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Leiden Christi und den dritten dem Gedächtnis seiner Auferstehung. Sie behielten auch den jüdischen Namen Passah für das Fest bei, der sich als „Pascha" bei außerdeutschen Völkern -erhalten hat, und anfänglich auch die gewohnten jüdischen Gebräuche, wie das Essen des Osterlamms. Erst später führten sie dem christlichen Glauben entsprechende Ostergebräuche ein und verlegten auch die Feier des Festes nach langem .Hin- und Herstreiten, dem sogenannten Oster- streite, der 325 auf der Kirchenversammlung zu Nicäa beendet wurde, auf eine andere Zeit, nämlich auf den Sonntag nach dem Frühlingsvollmond.
Im alten Germanien fanden die Sendboten der sich auch im Abendlande ausbreitenden christlichen Kirche ein Volksfest vor, das Osterfest, das aus dem tief religiösen^ Naturgefühle des deutschen Volksgeistes hervorgegangen war, und das sie unter Beibehaltung des Namens Ostern zum Auferstehungsfest des gekreuzigten Gottessohnes umwandelten. Denn die Missionare des Christentums gingen, wie es ihnen auch vom Papste geboten worden war, mit thunlichster Schonung des Bestehenden oder gar. mit Anlehnung an dasselbe vor.
Durch die Hülle des christlichen Osterfestes schimmert daher noch heute, trotzdem ein volles Jahrtausend darauf ruht, das alte „heidnische" Germanentum mit seinem frommen Naturkultus treu hindurch. Mancher Osterbrauch, der einst mit in das christliche Auferstehungsfest hinüber- genpmmen worden war, mag im Laufe der vielen Jahrhunderte wieder ausgeschieden oder verschollen sein. Mancher aber, wenn auch nur als Bruchstück oder in merklicher Wandlung, die sein reines Gepräge verwischte, hat sich noch als festlicher oder abergläubischer Brauch und Glaube zu halten vermocht. '
Das Volksgemüt will auch dichten und träumen und sich einen stillen Goldschatz von Poesie in der Väter Sitten und Bräuchen bewahren. Nur schade, daß man oft nur noch auf eine Form ohne Inhalt stößt, daß die schöne ursprüngliche Bedeutung manches alten Volksbrauches nicht mehr verstanden wird, und der frühere, sinnige Glaube sich zu sinnlosem Aberglauben verdreht hat. Aber alter Brauch und alte Sitte lassen uns einen tiefen Blick in das Herz unserer Ahnen werfen und mahnen uns, dem, was ihnen in erloschenen, von Waldesherrlichkeit durch- ranschten Tagen heilig war, nicht mit verächtlichem Lächeln, sondern mit freundlicher Ehrfurcht gegenüberzustehen. So wollen wir es auch mit dem mehr und mehr aussterbenden Osterbrauch und Osterglauben halten, durch den noch aus ferner, längst ins Grab gesunkener Urzeit verlorene, fremde und doch wohlvertraut klingende Töne zu uns herüberzittern.
Im Namen Ostern, der unangetastet geblieben ist und bleiben wird, so lange Deutsche leben, treffen wir zuvörderst auf die sicherste Erinnerung an das alte, deutsche Osterfest. Ostara war bei den Germanen die Göttin des erwachenden Lichtes und Lebens. Sie ist der griechischen Göttin der Morgenröte ähnlich, der Aurora, und eigentlich nur eine Personifikation des aufgehenden Lichtes. In Ostern und Ost hat sich das alte Wort noch behauptet. Bei den Engländern heißt Ostern noch heute nur Easter.
Der Ostara, also dem wieder zur Herrschaft gelangten Sonnenlichte jzu Ehren, feierten unsere 'Vorfahren das große Freudenfest Ostern zur Zeit der Frühlingstag- und Nachtgleiche, am 21. März. Karl der Große, der, wie sein Biograph Einhart berichtet, den Monaten deutsche Namen gab, nannte deswegen auch den April den ostarmanoth,- Ostermonat, den Monat des wiederkehrenden Lichtes. Und die häufig in Deutschland vorkommenden Flurbenennungen Osterberg und Osterwald, und die Ortsnamen Osterburg, Osterode, Osterwieck, Osterfeld, Osterhausen, Osterhofen, Ostevholz u. s. w. erinnern noch an das althochdeutscho ostar.
Den Jubel unserer Altvorderen bei der Feier des Osterfestes können wir kaum recht fassen, die wir nicht mehr in so innigem Verkehre mit der freien Gottesnatur stehen und nicht mehr so abhängig von ihr sind, wie sie. Wir wohnen in riesigen, künstlich geordneten Steinhaufen, die wir Städte nennen, und merken nach langer Winter- qüal den Einzug des Frühlings höchstens daran, daß der letzte schmutzige Schnee hinaus auf die Felder gefahren wird, daß die Luft wärmer weht, der Himmel wieder blau,
die Tage länger werden, und die wvhlbeschnittenen Bäume und Sträucher auf den Promenaden allmählich wieder ausschlagen. Wir empfinden die Segnungen der Natur erst aus dritter Hand und ihre Poesie nur in seltenen Tagen, an denen wir einmal „aus dumpfer Häuser quetschender Enge" in die Ferne flüchten und Leib und Seele in Wäldern und auf Bergen wieder gesunden lassen können. Und sonst machen wir es uns in unseren Steinhaufen das Jahr über so gemütlich, wie es unser Beutel und der Komfort unseres Jahrhunderts nur irgend zulassen, und werden wenig vom Wechsel der Jahreszeiten angefochten.
Anders unsere Ahnen. Ihnen war es wirklich ein harter Bann, wenn die weißbärtigen Winterriesen die Herren int Lande waren, wenn der hohe Urwald schier im Schnee erstickte, wenn aus dem finster niederhängenden Himmel die wirbelnden Flocken Tag und Nacht in Wolken über die Heide trieben, wenn in "den unheimlich langen Nächten ferner Donner zu krachen schien, sobald der Frost in die Eisdecke des Stromes mächtige Risse brach, und wenn grauroter Nebel ewig die düsteren Blockhütten umhüllte, ,in denen die Menschen unthätig beim Herdfeuer auf der Bärenhaut liegen mußten. Dann war es in Wahrheit eine freudige Auferstehung, eine Erlösung aus dem Wintergrabe, wenn der Tauwind von Süden kam und die sonnigen Tage wieder zurückkehrten, die hinauslockten in das junge Grün zu freiem Leben und zu freier Bewegung. Und es ist nicht zu verwundern, daß sie den Tag, der die Rückkehr des Frühlings anzeigte, als hohen Fest- und Jubeltag feierten und jede Regung der erwachenden Natur mit heiliger Verehrung begrüßten.
Wir können aus den Trümmerresten der alten, germanischen Osterseier, die sich hier und da im Kolke noch bis in unsere Tage gerettet haben, uns ein annähernd getreues Bild dieses Naturfestes wiederherstellen.
Wie die alten Germanen nicht nach Tagen, sondern nach Nächten rechneten, so legten sie auch auf die Osternacht, mit der zugleich ein neues Jahr begann, hohen Wert. Mit Einbruch des Abends leuchteten die Osterfeuer auf allen Berghöhen und Hügeln, brennende Holzstöße und Reisighaufen, deren Flammenschein frohe Menschenhaufen herührte, die tanzend und singend sich um'das Feuer bewegten. Das war der Anfang der freudvollen, heiligen Osternacht. Niemand dachte in dieser Nacht an Schlaf. Man hielt bei dem lodernden Osterfeuer aus, bis es niedergebrannt war. Vor dem Erlöschen suchte aber jeder einen Feuerbrand zu erhaschen und daheim das zuvor ausgelöschte Herdfeuer damit frisch anzuzünden für das kommende Jahr. Wie die heiligen Feuer ringsum im ganzen Lande gleich tausenden niedergesunkener Sterne fernher durch die Nacht leuchteten, so glühte die Freude über die Einkehr der Licht und Leben bringenden Tage in aller Herzen.
Die Sitte des Osterfeuers hat sich im Norden Deutschlands bis auf den heutigen Tag erhalten, namentlich in Niederhessen, Westfalen, Friesland, Jütland und Seeland. Anderwärts lodert es nur noch sehr vereinzeilt aus.
War das Osterfeuer erloschen, so zog alles, was gehen konnte, in langem, geschlossenem Zuge den übrigen Teil der Nacht in der heimatlichen Gegend umher über Berg und Thal und unter ununterbrochenem, feierlich aufsteiqen- dem Gesänge.
In den Dörfern an der oberen Elbe, an der sächsischen und böhmischen Grenze, wo, als einem stets von Deutschen bewohnt gewesenen Waldgebirge, sich viele uralte germanische Gebräuche treu erhalten haben, vernimmt man noch alljährlich die ganze Osternacht hindurch das „Ostersingen", für das alte, choralmäßige Lieder, mit verändertem, alt- kirchlichen Text, der in der Tradition fortlebt, wochenlang vorher fleißig in den Häusern eingeübt werden. Man kann sich seltsamer Empfindungen nicht erwehren, wenn man den dumpfen, vielhundertstimmigen Gesang immerfort vom Abend bis zur Morgendämmerung vernimmt, bald langsam in dunkler Ferne ersterbend, wenn der Zug durch Schluchten und Gründe wandelt, bald wieder näher und stärker hervorbrechend, und an den Felsen ein tiefes Echo weckend, als antwortete von dort ein geisterhafter Sang aus alter, germanischer Heidenzeit.
Im Dämmergrau des Ostermorgens begab man sich dann nach beendigtem Umzuge an irgend einen sprudelnden


