522
und einer, der ihr Anführer sein mochte, befahl uns in gebieterischem Tone, Halt zu machen".
,Verzeihung, wenn ich Sie unterbreche, Herr Baron! Können Sie mir nicht das Aeußere diefes Mannes beschreiben? .War es ein großer, stark gebauter Mensch mit kühngeschnittenem Gesicht und martialischem Schnurrbart?"
Der angebliche Russe strich mit der gesunden Hand über seinen eigenen Bart, vielleicht um das ironische Lächeln zu verbergen, das für einen Moment um seine Lippen spielt.
„Tie Dunkelheit und die eigentümlichen Umstände der Begegnung verhinderten mich, den Räuberhauptmann genauer zu betrachten, aber ich möchte trotzdem behaupten, Herr Leutnant, daß die von Ihnen angeführten Merkmale in der Thal vorhanden waren".
„Dann ist es sicherlich dieser verwünschte Major Sixtus gewesen, was ich übrigens von vornherein nicht einen Augenblick bezweifelt habe".
„Derselbe, den Sie verfolgen?"
„Jawohl. Ein ehemaliger preußischer Offizier, der sich mit den Ueberresten eines aufgelösten Freikorps seit Monaten durch Plündern und Rauben ernährt. Ich habe mir von Leuten, die ihn öfter gesehen haben, den Mann so genau beschreiben lassen, daß ich ihn auf den ersten Blick unter Hunderten herausfinden würde. — Aber ich bitte nochmals um Entschuldigung, daß ich Ihnen ins Wort siel, Herr Baron! Sie sehen mich äußerst gespannt, die Fortsetzung Ihrer Schilderung zu vernehmen".
„O, das Weitere ist mit wenig Worten abgethan. Einer meiner Diener, der um ein Dutzend Schritte voraufritt, hatte beim ersten Schuß, ohne sich lange nach uns umzusehen, seinem Pferde die Sporen gegeben, und war in der Dunkelheit verschwunden. Wir beiden anderen aber konnten es unmöglich auf einen Kampf mit zwanzig oder dreißig wohlbewaffneten Räubern ankommen lassen, um so weniger, als ich! mit der verletzten linken Hand die Zügel nicht mehr zu führen vermochte. Noch geringere Neigung verspürten wir indessen, uns ihnen auf Gnade und Ungnade zu ergeben, und nach einem raschen Wort der Verständigung versuchten wir deshalb unser Heil ebenfalls in der Flucht. Die Räuber jagten wie besessen hinterdrein und hörten nicht auf zu schießen. Ob sie nun zuletzt einsahen, daß unsere Pferde besser waren, als die ihren, oder ob sie nicht den Mut hatten, uns über die preußische Grenze zu folgen "
„D a s war es, mein Herr, natürlich hatten sie dazu den Mut nicht; denn sie wissen recht wohl, daß sie hier von Leuten erwartet werden, die keinen Spaß! verstehen und die im Handumdrehen mit ihnen fertig sein würden".
„Vermutlich war es also die. Furcht vor Ihnen und vor Ihren tapferen Soldaten, die sie nach einem tollen Ritt von vielleicht zwanzig Minuten bestimmte, die weitere Verfolgung auszugeben. Unglücklicherweise mußte noch eine der letzten Kugeln meinen armen Gefährten treffen. Sie hätte ihren Weg wohl ip meinen Leib! gefunden, wenn er nicht geflissentlich hinter mir geblieben wäre, um mich; zu decken. Seine aufopfernde Treue ist es, die ihm nun vielleicht das Leben kostet".
Seine vorher so mannhaft und markig klingende Stimme hatte sich! bei den letzten Worten umschleiert, und er fuhr sich! mit der unversehrten Rechten über Stirn und Augen. Elisabeth, die mit verhaltenem Atem, eine Beute der furchtbarsten Angst, dem Gespräch der beiden Männer lauschte, wagte in der Furcht, sich zu verraten, kein teilnehmendes Wort, obgleich ihr die Bewegung des Majors nur zu deutlich verriet, daß dieser letzte Teil seiner Geschichte keine Erfindung, sondern volle Wahrheit sei. Sie hatte nicht einmal Vertrauen genug in ihre Kraft, um den Blick zu seinem Gesicht zu erhebe«, und nun rieselte es in eisigem Erschauern über ihren Leib, da sie den Leutnant von Kapnist mit dem leicht entflammten Feuer seiner thatendurstigen Jugend sagen hörte:
„Mein Wort als Edelmann und Offizier zum Pfände, Herr Baron, ich werde Ihren wackeren Bedienten an diesem Major Sixtus blutig rächen. Wenn Sie auf Ihrer Heimreise wieder durch Litauen kommen, mögen
Sie sich die Stelle zeigen lassen, wo man ihn verscharrt hat".
Solche schrecklichen Reden zu hören war doch mehr, als sie ertragen konnte. Ihre ganze Willensstärke aufbietend, wandte sie sich gegen Sixtus, noch ehe er dem Leutnant hatte antworten können: „Ihre Schilderung hat mich mit doppelter Teilnahme für den armen Verwundeten erfüllt, und ich möchte mich mit eigenen Augen davon überzeugen, daß es ihm an nichts fehlt. Wollen Sie die Güte haben, Herr Baron, mich zu ihm zu begleiten?"
Herr von Kapnist machte ein erstauntes Gesicht, Sixtus aber bot der jungen Gutsherrin mit ritterlichem Anstand seinen Arm.
„Leiste unserem lieben Gaste einstweilen Gesellschaft, Charlotte", sagte Elisabeth im Hinausgehen. „Auch die Tante kommt wohl bald zurück".
Nun waren sie fort, und zwischen den beiden, die sich! so plötzlich allein miteinander sahen, gab es eine lange, beklemmende Stille. Der Leutnant trank aus bloßer Verlegenheit zwei Gläser Wein, und dann, nach wiederholtem Räuspern, weil doch schließlich irgend etwas gesprochen werden mußte, ermannte er sich zu der zaghaft klingenden Bemerkung:
„Ihre Base, Fräulein von Menzelius, ist bei Gott eine bewunderungswürdige Dame".
Da brach es wie auf ein gegebenes Stichwort mit wahrhaft schwärmerischer Begeisterung aus Charlottens Herzen: „Sie ist das edelste, großmütigste, herrlichste Wesen auf Erden. O, wenn Sie mir doch glauben wollten, Herr von Kapnist, daß Sie nie — nie eine bessere finden werden".
„Mein Gott, ich glaube Ihnen das ja ohne weiteres, aber —"
Charlotte sprang plötzlich aus ihrem Winkel auf und trat an die andere Seite des Tisches, sich weit zu ihm hinüber neigend.
„Still! Ich höre die Stimme meiner Mutter im Vvrgemach. Sie spricht mit der Zofe und kann in jedem Augenblick hier eintreten. Aber ich muß mit Ihnen reden, Herr von Kapnist, heute noch, und unter vier Augen. Sie dürfen mir das nicht abschlagen, tu ernt Sie ‘nur ein klein wenig Freundschaft für mich empfinden".
„Was könnte ich Ihnen denn überhaupt abschlagen, Fräulein Charlotte, außer diesem Einen — Unmöglichen —"
„Gerade deshalb muß ich mit Ihnen sprechen. Erwarten Sie mich in einer Stunde außerhalb der kleinen Mauerpforte an der Nordseite des Gehöfts. Ich habe den Schlüssel zu dieser Thür, und wir sind dort am wenigsten in Gefahr, von jemand gesehen zu werden. Wollen Sie mir diese Gefälligkeit erweisen, die letzte, die ich von Ihnen erbitte?"
„Mit tausend Freuden! — Das heißt — hm! — gerade an jener Pforte habe ich auf den Rat des Verwalters einen Doppelposten aufgestellt, und es wäre doch; fatal, wenn die Leute —"
„Sie müssen die Soldaten von da wieder entfernen", unterbrach sie ihn mit Entschiedenheit. „Ich könnte natürlich nicht kommen, wenn ich besorgen müßte, daß sie mich sehen. Und ich weiß Ihnen keinen anderen Ort für unsere Zusammenkunft vorzuschlagen als diesen".
, „Die Wache soll rechtzeitig zurückgezogen werden, verlassen Sie sich darauf, Fräulein Charlotte! Ich selbst werde die Bewachung jener Pforte übernehmen. In einer Stunde also —"
Er mußte verstummen; denn in diesem Moment trat Frau von Menzelius, aufgeregt und erschöpft von den geleisteten Samariterdiensten, wieder ins Zimmer.
(Fortsetzung folgt.)
Quellen flüssigen Goldes.
Nachdruck verboten.
Vor einiger Zeit habe ich in einer englischen Zeitschrift eine hübsche Schilderung von der Romantik und den Gefahren des Petroleumgrabens gelesen. Ein Mann, der in pennsylvanischem Petroleum eine Million gewonnen hatte, behauptete, daß in einer einzigen Petroleumquelle


