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§;rmt aufsprang bei dem Gedanken, wie sie im Zimmer um» herirrte, wilde Worte murmelnd. '

Sie haßte ihre Stieftochter, haßte sie ihrer Jugend, ihres Liebreizes wegen! Wenn sie sich von ihr befreien, sie unschädlich niachen könnte! Sie fortschicken, sie ver­heiraten? Sic lachte schrill auf. Vielleicht mit Eberhard?!

Warum sinnst und grübelst Du, Gräfin Lori, warum hältst Du plötzlich in Deinem wilden Umherwandern inne, und schaust mit weitgeöffneten, haßfunkelnden Angen durch das ojffene Fenster der leichten Gestalt nach, die dort im schlichten, weißen Gewände, den Strohhut am Arm, und gefolgt von den beiden Bernhardinern, ihren beständigen Begleitern, die Schloßterrasse hinuntergeht, dem Walde zu?

Störe sie nicht, sie geht ihrem Schicksal entgegen, und ihr Schicksal ist Dir zu Diensten!

Wieder hebt die Schattenhand der grauen Fee eine Hülle vom Bilde des Gewesenen. Was ist es, was die träumende Frau mit den bleichen, auf der Brust gefalteten Händen jetzt erblickt, was ihr schwache Rosenglnt ins An­tlitz treibt?

Mitten im Walde ein heimliches, lauschiges Plätzchen. Eine Eiche steht dort, die älteste im ganzen Revier, um sie herum nur junger Nachwuchs, Buschwerk und Farrn- kraut. Die mächtigen, dicht belaubten Zweige sind eng ineinander verwachsen und wehren der Sonne den Eingang. Nur manchmal, ab und zu, huscht einer ihrer Strahlen hindurch, gleitet wie eine glitzernde Schlange am rissigen Stamme hinunter und legt sich, liebkosend auf das Köpf­chen, welches, leicht angelehnt, dort ruht. Aber die schlanke Mädchengestalt am Fuße des Bäumes regt sich nicht. Lässig halten die zarten Finger den vollen Strauß von wilden Rosen, braunen, schwankenden Gräsern und Glocken­blumen, von welchen sich! ab Wb zn eine der Blüten löst, um lautlos auf das weiße Gewand zu flattern, und die tief­blauen, schwermütigen Astgen schauen sehnsüchtig nach oben, wo goldenes Licht durch das dunkle Grün zittert. Plötzlich regen sich die beiden großen Hunde, welche still zu ihren Füßen gelegen, knurren, springen auf und machen Miene, vorzustürzen. Im gleichen Moment dringt eine fremde tiefe Stimme an ihr Ohr:

Glicht rühren, sitzen bleiben, einen Augenblick nur!"

Tie Stimine hat etwas Zwingendes, und der Blick, der sie aus dunklen, leuchtenden Augen trifft, nicht minder. Ihr gegenüber, durch hohes Gebüsch fast verdeckt, steht ein Mann, die Augen fest auf sie, dann auf ein Heft in seiner Hand gerichtet, die Rechte fährt eifrig mit sicherem Stift über das weiße Papier.

Rufen Sie die Hunde zurück!" sagt er halblaut dabei. Und das Mädchen gehorcht, es kann' nicht anders. Ein paar Minuten, dann wird das Heft zusammengeklappt, ein junger Mann mit dunklem, welligem Haar über breiter, weißer Stirn kommt, den Ströhhut in der Hand, mit zwei, drei leichten Sprüngen näher und beugt sein Knie vor der Regungslosen.

Und nun laß Dir huldigen, Waldfee", ruft er,die dem armen Sterblichen erschien, damit er das Urbild der Schönheit schauen darf, nach dem seine Seele lechzte bis zu dieser Stunde!"

Er schlägt sein Heft auf, blickt auf eins der Blätter, dann ivieder anf das holde Mädchengesicht.

Viktoria! Viktoria! Waldmärchen nenne ich es den braven Vierfüßlern nur noch einen Schuppenpanzer, ein paar Drachenflügel und etwas Feueratem die Wald­fee bedarf meiner Phantasie nicht, der könnte sie nur schaden und den wrll ich sehen, der mir bestreitet, daß es den Namen Herbert Kraneck klingen macht, soweit man Pinsel und Palette kennt!"

Der junge Maler springt auf und steht tief atmestd mit glühendem Antlitz vor dem verwirrten, noch immer regungslos dasitzenden Mädchen.

Können Sie ahnen, wie glücklich ich bin und wie dankbar! Eins meiner Bilder,Das Mädchen mit den Rosen" ich male nur Müdchenköpfe, giebt es denn auch etwas verlockenderes für Maleraugen? hat kürzlich auf einer großen Gemäldeausstellung gefallen. Man lobte es, nicht eben übersprudelnd, aber die Zeitungen sprachen davon, von dem jungen Künstler, welcher einen Fuß auf die Staffel des Ruhmes gesetzt, mit seinem nächsten Bilde sicher und so weiter, und so weiter. Das spornt an,

gewiß! Hundert Ideen gähren in dem unruhigen Kopse, eine drängt die andere. Darum, Waldfee, kam ich hier­her in Ihr grünes Reich, Ich wollte mich sammeln, sichten und klären, was in mir wogt, und fand mehr, o tausendmal mehr, als ich suchte."

Ehe sie es hindern kann, hat er sich über ihre Hand gebeugt und seine heißen Lippen darauf gedrückt.

Dank! Tausend Dank!"

In demselben Augenblick tönt der volle Klang der Schloßnhr in zwölf langhallenden Schlägen durch den Wald, und das Mädchen erhebt sich erschreckt.

Schon zwölf Uhr, ich muß gehen! Man wird mich vermissen!" Der junge Mann hält ihre Hand fest und sucht mit den leuchtenden Augen die ihren.

Aber morgen morgen sehe ich Sie wieder! Nicht wahr, Sie verweigern mir meine Bitte nicht? Ich bedarf Ihrer noch zu meinem Bilde, und ich weiß ich habe meine alten Märchestbücher nicht vergessen nicht halb beglücken holde Feen, ganz und voll schütten sie das Füll­horn ihrer Gnade über den seligen Sterblichen aus."

Sie giebt keine Antwort, sie lächelt nur, das süße, träumerische Lächeln, an welchem die traurigen Augen so wenig teil Haben, und welches vielleicht gerade dnrstm das junge Gesicht so wunderbar anziehend macht, aber als sie dann gegangenschwebend wie es Feenbrauch", murmelt der ihr entzückt nachschauende da wendet sie an der ersten Biegung des Weges das Köpfchen zurück, sie kann nicht anders.

Im Park begegnet ihr Ramberg, aber sie bemerkt ihn nicht, und als er plötzlich an ihrer Seite ist, sie an­spricht, wird sie glühend rot und giebt nur verwirrte, zusammenhanglose Antworten. Er stutzt, aus seinen müden, halbverschleierten Augen bricht ein Blitz, und tiefer neigt er den Kopf, heiße Worte in ihr Ohr flüsternd.

Aber plötzlich, sie hat ihn kaum begriffen, und sieht mit ihren ernsten Kinderaugen erstaunt in sein leiden­schaftlich erregtes Gesicht, richtet er die schlanke Gestalt höher und zwingt den blasierten Ausdruck, der ihnen sonst eigen, in die Züge.

In einem Seitenwege rauscht es wie von seidenen, flatternden Gewändern und nun, wie hingeweht, steht Gräfin Lori vor den beiden.

Sie ist atemlos wie von eiligem Laufe. Heiße Röte brennt auf ihren Wangen, ihre Lockeri sind gelöst, ihr Busen ioogt, und ihre sonst so girrende Stimme klingt heiser, als sie hervorstößt:Wir vermißten Dich bei der Früh- stückstafel, Dina! Uitb auch Sie, Eberhard!"

Ihre Stieftochter sieht sie überrascht an. Seit wand wurde ihre Abwesenheit denn überhaupt bemerkt?

Ich war im Walde, Mama, wie immer um diese Zeit", sagte sie einfach.Verzeih, wenn ich mich verspätete!"

Tas klingt so harmlos; aber warum huscht dunkle Purpurglut über die Wangen des Mädchens, warum bebt ihre Stimme? Ein böser Zug entstellt das schöne Gesicht der Gräfin, sie bückt sich und zerrt so heftig am Sgum ihres lichtblauen Kleides, welchen eine Baumwurzel ge­faßt hält, daß der kostbare Spitzenbesatz in Fetzen reifst

Und Sie, Baron, Sie leisteten meiner Tochter Ge­sellschaft?"

Er streicht mit der weißen, ringgeschmückten Hand über den dunklen Schnurrbart, ein spöttisches Zucken seiner Lippen dabei verdeckend.

Nicht doch, Gräfin, so glücklich war ich nicht! Ich erinnerte mich heute nur, daß die Schloßfrau von Welling- Hausen keine bindenden Gesetze für ihre Gäste hat und benutzte die letzte Stunde zu einer Entdeckungsreise hier im Park. Ihre neueste Laune, Lori, die Tuffsteingrotte, ist übrigens allerliebst, schade, daß ich nur durch das Fenster Einblick nehmen konnte. Wann werden Sie denn meinen profanen Händen den Schlüssel dazu anvertrauen? Soeben, als ich das Glück hätte, Komtesse zu begegnen, grü­belte ich der Frage nach."

Die Angeredete giebt keine Antwort, sie ergreift seinen Arm, heftig, leidenschaftlich geschieht es und schreitet der Stieftochter voran dem Schlosse zu. Wäre das jung­fräuliche Grafenkind nicht so völlig im Banne der eigenen Gedanken gewesen, diese Stunde hätte es belehrt, warum sein Gefühl es so beharrlich von dieser Frau abstieß.

(Fortsetzung folgt.)