Ausgabe 
15.11.1900
 
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hinein, daß Dora kaum Atöm genug behalten hätte, dies Gespräch! fortzusetzen.

Genug!" sagte sie endlich leise, indem sie ihre Hand mit etwas festerem Druck aus seinen Arm legte.Ich kann nicht mehr. Lassen Sie uns lieber ein wenig promenieren."

Sie traten in den Speisesaal, der sich an den großen Festraum anschloß, und in dem zahlreiche lustig tafelnde Gruppen an kleinen Tischen saßen. In dem breiten Mittelgang warrdelten schon viele andere Paare gleich! ihnen aus und nieder, und sie mußten ihre Stimmen bis zu leisem Flüstern dämpfen, wenn sie nicht von ihrer Umgebung belauscht werden wollten.

Dora war es, die zuerst von dem folgenschweren Ereignis dieser Ballnacht sprach, nachdem sie vergebens auf eine Frage Sandorys gewartet hatte.

Lengfeld hat seine Drohung zur Wahrheit werden lassen", sagte sie,den Skandal, aus den ich mich gefaßt machen sollte, er hat ihn wirklich herbeigeführt."

Ah, in der That? Welche Geschmacklosigkeit! Sie sollten ihn empfindlich, dafür büßen lassen, damit ihm künftig solche Neigungen vergehen."

Er hatte das ohne Ueberraschung gesagt und in einem so leichten Ton, als handle es sich nur um eine ganz gleichgiltige Begebenheit, die morgen wieder vergessen sein würde. Da er seine Begleiterin nicht ansah, entging ihm auch der seltsame, unmutig forschende Blick, mit welchem sie über sein Gesicht hinstreifte.

Dora wartete abermals, ob er noch etwas hinzufügen würde; da es nicht geschah, fuhr sie in nachdrücklicherem Tone fort:Und Sie fragen mich nicht einmal, was es gegeben hat? Noch vor kurzem schienen Sie eine etwas lebhaftere Teilnahme für mein Geschick zu empfinden."

Ich wollte nicht indiskret sein, und ich denke doch, daß es nicht gerade ernsthaft ist nicht wahr?"

So ernsthaft, als es nur immer sein kann. Zwischen ihm und mir ist es aus ganz aus! Darüber konnte kein Zweifel mehr bestehen, als er vorhin in Heller Entrüstung das Fest verließ."

Er wird wiederkommen, Sie um Verzeihung zu bitten seien Sie versichert, daß er es thun wird."

Nein, er wird es nicht thun. Und wenn er ehrlos genug wäre, es zu versuchens, so würde ich ihn nicht ein­mal anhören. Aber es scheint, als ob Ihnen eine Ver­söhnung zwischen mir und meinem ehemaligen Ver­lobten erwünschter wäre, als ein Bruche."

Mir? O gewiß nicht! Wenn Sie ganz sicher sind, dast Sie das erhoffte Glück an seiner Seite nicht gefunden haben würden"

Ungeduldig schüttelte Dora den stolzen Kopf.

Nur nichts von solchen Phrasen ich bitte Sie darum! Was ich gethan habe, war einfach eine Notwendig­keit, eine Pflicht der Selbsterhaltung. Sie sollten es doch wahrlich am besten wissen, daß ich nicht anders konnte."

Und der Herr Staatsanwalt war es, der das ent­scheidende Wort gesprochen hat?"

Er oder ich! ich weiß es nicht mehr. Was ist auch daran gelegen. Genug, daß es aus ist, und daß ich frei bin, endlich! endlich frei."

Aber Ihr Vater er wird sich nur schwer in diese Wendung der Dinge finden."

Ich werde harte Kämpfe zu bestehen haben, darüber bin ich mir vollkommen klar Kämpfe mit meinem Vater und vielleicht noch mehr mit der hämischen Bosheit dieses erbärmlichen Haufens, der sich bei uns die gute Gesell­schaft nennt. Ich fürchte mich! nicht davor, aber es ist am Ende doch kein angenehmes Bewußtsein, ganz allein zu stehen gegen so viele. Soll ich Ihnen ehrlich bekennen, daß ich eigentlich ein wenig auf Ihren Beistand, auf Ihre Freundschaft gerechnet hatte?"

Ich aber brauche Ihnen hoffentlich nicht erst zu versichern, daß Sie unumschränkt über beides gebieten können."

Das klang viel mehr wie eine herkömmliche Redens­art, als wie eine aus dem Herzen kommende Beteuerung, und wieder streifte 'Dora die Züge ihres stattlichen Kavaliers mit jenem mißtrauisch forschenden Blick.

Nun, wir werden ja sehen", sagte sie ziemlich! rauh. Darf ich für einen der nächsten Tage Ihren Besuch er­warten?" /'

Befehlen Sie, und ich werde gehorchen. Bin ich denn nicht Ihr getreuer Sklave?"

Ach,' lassen wir doch jetzt diese Maskenscherze! Ich fange nachgerade an, den Geschmack daran zu verlieren. Also Sie werden morgen kommen? Nein nicht morgen! Diese ersten vierundzwanzig Stunden möchte ich ganz für mich allein haben. Aber übermorgen! Um die Mittagszeit! Wollen Sie mir das versprechen?"

Mit meinem Manneswort!"

Gut! So lassen Sie uns jetzt in den Tanzsaal zurückgehen. Und tanzen Sie meinetwegen weiter mit Ihrem blonden Gretchen! Vielleicht ist es in der That besser, daß man Sie nicht beständig in meiner Gesell­schaft sieht."

Wenige Minuten später war er entlassen, aber als er gleich! daraus Margarete zu der vorhin bewilligten Mazurka abholen wollte, gab sie ihm einen Korb. Sie habe Herzklopfen, sagte sie unsicher, und ihr Vater wünsche, daß sie ein wenig raste. Später, nach! der Pause, wolle sie ihm gern einen anderen Tanz gewähren, wenn ihm überhaupt daran gelegen sei.

Sandory hatte keinen Grund, sich gekränkt zu fühlen; denn er sah, daß sie wirklich neben ihrer Mutter sitzen blieb. Er geriet unversehens an Herrn Franz Eschenbach, der merkwürdigerweise noch immer da war, und ihn eine Viertelstunde lang mit allerlei naiven Fragen über das gesellschaftliche Leben in Sankt Petersburg langweilte.

Dann gab es eine große Tanzpause mit deklama­torischen und musikalischen Vorträgen. Ein Konzertflügel, der bis dahin hinter den Coulissen verborgen gewesen war, wurde auf die Bühne geschoben, und verschiedene Dilettanten beiderlei Geschlechts produzierten sich zu ihrem eigenen und ihrer Anverwandten lebhaftem Vergnügen.

(Fortsetzung folgt.)

In goldener Faffung.

Von I. Berr de Turique.

Autorisierte Bearbeitung von E. Vilmar.

Nachdruck verboten.

I.

Liebesheirat oder Vernunftehe? Sind sie die Glück­licheren, die sich von der Liebeheiligem Götterstrahl" leiten lassen, sind sie's, die sich! erst nach reiflicher Er­wägung von Für und Wider zur Ehe entschließen? Das ist eine Frage, die niemals aus der Welt geschafft werden wird, solange die Einrichtung der Ehe hienieden besteht, und voraussichtlich dürfte sie sobald nicht aufgehoben werden.

Auch Felix von Ellern, den Held unserer Geschichte, beschäftigte dieser interessante Gedanke. Er war ein acht­undzwanzigjähriger, stattlicher, junger Mann mit hübschen, intelligenten Zügen, vornehmem Wesen und sehr bedeu­tendem Vermögen.

Als Besitzer derartiger natürlich-er, geistiger und . . . klingender Begabung war er in den Kreisen der nach einem Schwiegersöhne ausschauenden Väter und Mütter erklärlich! eine sehr gesuchte Persönlichkeit. Von allen Seiten hagelte es Einladungen, Briefe, Anträge auf ihn hernieder. Kaum ein Tag verging, ohne daß ihm Gelegen­heit geboten ward, eine oder die andereseltene Perle" zu bewundern. Töchter hoher Würdenträger, Bankiers­und Grafentöchter waren ihm zur Wahl gestellt. Doch Felix übereilte sich! nicht.

Natürlich will ich vor allen Dingen geliebt werden", sagte er zu seinem besten Freunde, dem Dichter Ottokar Waldheim, der ihn daraufhin ansprachWas hilft eS mir, Familienglied der Grafen von Dreistern ober der Baronin von Blauenblut zu werden, wenn das Bindeglied mir das Leben unerträglich! macht? Und welchen Zweck hätte es andererseits, meine Million mit der Fräulein Hansens ober Fräulein Duponts zu vereinen, bie mir beide die eine durchs ihr Aeußeres, die andere durch ihr Wesen unleidlich! sind?"

Und was gedenkst Du eigentlich!'. . ."

Vorläufig mache ich es wie Du und begnüge mich mit der Rolle des Beobachters. Du schaust Dir Blumen, Bäume, Sonnenuntergänge, Me»resflut»n und hübsche