noch damit bekleidet zu werden brauchen.

Pferde , und rmMlig^Ding^OgefE I r bis in die kleinsten Einzelheiten durchgeführte

in Verbindung mit Pappe und Papier aus denen Tbeate/ I ^rbsttsteilung bedeutet eine große Zeitersparnis und ist -Mchen, Zimmer Puvvenstubd/I nnffItc^ auch bei der Fabrikation anderer Artikel durchs sthL "wi?'d7L «13 einem bete.» in bi« richtige

mässe. Gummi und Kautschuk. Nikolos und Harlekins I ÄttllAchten..nnb in entsprechrub lange Stnckchrn Reiter, Tiere, die mit Leder oder Fell überzogen sind, Menagerien und zoologische Gärten, Schäfereien, Vieh­herden ferner die oft wirklich kostbaren und mit künstler­ischer Hand ausgeführten Pelztiere, wie Hunde, Affen, Löwen und dergleichen. Groß ist auch die Zahl der aus Metall gefertigten Gegenstände, Zinnfiguren, Sol» baten, Trompeten, Waffen, Lokomotiven und Eistnbahn- zuge, Schiffe und Maschinen und andere mechanische Spielwerke. Eine große Rolle spielt auch das Spiel­zeug aus Glas oder Porzellan, der moderne bunt­glänzende Christbaumflitter aus Glas oder Metall, Wachs­figuren und nicht zu vergessen die der Heranwachsen­den weiblichen Jugend manchmal noch bis dicht vor ihrem Eintritt in die Welt so teuren Puppen.

Jeder, dessen Kindheit nur wenige Jahrzehnte zurück­liegt, wird zugeben müssen, daß auch, der Luxus im Weihnachtsspielzeug außerordentlich gestiegen ist; denn die heute hergestellten Gegenstände sind oft wahre Kunst­werke der Mechanik, und aus teuren Stoffen hergestellt, aber dementsprechend ist auch der Preis/ und niemand wird bestreiten können, daß wir in unserer Jugend mit den billigen Spielsachsn von dazumal mindestens ebenso j vergnügt, wenn nicht fröhlicher waren, als die Kinder von heute, wenigstens insoweit, als diese, als Treib- hauspflanzep oft genug frühzeitig aufgeblasen und nicht mehr kindlich genug find, um noch am harmlosen Spiel Vergnügen zu finden. /