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„Npin — wahrhaftig nicht!" versicherte er, indem er nun beinahe hastig seine Hand nach dem Couvert aus- streckte. „Und daß Sie selber gekommen sind, es mir zu überbringen — v, ich kann Ihnen nicht sagen, wie namenlos gliicklich Sie mich! damit gemacht haben."
Elli sah zu, wie er den Bries in seine Brusttasche gleiten lieh; dann sagte sie nach einem tiefen Atemzuge ganz leise: „Und nun, da ich meine Aufgabe erfüllt habe, möchte ich Sie noch einmal im Namen meiner Blutter wie für meine eigene Person von ganzem Herzen mn Verzeihung bitten und Ihnen alles Gute für Ihr künftiges Leben wünschen."
Sigismund Kielt ihre kleine Hand in der seinen. Etwas, für das er vergebens nach dem rechten Ausdruck suchte, wallte heiß in seiner Seele auf. — „Müssen wir uns denn wirklich schpn wieder- trennen, Fräulein Elli?" fragte er endlich beklommen. „Werden Sie noch an diesem Abend nach Brünn zurückkehren?"
Ohne ihm ihre Hand zu entziehen, schüttelte sie verneinend den Kopf. „Weder an diesem noch gn irgend einem späteren. Ich habe mein Engagement gelöst und mich von meiner Mutter getrennt, da sie das ihre nicht ausgeben wollte."
Eine neue Bangigkeit zitterte durch Sigismuuds Herz.
„Und nun? Was bleibt Ihnen unter solchen Umständen anderes übrig, als nach Amerika zu Ihrem Vater zu gehen?"
„Was sollte ich bei meinem Vater? Ich kenne ihn kaum, und er hat sich niemals um mich gekünimert. Seit Jahren haben wir kein Lebenszeichen von ihm erhalten. Nein, ich will endlich heraus aus diesem Vagabuuden- leben. Ich will vom Theater hinfort nichts mehr sehen und hören."
„Wie? Sie hegen also im Ernst die Absicht, Ihrer Kunst zu entsagen?"
„Ich werde eher Hungers sterben, als daß ich meinen Fuß noch einmal auf eine Bühne setze."
„Aber, Fräulein Elli, was werden Sie denn nun beginnen?"
„Von einem früheren Aufenthalte in Berlin habe ich dort eine befreundete Familie. Man wird mir dort vorläufig Unterkommen und Beschäftigung gewähren, und da ich den redlichen Willen habe, zu arbeiten, wird es mir hoffentlich gelingen, mich durchzuschlagen."
Sie waren langsam weiter gegangen und schritten nun stumm nebeneinander her, als ob sie sich nichts mehr zu sagen hätten. Da schlug mit vollen, weithin schallenden Tönen eine nahe Kirchenuhr.
„Wie spät es geworden ist!" fuhr Elli erschrocken auf. „Ich darf mich nicht länger aufhalten, wenn ich den Bahnhof noch rechtzeitig für den Abendzug nach Berlin erreichen will."
„Werden Sie mir gestatten, Sie bis dahin zu begleiten?"
„Sehr gern, wenn Sie mir nicht etwa ein Opfer damit bringen müssen."
„Ein Opfer? Ach, Fräulein Elli, wie gern ginge ich mit Ihnen bis an das Ende der Welt! Seien Sie mir nicht böse, daß ich etwas derartiges ausspreche. Ich weiß wohl, daß es unmöglich ist; aber wir dürfen einander heute auch nicht für immer Lebewohl sagen. Das könnte ich nicht ertragen. Sie werden mir sagen, wo ich! Sie finden kann, wenn ich mir eines Tages das Recht erarbeitet habe, Sie zu suchen. Wollen Sie mir bas versprechen?"
„Sie werden mich bald vergessen haben", erwiderte Elli leise. „Was Sie an mir interessierte, war am Ende doch nur meine Eigenschaft als Künstlerin, auch wenn Sie selber sich dessen vielleicht kaum bewußt geworden sind. Sie werden bei dem Theater, dem doch alle Ihre Neigungen gelten, sehr rasch einen anderen Gegenstand für Ihre Teilnahme finden."
„Wie falsch Sie mich beurteilen!" rief er. „Was Sie die begabte Künstlerin, übers Herz bringen konnten, dazu sollte ich der armselige, talentlose Dilettant, nicht einmal Selbstüberwindung genug besitzen? Nein, Fräulein Elli, mit meiner Schwärmerei für" das Theater ist es vorbei. Mein Entschluß für die Zukunft ist gefaßt, und ich werde nun endlich den Beweis liefern, daß ich Manns
genug bin, mir mein Leben selber aufzubauen. Zum Kaufmann tauge ich freilich ebensowenig, als ich zum Arzte getaugt hätte. Aber man hat mir früher manchmal gesagt, daß ich einen ausgezeichneten Lehrer abgegeben haben würde. So werde ich denn meine unterbrochenen Studien noch einmal aufnehmen, um mich diesem Berufe zu widmen. Er wird mich! niemals zu glänzenden Höhen emporführen und .wird mir keine Gelegenheit geben, Schätze zu sammeln. Meine Stellung im Leben wird immer nur eine verhältnismäßig bescheidene bleiben. Aber wenn ich mir diese bescheidene Stellung errungen habe — werde ich Sie dann suchen dürfen, Elli, und werden Sie es nicht verschmähen, mein einfaches Los mit mir zu teilen?"
Woher ihm der Mut gekommen war, so zu ihr zu sprechen, er selber konnte es nicht begreifen. Er mußte ihn wohl aus der Begeisterung geschöpft haben, mit der seine neuen Zukunftspläne ihn erfüllten, diese Pläne, die ihm mit einemmäl all' seinen verlorenen Jugendmut wiederzugeben schienen. Wieder hatte er sich! bei den letzten Worten der kleinen Hand seiner Begleiterin be- mächtigt, und indem er nun seine Lippen ihrer rosigen Ohrmuschel ganz nahe brachte, wiederholte er in flüsterndem Flehen seine Frage: „Meine liebe, geliebte Elli, wirst Tu mich dann nicht verschmähen?"
„Nein!" sagte sie ganz vernehmlich, und dann fügte sie, indem sie ihr von dunkler Glut überhauchtes Gesicht zu ihm erhob, aus freien Stücken hinzu: „Und ich will auf Dein Kommen warten, wie langö es auch währen mag. Ich könnte ja doch nie einen anderen lieb haben, als Dich."
Sie umarmten sich nicht; denn sie ivaren ja auf offener Straße. Aber sie gingen Hand in Hand weiter zum Bahnhofe, und obwohl es ja ein Abschied auf lange, ungewisse Zeit war, dem sie entgegen gingen, jauchzte und jubelte es doch in ihren jungen Herzen. Nur wenig sprachen sie noch miteinander; denn der Weg war kurz, und als sie auf den Bahnsteig traten, stand der Zug schon zur Abfahrt bereit. Aber was sie sich noch hätten sagen können, wäre ja auch immer nur eine Wiederholung des beseligenden Geständnisses gewesen, daß sie sich liebten, und daß sie in Treue auf einander warten wollten.
„Auf Wiedersehen! — Auf fröhliches Wiedersehen!" klang es hinüber und heriMr, als sich die Eisenräder kreischend zu drehen begannen, und bis der Zug seinen Augen entschwand, ließ Sigismund noch grüßend sein Taschentuch wehen.
(Fortsetzung folgt.)
Wie das Weihnachtsspielzeug entsteht.
Von Constantin Niese.
Nachdruck verboten.
Mit sehnsüchtig verlangenden Blicken betrachtet die Kinderschar, die sich am früh hereinbrechenden Dezemberabend vor den glänzend erleuchteten Schaufenstern des großen Spielwarengeschäftes staut, alle die hinter den Spiegelscheiben ausgestellten Herrlichkeiten, an denen die Seele des jugendlichen Menschen mit der ganzen irdischen Glückseligkeit hängt. Während die einen mit unschulds- voller Naivität noch daran glauben, daß es, um in den Besitz dieser Herrlichkeiten zu kommen, nur nötig ist, recht brav zu sein, und einen Wunschzettel an den Weihnachtsmann zu schreiben, der hier nur eine Niederlage errichtet hat, weil er am ereignisvollen, an Wundern reichen Christabend so viele Wege zu guten und folgsamen Kindern zu machen hat, sind die älteren unter der schaulustigen ^char von dem rauhen Hauch! des chnsten Lebens schon berührt. Sie wissen bereits, daß das Kind des Armen das entbehren muß, was dem vielleicht eigenwilligen Sprößling der wohlhabenden Familie in Hülle und Fülle in den Schoß fällt, nur weil es den Eltern an dem notwendigen Uebel dieser Welt, dem leidigen Gelde fehlt, und früher oder später zerrinnt ja jedem einmal der holde Jugendtraum vor der Erkenntnis der Wirklichkeit der Dinge.
Wenn aber auch unter dem Zwange der Verhältnisse die Geschenke des Christkindes für Millionen der Kleinen


