391
Schwimmende Sommerfrischen.
Von: M. Kossak.
Nachdruck verboten.
Des Tages Hitze war nahezu vorüber, ein leichter erfrischender Wind strich: durch! die Luft, und die Sonne schickte sich- .eben an, einem feurigen Ball gleich- am Wüstensaum zu .versinken. Ihr volles, goldiges Licht aber lag noch auf den Dahabiehs, die langfam dahingleitend den Nil herauf- Aogen. Auf keiner fehlten die Blumen, sie standen in eigentümlich, geformten Thongefäßen unter den bunten, goldbefrarizteri Zelten, die den Insassen tagsüber zum Aufenthalt dienten, sie blühten an mächtigen, hier und dort zur Dekoration angebrachten Aesten und übersäten, von diesen abgestreift, den Fußboden des Fahrzeugs. Eines derselben, wohl das prächtigste von allen, umwanden sogar von außen volle Guirlanden. Vorn an seiner Spitze stand ein junges Paar in Hellen Sommergewändern, der Mann im weißen Piqueeanzug, die Frau in einem leichten Battist- kleid von modernstem Zuschnitt, blutrote Rosen im Gürtel und in den Händen. Die Beiden hielten sich umschlungen und verfolgten dabei mit den Augen die scharfkantigen Linien der Ufer, die hier, wo der Nil in die Wüste einschnitt, Ziemlich hoch und schroff aufragten. Zuweilen flüsterten sie sich etwas zu, und wenn dann für einen Moment ihre Augen sich trafen, lächelten sie sich. an. Vermutlich, war es ein neuvermähltes Paar, das sich- wie e§, in jenen Gegenden vielfach üblich ist, die Dahabieh gemietet, um ihre Flitterwochen darauf zu verbringen.
Wahrlich, ein ideales Nest, um sein junges Glück darin Zu bergen, und eine ideale Sommerfrische überhaupt! Schade nur, daß sie ausschließlich, nur den Begüterten zugänglich jst! Denn solch eine Dahabieh stellt einen ziemlich kostbaren Besitz dar, und auch der, welcher sie nicht sein @igen nennt und nur für ein paar Wochen mietet mit allem, was zu ihrer Ausstattung gehört, muß tief,in feinen Geldbeutel greifen. Schon die Beköstigung — die eigene, wie die der Bemannung — kostet eine hübsche Summe. Denn natürlich wird überall eigene Küche geführt, und die dienstbaren Geister, die aus den mitgenommenen und unterwegs erhandelten Lebensmitteln schmackhafte Speisen bereiten, erhalten hohen Lohn. Unter uns, die wir von unserem Kauffahrteischiff aus die reizenden Barken vorübergleiten sahen, gab es wohl keinen, der sich den Luxus leisten konnte. Dennoch, freuten wir uns neidlos ihres poetischen Anblicks und genossen, als uns bald darauf die Schisfsglocke zum gemeinsamen Abendessen in die Kajüte rief, unser einfaches Mahl mit nicht minderem Appetit, als die Insassen der Dahabiehs ihre Leckerbissen.
Als wir dann eine Stunde später auf Deck zurückkehrten, war es inzwischen dunkel geworden, Schatten gleich huschten die Dahabiehs vorbei, alle matt erleuchtet durch Lampen und Lampions, die poch, von fern gleich farbigen Glühwürmchen durch! die Finsternis leuchteten. Aus ein= Zelnen der Barken klang Gesang und Saitenspiel, begleitet von dem Schall lachender und plaudernder Stimmen. Doch, plötzlich mischte sich, mit den heiter anmutigen Tönen das Geräusch von Ruderschlägen, welche sich anscheinend auf unser Schiff zu bewegten. Bald darauf konnten wir denn auch! wirklich feststellen, daß ein Boot auf uns zukam.
„German physician vn board?" rief es zu uns herauf.
„Yes — Here!" kam es aus unserer Mitte als Antwort. Dann trat ein großer, schlanker Herr, der uns als einer der beliebtesten Badeärzte aus Salzbrunn in Schlesien bekannt war, die übrige Zeit des Jahres jedoch in Aegypten zuzubringen pflegte, an die Schisfsbrüstung und unterhandelte mit den Leuten im Boot. Wir erfuhren nunmehr, daß der Gründer und Befitzer des weltberühmten Sahara- krankenhauses auf der Oase Heluan, Dr. Reil, schwer erkrankt sei und den Wunsch, hegte, einen deutschen Kollegen zu konsultieren. Schon während des ganzen Tages hatten seine Abgesandten aus die vorüberkommenden Schiffe vigi- liert, um einen etwa darauf anwesenden deutschen Arzt zu ihrem .kranken Gebieter mitzunehmen.
Bald darauf war das Boot mit Dr. E. unseren Blicken entschwunden, Md unser Schiff fuhr noch, ein Stück werter, um an geeigneter Stelle für die Dauer der Nacht vor Anker Zu gehen. . . .
Schon früh am anderen. Morgen waren totr wieder
wach und- oben auf Deck, wo wir unter einem Planzelt den Kaffee einzunehmen pflegten. Unserem Schiffsbord gegenüber sprangen wieder,- von der Morgensonne grell beleuchtet, die Userwandungen schroff auf, dahinter ober sahen wir einige spitzzackige Türmchen, silhouettenartig von der bläulichen Luft sich abhebend, emporragen.
„Das Saharasanatorium", sagte erklärend unser Kapitän und dann wies er schweigend auf den höchsten der Türme, von dem die deutsche Flagge auf Halbmast gehißt, wehte.
Der deutsche Arzt, der mit unendlichen persönlichen Opfern funb beispielloser Energie hier in der Wüste ein Eldorado geschaffen, in dem ungezählte Menschenkinder sich neuen Lebensmut und Gesundheit geholt, war verschieden!
Während wir noch, ernst gestimmt, zu seiner Schöpfung herübersahen, kamen plötzlich aus einem tiefen Ufereinschnitt, Sturmvögeln gleich, eine Anzahl zierlicher Barken, Dahabiehs im kleinen, hervorgeschossen, die pfeilschnell über den Nil flogen. Es waren die fchwimmenden Wohnungen einiger Patienten Dr. Reils, denen er bei gewissen Witterungsverhältnissen den Aufenthalt auf dem Wasser verordnet. , _
Im Laufe des Vormittags kehrte auch Dr. E. vom Totenbett seines Kollegen zurück, worauf unser Schiff dre Fahrt fortsetzte.
Seit den geschilderten Ereignissen sind nahezu zwanzig Jahre verflossen. Die Zahl der schwimmenden Sommerwohnungen hat sich inzwischen rapid vermehrt, und was ehedem ein für die meisten Menschen Unerschwinglicher Luxus war, das kann sich heute äuch der weniger Bemittelte erlauben. Zumal in England gehört es zu den alltäglichen Dingen, daß ganze Familien ihre Villegiatura auf dem Wasser verleben. Auf der Themse sieht man in der heißen Jahreszeit die festgeankerten Schiffe zu Hunderten sich schaukeln. Wie sich bei uns die Leute eine Sommerwohnung in einem Vororte ihrer jeweiligen Residenzstadt mieten, so bezieht mancher Londoner Familienvater mit Kind und Kegel eines der besprochenen Themseschiffe. Möbel braucht er nicht — oder doch nur in sehr geringer Menge — mitzunehmen, da nach englischem Brauch dre notwendigen Stücke fest an die Wand oder den Fußboden angefügt sind. Dagegen ist er genötigt, einen Wagen voll Wirtschaftsgeräte — Service, Kochgeschirr usw., ferner Bett und Tischzeug, Kleider und allerhand Gegenstände zur Dekoration des interimistischen Heims nach diesem schaffen zu lassen. Die Themseschiffe sehen denn auch! in der That ganz reizend aus. Mit Hilfe von bunten Decken und Teppichen wird der an sich ja recht einfachen Ausstattung ein außerordentlich, malerischer Anstrich, verliehen, den ungeheure Mengen von Blumen, welche hier ebensowenig wie auf den Dahabiehs fehlen dürfen, noch erhöhen. Auf ern- zelnen Schiffen laufen ringsum Gesimse, die mit blühenden Töpfen und Blattpflanzen bestellt sind. Von wertem gewährt solch eine Schiffskolonie förmlich, den Anblick ernes Blumenmarktes. Für die Hausfrau mag ja die fchwim- mende Sommerfrische manche Unbequemlichkeit haben, in dem Beschauer aber wird sie säst stets die Sehnsucht wecken, einmal seine Erholungszeit auf einer solchen zu verleben.
Wenn ich von diesen Wohnungsschifsen spreche, so dürfen die oft prachtvoll aus gestatteten Missisippi- und Wolgadampfer nicht unerwähnt bleiben. Auf den ersteren braucht man keine eigene Wirtschaft zu führen, sondern kann sich, wie in jedem beliebigen Logierhaus, in Pension geben. Die Passagiere entbehren keines Komforts, den sie nur irgend begehren können; denn auf den Schiffen giebt es außer den Konversations- und Schlafräumen Palmengärten, Lese- und Musikzimmer, ja zuweilen sogar Betsale, in denen täglich Andachten abgehalten werden. Morgens, nachmittags und abends konzertieren Musikkapellen oder Sänger oder Virtuosen auf diesem oder jenem Instrument. Dazu finden Bälle, Theateraufführungen und sonstige Vergnügungen statt. Ein Vorzug, den diese Dampfer vor den Themfeschiffen voraus haben, besteht darin, daß sie nicht festgeankert liegen, sondern beständig hin- und herfahren. An schönen Punkten legen sie indessen auch an, um den Passagieren Gelegenheit zu Ausflügen zu geben
Was die Wolgadampfer anbetrifft, so pflegt keine Gastwirtschaft auf ihnen betrieben zu werden, vielmehr mietet sich, eine Privatperson einen und führt ebenso, wie


