Ausgabe 
15.4.1900
 
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Zum Hkerfeste 1900.

Von Alwin Römer.

Nachdruck verboten.

Das war gar harte, schlimme Zeit, Wie lange nicht auf deutscher Erden: So sturmdurchbraust und argverschneit, Als wollt' es nimmer Frühling werden! Verödet lagen Berg und Thal Im Banne böser Winterkünste, Und jeden holden Sonnenstrahl Erstickten graue Nebeldünste! . . .

Nun endlich hat mit Siegfriedskraft Der junge Lenz das Feld erstritten, Und all die langentbehrte Pracht Erblüht jetzt unter seinen Schritten; Mit grünem Sammet überwellt Hat er die dunklen Ackerkrumen, Wohin sein Sonnenauge fällt, Erwachen gold'ne Schlüsselblumen.

Die Anemonen schimmern weiß, Zum Thale duft'ge Veilchen locken; Und erst der Kirschbaum, Reis um Reis, Ist bald verschneit von Blütenflocken . . . Die Lerche aber, dankbereit, Schwingt sich hinauf und grüßt die Sonne Und ihn, der uns zur Osterzeit Beschert so reiche Lenzeswonne! . . .

Du kannst dem Zauber nicht entfliehn . . Was willst Du noch in Zweifeln schwanken? Laß Deine Seele mit ihr ziehn Und mit ihr jauchzen, mit ihr danken! Zu all' den Wundern lenk' den Fuß, Vergiß des Werktags Last und Mühe, Und lausche auf den Heilandsgruß Im Sphärenklang der Osterfrühe!

Er schreitet segnend durch die Flur, Der Retter, der den Tod bezwungen; Und fühlst Du rechte Sehnsucht nur, So ist sein Gruß Dir bald erklungen; Und was den Sinnen tief verborgen. Erspürt, in Andacht still geweiht, Dein selig Herz am Ostermorgen: Den Gotteshauch der Ewigkeit! . . .

Osterbrauch und Osterglaube.

Vpn Martin Beck.

(Nachdruck verboten.)

Die Glocken läuten das Ostern ein In allen Enden und Landen, Und frohe Herzen jubeln darein: Der Lenz ist wiedererstanden".

(Adolf Böttger.)

Das ist die eigentliche und ursprüngliche Osterfreude:. die ausbrechende Wonne an der großen Auferstehungs­feier der Natur, die überall in Augen und Herzen selig widerstrahlt, wie die leuchtende Frühlingssonne an glän­zenden Knospen und Zweigen. Was erstorben schien im langen, schweren Winterschlafe, erwacht leise zu neuem' Leben, und jeder, auch der schüchternste Lenzesbote wird froh begrüßt.

Das Fest des einziehenden Frühlings ist das Oster­fest seit grauer Vorzeit bei den naturfrohen germanischen' Völkern, und erst das vordringende Christentum gab dem alten Feste, weil die Zeit und Bedeutung der Feier die Hand dazu boten, die neue, kirchliche Bedeutung der Auf­erstehung des Heilandes aus dem Grabe. Und beide Be­deutungen durchdrangen einander, da beiden der eine, tiefe Sinn zu Grunde lag: der Tod vernichtet, um zu erneuen.

Jeder sonnt sich heute so gern.

Sie feiern die Auferstehung des Herrn".

Goethe wird damit dem Doppelsinn des Osterfestes, dem germanischen und dem christlichen Ostern gerecht.

Daß Ostern ein uraltes, deutsches Fest ist, sagt schon sein dem Althochdeutschen entstammender Name, der nur in Deutschland gebräuchlich ist. Für das Auferstehungs­fest Christi haben sonst alle den Deutschen benachbarten Völker die BezeichnungPascha", ein gräcisiertes hebrä­isches Wort. Einige slavische Stämme bildeten auch, im Hinblick auf die christliche Bedeutung des Festes, neue Namen für dasselbe.

Ostern ist als christliches Fest das älteste. Es entstand aus dem jüdischen Passahfeft. Das hat seinen Namen Dion Pesach, chaldäisch Paschah, d. h. schonen, weil die Pest, Jehova's Würgengel, beim Auszuge der Israeliten an den Hütten derselben vorüberging, und wird bekannt lich zum Andenken an jenen Auszug aus Aegypten gefeiert. Die Apostel, wie in der Apostelgeschichte und. im ersten Korintherbrief erzählt wird, und die ersten Christen feier­ten das Auferstehungsfest Christi mit dem Passah der Juden zugleich i;n der Nacht vom 14. auf den 15. des Monates Nisan oder April, des ersten Monats im jüdischen Kirchen­jahre. Diese Nacht, in der das Passahlamm gegessen wurde, galt bei den Christen der Erinnerung an das letzte Mahl Jesu. Den folgenden Tag weihten sie dem Andenken deü