Dienstag den 15. Mai.
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lie soll ich mich im großen Schwalle Zur Geltung bringen, sag' mir'S an? — Mach' eins nur trefflicher als alle, Nur eins, was so kein and'rer kann.
E. Geibel.
(Nachdruck verboten.)
„Es sah eine Linde ins tiefe Thal."
Novelle von R. Litten.
(Fortsetzung.)
Tina, die Heranwachsende Tochter des Hauses,-ging in all diesen Jahren ihren eigenen, stillen Weg. Sie lebte ihren Studien, trieb mit Herrn Engelhardt, welcher ein gut durchgebildeter Musiker war, und einst nur ungern, durch widrige Verhältnisse gezwungen, seinem Jugendtpaum, ganz seiner geliebten Kunst zu leben, entsagt hatte, eifrig Musik, ließ sich bei günstigem Wetter von seiner sanften Frau zu ihren weit und breit berühmten Rosen führen, machte ihren täglichen, weiten Spaziergang und widmete sich im übrigen dem kleinen, kräftig Heranwachsenden Bruder.
Auch wenn die Stiefmutter im Schlosse war, änderte sich wenig in ihrem Leben, und nur selten sah man die schlanke Gestalt der jungen Komtesse in den mit schwerer Pracht ausgestatteten Gesellschaftsräumen. Sie küßte dann den älteren Damen die Hand, wechselte ein paar Worte mit den jüngeren, und war gewöhnlich froh, wenn man sie unbehelligt in ihrer Fensternische ließ. Manchmal trat dann die schöne Stiefmutter zu ihr und meinte lächelnd:
„Nicht wahr, Du sehnst Dich nach Deinen Büchern und nach Wolf? Wir alten Leute sind Dir zu langweilig? Nun, dann laufe nur, ich drücke die Augen zu, und von den anderen merkt wohl niemand Dein Verschwinden."
Dina merkte den Spott der letzten Worte nicht, ebenso wenig ahnte sie, daß Gräfin Lori sich gewöhnlich erst dann ihrer erinnerte, wenn einer der Herren ihr wieder zugeflüstert: „Ihre Tochter wird süperb, Gräfin, eine Schönheit! Diese schmiegsame Gestalt, diese durchsichtige Haut und vor allem diese tiefblauen, melaüchvltschen Augen. Wo die Kleine fie nur her hat? Ich fürchte, die werden noch manchem Rätsel ausgeben, bei deren Lösung er, wenn nicht den Verstand, so doch das Herz verliert!"
Baron Eberhard von Ramberg, der Vetter der Gräfin, welcher schon den dritten Sommer in Mellinghausen verlebte, sagte gar nichts, aber seine Augen, welche unablässig- der leichten Mädchengestalt folgten, sprachen desto deutlicher. Gräfin Lori zerriß heimlich die kostbaren
Spitzen ihrer Battisttücher, wenn ihre funkelnden Blicke dasch'eMerkten, und ihr Lachen klang in solchen Augenblicken plötzlich laut und schrill. Wie lange war es denn her, daß Eberhards glühende Blicke nur ihr galten, daß er ihr zugeschworen, nie im Leben könne ein anderes Weib ihr Bild aus seinem Herzen verdrängen?
Auch jetzt, bei jedem der zufälligen und doch fo sorgfältig vorbereiteten Zusammentreffen in'der Bibliothek oder im Park versicherte er es ihr, und doch — und doch! Wie von einer Natter gestochen, ivar sie zusammengezuckt, als! er am vergangenen Tage in der Dämmerung des Laubenganges, tief unten im Park, wo sie nebeneinander auf der kleinen Bank saßen, plötzlich aus tiefem Schweigen heraus — in ihr erwachte lebhaft die Erinnerung an andere, längst vergangene Tage, wo sie ebenso gesessen, das arme Edeli fräulein und der verschuldete Rittmeister, die sich so heiß und so aussichtslos liebten — eine Frage an sie gerichtet hatte. Warum Dina noch nicht in die Gesellschaft eingeführt werde? Ihr siebzehnter Geburtstag könne doch nicht fern sein.
Sie hätte ihn in dem Augenblick erdolchen können, aber sie sagte leichthin: „Im nächsten Winter! Vorläufig würde sie noch eine traurige Figur im Salon spielen."
Auch ihrem Gemahl, dem Grafen, sagte sie das.
„Dina ist noch zu sehr Kind. Sie muß erst anders lverden, mehr aus sich heraustreten lernen. Vorläufig ist sie noch — wie soll ich es nennen, Achim? scheu und versteckt tvill ich es nicht bezeichnen, aber ich finde augenblicklich keine andere Benennung für ihr Wesen. Gesprächig und heiter ist sie eigentlich nur mit ihrer Brigitte und den Lehrersleuten. Ich fürchte immer, Achim, die arme Kleins hat einen Zug nach unten, in niedere Sphären!"
Die Wahrheit zu sagen, fürchtete die schöne Gräfin eine Einbuße ihrer Triumphe, die junge Rivalin, derest knospenhafte Schönheit schon jetzt neben der ihren, im' Zenith stehenden, bemerkt wurde.
Im Zenith, das war es ja eben! hat man den Höhepunkt erreicht, kommt das Abwärtssteigen, und — es ging der Gräfin wie allen Frauen, die nur schön sind, nichts weiter — sie fürchtete sich namenlos davor. Altwerden, erst feine, daun immer aufdringlichere Fältchen auf Stirn und Wangen entdecken, mit furchtsamen Augen die Haarflut prüfen, ob nicht ein weißes Fädchen in dem schimmernden, so oft bewunderten Gold, die Frische der Haut aus der Schminkbüchse stehlen, vertuschen, studieren, bei jedem Gewände, bei jeder Blume prüfen, ängstlich wägen, und doch die Schönheit nicht halten können, sie täglich weiter entweichen sehen, entsetzlich! Und dabei, bei all diesen heimlichen Qual, die frisch aufblühende Schönheit zur Seite, die Knospe, die, es- ließ sich nicht leugnen, eine so herrliche Blüte verhieß!
Wie die kaum dreißigjährige, noch so strahlend schön«


