Ausgabe 
15.4.1900
 
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Quell umd wusch sich unter andächtigem Schweigen Antlitz und Hände in dem vom Wintereis befreiten Wasser, der dessen belebender Frische Leib und Seele wie von der Schöpferkraft und Reinheit des jungen Lenzes durch­drungen wurden. Geläutert außen und innen, bestieg man nun die Berghöhen wieder, um der hohen Lichtspenderin entgegenzutreten, deren Aufgang die sanfte Glut des öst­lichen Himmels und das Purpurgewölk des Morgens weihevoll verkündete. Mit froher Andacht erwartete man das Emportauchen des goldenen Feuerballes und ließ sich von den ersten, blitzenden Strählen der Ostersonne berühren und sich allmählich ganz von der warmen segensvollen Lichtflut überströmen, daß ein heiliger, stiller Gottesfrieden das Herz erfüllte.

Noch ist das Osterwasserholen und das Besuchen von Bergen am Ostermorgen heute an vielen Orten gebräuchlich als Anklang an jene alten Ostersitten, aber, den einfachen, sinnigen Naturkultus der Ahnen mißverstehend, hat man den Gebräuchen geheimnisvollen, abergläubischen Sinn untergeschoben. Man schreibt dem fließenden Wasser in der Osternacht Heilkraft zu und bewahrt es sorgfältig auf. Es solle unverweslich sein, die Augen stärken, jugendlich frisches Aussehen geben u. s. w., müsse aber heimlich und unter tiefstem Schweigen beim Schöpfen, beim Hin- und Herwege geholt werden, sonst verliere es die Kraft. Man begriff eben in der christlichen Zeit nicht mehr den Grund dieses nächtlichen Ganges nach dem Osterwasser, und übte nur den althergebrachten Brauch, von dem man Wunder hoffte. Ebenso versteht man das sinnige Erwarten des Sonnenaufganges am Ostermorgen nicht mehr. Man geht auf die Berge und meint, nach der Sonne blicken zu müssen, weil diese heute beim Aufgange drei Freudensprünge thue wegen der Auferstehung Christi, und läßt sich von den ersten Sonnenstrahlen berühren, weil man dann im ganzen Jahre nie Müdigkeit empfinden werde.

Mit Sonnenaufgang brach der ostirtag an, der Oster- tag. Der wurde durch verschiedene Festlichkeiten gefeiert, die sich alle bis heute hier und da erhalten haben, wie das Osterreiten, das Todaustreiben, Ostertanz auf grünem Rasen und verschiedene Osterspiele.

Das Osterreiten ist eine Wiederholung des nächtlichen Umzuges am Tage, wieder mit Gesang, aber zu Roß. Bei dem Todaustreiben wird von den Kindern eine den Winter darstellende Strohpuppe unter eintönigem Gesang durch' den Ort getragen und ins Wasser geworfen:

Treibt den, treibt den Tod 'naus. Treibt ihn über die Haue.

Es kommt eine schöne Jungfraue, Sie hat den Tod in die Elbe gebaut, Sie ist eine schöne Jungfraue.

Anderwärts ist der Vers in den Worten mehr oder weniger abweichend. Auf dem Rückwege wird die jüngste Braut im Orte jubelnd begrüßt als die Bringerin 'neuen Lebens.

Die Osterspiele und Ostertänze, oft mit Waffen aus­geführt, symbolisieren gewöhnlich die Vertreibung des Winters, und aus ihnen gingen im Mittelalter die Mysterien oder Passionsspiele hervor.

Die Ostereier, als Sinnbild des in der Verborgenheit aufkeimenden Lebens bei den meisten Völkern angewendet, spielten auch am Ostertage unserer Vorfahren in der Kinderwelt eine Rolle, und bildeten später einen Ofter- zehent der Mönche, die das bunte Färben derselben zuerst aufgebracht und diese Eier wieder an die. Kinder verschenkt haben sollen. Man ließ und läßt die bunten Eier, die derOsterhase" in das Gras und unter die Sträucher gelegt hat, von den Kindern gern aufsuchen, wie man ja auch nach den ersten Spuren des neuen, sommerlichen Lebens int Freien suchen muß, z. B. nach dem ersten Veilchen, das man auf eine Stange steckte, um die groß und klein dann jauchzend tanzte. Ebenso spähte man nach den ersten, heimkehrenden Wandervögeln, besonders nach dem sersten Storch, der oft noch in der Neuzeit vom Stadt­türmer mit fröhlichem Trompetenstoß begrüßt wurde und in allen Herzen Frohsinn entfesselte, wie es Hans Martin Ufteri in seinem GedichteDer Frühlingsbote" mit so behaglichem Humor ausmalt. Auch der Kuckuck ist ein altangesehener vielmehr gehörter Herold des Lenzes.

Bei seinem ersten, hellfreudigem Ruse, der aus dem Walde dringt, schneidet die Hausfrau eine frische Speckseite oder Wurst an, und das Kind, das die Kunde vom Kuckuck zuerst bringt, erhält ein Ei zum Lohn.

Das sind alles alte, liebenswerte Ostersitten, die einen wohlthttenden Hauch von Poesie in das nüchterne Alltags­leben bringen. Aber sie sind alle im Aussterben begriffen, und wie lange wird's dauern, kennt man sie nur noch vom Hörensagen oder aus Büchern. Das aber wird man wohl nicht vergessen, daß Ostern eigentlich ein altes, deutsches Fest und das Fest des einziehenden Frühlings ist und daß sein Name an den freundlichen Aufgang des Lichtes erinnert, dessen Wohlthaten unsere Ahnen so hoch zu schätzen wußten, und von dem es in dem Osterliede, dessen Strophe diese Skizze einleitet: heißt:

Und das schaffende Licht, es flammt und kreist,

Und sprengt die fesselnde Hülle,

Und über den Wassern schwebt der Geist

Unendlicher Liebesfülle".

Die Auferstandenen.

Eine Ostergeschichte von Gerhard Walter.

(Nachdruck verboten.)

Es war tief im Oktober. Der Wald stand in stiller Herrlichkeit, der große Ernst des Scheidens vom Licht des Sommers lag über ihm. Wie in der Kirche war's. Kein Laut, kein Klang. Die goldenen und rotbunten Blätter des Ahorn und der Buchen hingen regungslos int klaren milden Sonnenglanz an den unbewegten Zweigen. Nur hin und wieder rieselte durch die windstille Luft ein Schwarm herab­flatternder Blätter, um lautlos sich im 'Waldmoos zu betten. Ein seiner blauer Duft lag über den Bergen des Wald- thales, in dem es zur Sommerszeit laut genug hergehen mochte, wenn der Schwarm der Reisenden sich hindurch­wälzte. Jetzt war keiner mehr da. Es war einsam, ganz einsam geworden.

Und doch war noch ein Menschenleben bemerkbar dort oben, da, wo die Hexenkanzel übers Thal hinausgebaut war, auf der vorspringenden Felskante; gerade da, wo das Thal das Knie machte. Da stand einer auf seinen Stock gelehnt, und sah in all' den Frieden hinunter. Es war ein Mann in seiner vollen .Kraft, blond, reckenhaft, aufrecht, sonnverbrannt, die blauen Augen in tiefem Ernst, sinnend auf das stille Thal gerichtet in seinem bald vergehenden Schmuck. Den Hut trug er in der Hand.

Hier ist's gut sein!" sagte er leise vor sich hin;auf den Bergen ist Freiheit!"- Und in Gedanken setzte er hinzu:

Die Welt ist vollkommen überall,

Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual!"

Da fuhr er herum. Von der Felswand neben ihm war ein Stein herabgerollt, ihm vor die Füße. Und der Fuß, der ihn gelöst hatte, gehörte einer Frau an, die auf der Höhe über der Kapelle stand, eine lichte Erscheinung unter den dunklen ernsthaften Tannen. Neben ihr stand, dumpf knurrettd, eine graue Dogge, die sie mit der freien Hand zurückhielt. Einen Arm hatte sie um einen der Stämme geschlungen und schaute hinab, weit vorgebeugt. Ihr weißes Gesicht schimmerte hervor aus dem Schatten des dunklen Gezweigs. So standen sie da und sahen einander in die Augen; er hinaus, sie hinab; beide wie erstaunt darüber, daß es außer ihnen selbst noch einen Menschen in dieser verlassenen Welt gäbe.

Auf dem Gesicht der jungen Frau lag es wie ein ängst­licher Schatten.

Ich habe mich verlaufen und verstiegen; wie komme ich da hinunter zur Kanzel?", klang eine wohllautende Stimme von oben.

Ich werde Ihnen den Weg zeigen!" rief er hinauf. Sie stand noch so da, als er nach einer kleinen Weile durch das Tannendickicht brach. Er grüßte. Sie war eine schlanke, vornehme Gestalt mit einem wundervollen Kopf unb einem feinen liebreizenden Gesicht, das jetzt von der Arbeit des Wanderns und Steigens leicht gerötet war. Sie dankte an­mutig auf seinen Gruß. Jetzt gerade brach die Sonne hinter den Tannen hervor und überflutete beide mit Licht.

Darf ich Sie führen? Reichen Sie mir Ihre Hand !