Ausgabe 
15.11.1900
 
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et gut und laß do» dir die Menschen Böses sagen;

Wer eig'ne Schuld nicht trägt, kann leichter fremde tragen.

Rückert.

(Nachdruck verboten.)

Unter dem Schwerte der Themis.

Roman von Reinhold Ootmann.

(Fortsetzung.)

Zweiter Band.

Erstes Kapitel.

Es war lange nach Mitternacht, als der eigentliche Ball endlich mit einer lustigen Polonaise eröffnet wurde. Dora Norrenberg mochte erwartet haben, daß Sandory sie zu diesem ersten Tanz auffordern würde; aber er kayr nicht, und nachdem sie zweimal einen Korb erteilt hatte, durfte sie den dritten Bewerber, obwohl er ein ihr wenig sympathischer Mensch war, nicht mehr sortschicken, wenn sie nicht in Gefahr geraten wollte, sitzen zu bleiben. Aber ihr Kavalier hatte wenig Veranlassung, sich! seiner kaum erhofften Eroberung zu freuen; denn Dora zeigte sich während des Rundganges von ihrer unliebens­würdigsten Seite. Während er umsonst verzweifelte Anstrengungen machte, sie für irgend einen Gesprächs­gegenstand zu interessieren, hingen ihre heißen Blrcke un­verwandt an dem auffallend schönen Paare, das an der Spitze des bunten Reigens schritt. Der Tanzordner hatte sicher die glücklichste Wahl getroffen, als er Rudolf San­dory ersuchte, die Führung der Polonaise zu übernehmen, und Margarete durfte sich wohl geschmeichelt fühlen, daß sie dazu ausersehen war, an dieser Auszeichnung terl- zunehmen. . ...

Aber sie war trotzdem nicht mehr so fröhllch, tote ]te es beim Beginn des Festes gewesen. So oft ihr Sandory eine seiner Artigkeiten sagte, wurde sie verlegen, weil sie sich ihres vorigen allzu freien Benehmens schämte, und die kleine Anwandlung von Reue, die sie unter Walther Sartorius' vorwurfsvollem Blick empfunden, regte sich zu ihrem Verdruß noch' mehr als einmal in dem jungen Herzen. Er war nicht gekommen, sie um einen Tanz zu bitten. Ihre Karte war schon ganz mit mehr oder weniger unleserlichen Namen bedeckt; aber fre hatte sich vorgenommen, daß sie ihm ohne Rücksicht auf frühere Bewerber den Vorzug geben würde, wenn er sich doch noch entschließen sollte, sie aufzusordern.

Eine Kränkung, einen tiefgehenden Schmerz hatte sre ihm ja vorhin keinsswegs zufügen wollen. Denn der

Groll, den sie gegen ihn empfand, weil er ihrer Meinung nach nicht den Mut besaß, sich offen für die gerechte Sache ihres Vaters zu erklären dieser wunderliche Groll, der sie nun schon wiederholt gerade in den entscheidenden Augenblicken bestimmt hatte, den jungen Doktor schroff und abweisend zu behandeln er mußte doch, wohl noch nicht tief genug Wurzel gefaßt haben in ihrer Seele, daß sie über einen Kummer des ehemaligen Freundes hätte Genugthuung fühlen können. Wenn es angesichts der väterlichen Feindschaft zwischen ihnen jetzt auch nicht mehr sein durfte, wie früher, wo sie ja überhaupt noch ein Kind gewesen war, so brauchte er doch nicht gerade zu glauben, daß sie von Haß gegen ihn erfüllt sei. Die erbetene Rose hatte sie ihm nicht gegeben, daran war nun nichts mehr zu ändern, selbst wenn es ihr jetzt auf­richtig leid gethan hätte einen Tanz aber brauchte sie ihm trotz der veränderten Verhältnisse wohl nicht abzuschlagen/ und es war am Ende doch ein Zeichen von Gleichgiltigkeit auf seiner Seite, daß er nicht einmal den Versuch machte, eine solche Gunst zu erlangen.

Sie war verstimmt, obwohl sie es sich! selber nicht eingestehen mochte, und sie verhielt sich auch darum San­dory gegenüber schweigsamer, als es sonst ihre Gewohn­heit war. Ja, sie hörte vielfach nur mit halbem Ohr auf seine Worte, und der Sinn mancher bedeutsamen Aeußerung, die wohl danach angethan gewesen wäre, sie stutzig zu machen, ging ihr darum vollständig verloren.

Er war aber viel zu scharfblickend und zu klug, um einen ungünstigen Augenblick für seinen entscheidenden Angriff zu wählen. Er hütete sich wohl, ihr durch allzu beharrliche Huldigungen lästig zu fallen und zog sich gleich nach Beendigung des ersten Tanzes zurück, um ohne kleinliche Eifersucht auch anderen Verehrern das Feld freizugeben.

Sie scheinen sich lieber in Deutschland als in Indien aufzuhalten, edler Fürst", sagte Dora in erzwungenem Scherz, als er sich ihr jetzt mit seinem unveränderlich! gelassenen Lächeln näherte.Ich möchte wahrlich! nicht Schuld daran sein, daß irgend ein blondes Gretchen in Sehnsucht nach Ihnen vergeht."

Sie würden nicht an die Aufrichtigkeit meiner grenzenlosen Bewunderung glauben können", erwiderte er ohne Verlegenheit,wenn ich! mich völlig blind stellen wollte für andere Schönheit. Die Rose bleibt die Königin der Blumen, auch! wenn das stille Veilchen die Menschen gelegentlich mit seinem Dufte erfreut."

Doch soll es Leute geben, die überhaupt viel lieber- demütige Veilchen als dornenbewehrte Rofen brechen."

Sandory begnügte sich damit, ihr statt aller weiteren Antwort tief in'die brennenden Augen zu sehen, und dann zog er sie so ungestüm in den Wirbel einer raschen Polka