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Wohlfeile Herren-Konfektion»
Von Charles Dumont (Paris).
Nachdruck verboten.
Alle Welt spricht von dem Niedergang gewisser französischer Industrien, und bis zu einem gewissen Grade mag dgs auch zutreffend sein. Von der Bekleidungsindustrie gilt es jedenfalls nicht; sie ist eine Großmacht ersten Ranges und kann es mit der Konkurrenz aller Kulturstaaten aus- nehmen. Französische Konfektionswaren zeichnen sich, wie man allgemein zugeben wird, durch große Eleganz besonders aus. Einen Beweis dafür aber, daß man in Frankreich auch billig und gediegen zu arbeiten versteht, liefert die Herren-Konfektion. Viele sind deshalb geneigt zu glauben, daß auch aus diesem Gebiete die Maschine vollständig die Handarbeit verdrängt habe.
Wie wäre es sonst möglich, so meinen sie, daß ein Paar Stoffhosen für 2 Frcs. 25 Cent., ein vollständiger Anzug für 9 Frcs. 90 Cent, fix und fertig dem Kunden im Detailhandel übergeben werde? Und doch sind diese Leute im Irrtum. Ein Gang durch die Werkstätten eines der großen Pariser Magazine für billige Konfektion würde sie überzeugen, daß bei der Herstellung dieser Ware die Maschine nur eine verhältnismäßig unbedeutende Rolle spielt; die überwiegende Arbeit dagegen die Hände der Arbeiter leisten, allerdings bei ausgedehnter Anwendung des Prinzips der Arbeitsteilung. Wir dürfen aber nicht vergessen, daß bei großen Betrieben, die der Maschine entbehren, die Menschen selbst beinahe zur Maschine um- gewandelt'werden.
Was beim Betreten des Stofflagers eines großen Konfektionshauses zunächst auffüllt, ist die große Menge der Ware. Die Ballen und Stücke türmen sich vom Fußboden bis zum Plafond auf, nur schmale Stege dazwischen srei- lassend. Es geschieht dies natürlich der Raumersparnis wegen, da man bei den geringen Raumdimensionen der Pariser Häuser, der Höhe abringen muß, was die Ausdehnung in anderer Richtung versagt. Dieser Mißstand bringt jedoch die Gefahr mit sich, daß der allzu beschwerte Boden einstürze, was thätsächlich schon öfter in solchen Häusern geschehen ist.
Versuchen wir immerhin in dieser dichtgedrängten Masse eine kleine Umschau. Vorerst also die zwei großen Abteilungen der Stoffe mit gewebten und mit gedruckten Mustern. Die gewebten kommen von Roubaix, Tourcoing und Vienne, die gedruckten von Lisieux und Vienne. Für leinene Arbeitskittel liegen Schichten von „toile du nord" bereit, die in Lille und Armentieres fabriziert werden; für die schwarzen Blusen der Weinhündler — auch Parisienne oder Salopettes im Geschäftsjargon genannt — webt Roubaix, und das Vogesenland Moleskin und Clairvaux, deren Färbung Villesranche übernimmt. Waschstoffe für Sommerkleidung stammen aus Saint-Die, Epinal und Laval. Außer den billigen einseitig bedruckten, gießt es noch zweiseitig bedruckte Stoffe, welche an Solidität und schönem Aussehen den Stoffen mit gewebtem Muster kaum nachstehen. Sie werden von Uneingeweihten sogar sehr ost mit den letzteren verwechselt, obgleich eine ganz einfache Prozedur genügt, um zu erkennen, ob man nicht von seinem Schneider respektive Keiderlieferanten, statt mit gewebten Mietern bekleidet zu werden, nur in eine Illusion eingewebt wird. "Durchsticht eine Nadel, die man in den Stoff gesteckt, von beiden Seiten dasselbe Musterdetail, dann ist das Muster gewebt, im anderen Falle, und mögen die entsprechenden Einzelheiten der Zeichnung auch nur um einen Millimeter differieren, ist es gedruckt. Das ist ja den Fachleuten zweifellos bekannt, aber für den Laien muß es doch betont werden.
Der erste Vorgang, .dem der irtdie Werkstatt gelangende Stoff unterworfen wird, ist das Falten. Die Stoffbreite beträgt gewöhnlich 1,30 Meter. Für eine Hose wird der Stoff auf 1,10 Meter, für eine Weste auf 35 Zentimeter, für den Rock auf 1,50 Meter, für den Ueberzieher aus 2,20 Meter breit gefaltet (in beiden letzten Fällen natürlich mit Hinzuziehung einer zweiten Stoffbreite). Von den so gefalteten Stoffen, welche „matelas" (Matratzen) genannt werden, kommen nun — je nach der Dicke des Stoffes und der Appreturstärke — 50 (z. B. vom croisee) bis 80
(wie bei der Gattung President) gleicher Breite übereinander gelegt, um gleichzeitig geschnitten zu werden. Bei dem Anbringen der Schnittzeichnung auf der obersten Stoffschicht sind zweierlei Methoden gebräuchlich. Die erste besteht im Auflegen von unabhängigen, ausgeschnittenen Kartonformen — für jeden Teil des Kleides — und Bezeichnen der Umrisse mit Kreide. Dazu gehört aber, um an Stoffen zu sparen, eine gewisse Geschicklichkeit des Zeichners. Arbeiter, die in dieser Spezialität große Fertigkeit besitzen, lassen sich daher auch teurer bezahlen und verlassen häufig ihre Stelle, weil sie sicher sind, anderweitig unter besseren Bedingungen anzukommen. Um diesem Uebelstand aus dem Wege zu gehen, wird in vielen Häusern die zweite Methode vorgezogen. Der Stoff wird mit einer Schablone bedeckt, auf welcher alle Formen in durchlöcherten Umrissen fixiert sind; ein in blaue d'Espagne getunkter Bausch wird hierauf über die Schablonen gezogen und alle Formen kommen reinlich und scharf in punktierten Linien auf dem Stoff zum Vorschein. Die zwischen den einzelnen Formen bleibenden Reststücke fallen — mit welcher Sparsamkeit auch die Zeichnung auf der Patrone zusammengestellt ist — doch in großen Haufen um den Zuschneider herum, der bald bis zur Tischhöhe in einem Meer von Lappen (residüs) steckt. Die Arbeit des Zuschneiders wird zumeist mittelst einer Art Säbel vollzogen, den der Arbeiter, die Stoffschichten mit der linken Hand fefthaltend, den Umrissen der Zeichnungen folgend, von oben nach unten führt. Natürlich gehören auch große Kräfte dazu, die Stoffmassen in dieser Weise durchzusäbeln. In anderen Fällen, besonders dort, wo der Stoff z. B. wie das Genre Clairvaux der Säbelschneide Widerstand leistet, wird das Schneiden durch eine Dampfmaschine besorgt; doch erfreut sich diese keiner ausgedehnten Beliebtheit, da der Lärm und der üble Geruch, den sie verursacht, in keinem Verhältnisse zu den Vorteilen steht, welche sie leistet. Man erhält einen Begriff davon, was Menschenhände leisten können, wenn man erfährt, daß drei Zuschneider täglich 1000 Westen oder — zu verschiedenen Jahreszeiten werden natürlich verschiedene Kleidungsstücke verlangt — jährlich durchschnittlich 150 000 Blusen ausschneiden. Nach dem Zuschneiden kömmt das Plätten mit heißem Eisen, dann das Steppen falscher Nähte (oder >Scheinnähte) und die Anfertigung oder das;eigentliche Nähen. Die zwei letzten der Prozeduren gehen außerhalb des Konfektionshauses mit Hilfe von sogenannten Unternehmerinnen (entrepreneuses) vor sich.
Bevor jedoch die zugeschnittene Ware in die Hände der Entrepreneuse gelangt, muß der Stoff — für jedes Kleidungsstück besonders — zu Rollen gewickelt werden. Die speziellen Arbeiter, die hierfür bestimmt sind, haben eine schwerere Aufgabe, als es den Anschein haben könnte; man behalte nur folgende Zahlen: jede Hose besteht aus 28 Stiicken, die Weste aus 18, der Rock aus 34, der Ueberzieher aus 34 Stücken. Dabei verdient ein Arbeiter, der — da die Arbeit ja als eine leichte gilt — 14 Stunden täglich schaffen muß, für diese Zeit nur 3 Frcs. Nicht glänzender ist der Verdienst der Arbeiterinnen, welche das eigentliche Nähen der Kleider besorgen. Für die Hose zahlt man 50—60 Cent., für den Rock 1,50—1,75 Frcs., für die Weste 70—75 Cent. In Lille sind die Preise noch niedriger: 1,15 Frcs. für den Rock, 32 Cent, für die Hose. Und dies erhalten erst die Unternehmerinnen, oder selbständig im kleinen arbeitende Nähterinnen: auf die bei den Unter- nehmeriünen ständig beschäftigten Arbeiterinnen entfällt natürlich noch weniger — und da eine Arbeiterin je nach der Größe des Stückes nicht mehr als 2—4 pro Tag fertig bringt, so kommen nur wahre Hungerlöhne dabei für sie heraus. Das ist die Schattenseite der billigen Konfektionsware. Wer nun dafür verantwortlich gemacht werden muß — der Konfektionshausbesitzer, der die Herstellungskosten nach Möglichkeit herabdrücken will, oder das Publikum, das nach immer billigerer Ware verlangt — das mag hier unerörtert bleiben, denn die soziale Frage bildet" nicht das Thema unseres Artikels. Jedenfalls kann nur die Zusammenwirkung der niedrigen Arbeitslöhne mit den ungeheuren Ziffern der jährlich produzierten Waren, die fast ans unglaubliche grenzende Billigkeit derselben erklären. Ein einziges Konfektionshaus in Paris produziert.


